Scharfe Kritik am Umgang mit Germanwings-Unglück "Veröffentlichung ist ein Vertrauensbruch"

Nach der Veröffentlichung erster Ermittlungsergebnisse im Fall des verunglückten Germanwings-Fluges wird Kritik am Vorgehen der Behörden laut. Piloten bemängeln den Umgang mit sensiblen Informationen.

Der französische Staatsanwalt Brice Robin (Mitte) gab auf einer Pressekonferenz am Donnerstag persönliche Daten des Co-Piloten preis. Quelle: ap

Die Veröffentlichungen der ersten Ermittlungsergebnisse im Fall der verunglückten Germanwings-Maschine deuten auf eine schockierende Schuld des Co-Piloten hin. Bei vielen Piloten stößt der Umgang mit den sensiblen Daten auf Kritik. Es sei unmöglich, dass die Informationen so an die Öffentlichkeit getragen werden, heißt es in Pilotenkreisen.

Die Flugzeugkapitäne kritisieren zum einen, dass die ersten Erkenntnisse so schnell veröffentlicht wurden. Zum anderen würde bereits über Schuldzuweisungen und Maßnahmen diskutiert, obwohl das vollständige Band des Stimmrekorders bislang nur von wenigen Behördenmitgliedern gehört worden sei.

Auf massive Kritik stößt auch der Umstand, dass die französische Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz am Donnerstag den vollständigen Namen des Co-Piloten, seinen Heimatort und sein Alter nannte.

"Absichtlicher Sinkflug"

Nach den ersten Ermittlungserkenntnissen auf Grundlage der ausgewerteten Audiodateien aus dem Stimmrekorder sehen die Behörden im Co-Piloten den Schuldigen für den Absturz. Er soll den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und anschließend den Sinkflug des A320 eingeleitet haben. Bei dem Absturz in den französischen Alpen am Dienstagvormittag starben 150 Menschen. Weil auf den Tondateien laut Staatsanwalt das gleichmäßige Atmen des Co-Piloten zu hören ist, gehen die Ermittler davon aus, dass er den Absturz bei vollem Bewusstsein und absichtlich herbeigeführt hat.

Die Fakten zum Germanwings-Absturz

Warnung vor voreiligen Schlüssen

Die IFALPA, ein weltweiter Zusammenschluss nationaler Berufsverbände der Flugzeugführer, verurteilt die Veröffentlichung dieser Erkenntnisse. „Nicht nur, dass diese Leaks im Widerspruch zu den international vereinbarten Grundsätzen der Vertraulichkeit bei Unfalluntersuchungen stehen. Sie sind auch ein Vertrauensbruch gegenüber allen, die an den Untersuchungen beteiligt sind - und gegenüber den Familien der Opfer“, heißt es in einer Mitteilung.

Die Details der Stimmrekorder-Auswertung sollten erst nach einer genauen und vollständigen Analyse des Unglücks veröffentlicht werden. Die vorzeitige Bekanntgabe nicht analysierter und unvollständiger Aufzeichnungen beeinträchtige den Ermittlungsprozess und könne nur zu voreiligen Schlussfolgerungen führen.

Die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit warnt vor voreiligen Schuldzuweisungen und davor, vorschnell Maßnahmen als Folge des Unglücks zu ergreifen. "Wir dürfen keine voreiligen Schlüsse auf der Basis von unvollständigen Informationen ziehen. Erst nach Auswertung aller Quellen werden wir wissen, was die Gründe für diesen tragischen Unfall gewesen sind", so Ilja Schulz, Präsident der Vereinigung Cockpit.

„Wir verstehen, dass viele Fakten auf eine bestimmte Theorie für die Ursache für dieses Unglücks hinweisen“, erklärt die europäische Pilotenvereinigung ECA. Dennoch bleiben viele Fragen in diesem Stadium unbeantwortet. Viele Piloten befürchten, dass durch voreilige Schuldzuweisungen und Verdächtigungen der ganze Berufsstand in Misskredit gebracht wird.

Nach Bekanntwerden der möglichen Schuld des Co-Piloten hat das Rätselraten um dessen Motiv begonnen. In vielen Medien wird nun über psychische Erkrankungen spekuliert. Deutsche Ermittler haben bereits die Wohnungen des Co-Piloten nach Hinweisen durchsucht.

Zudem wird kontrovers darüber diskutiert, ob eine zweite Person im Cockpit das Unglück hätte verhindern können.

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