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Schicksalsjahre für Tui Milliarden-Fusion mit Rückenwind und neuen Aufgaben

Die Fusionspläne mit Tui Travel sind geglückt, das Sparprogramm oneTui greift, die Bilanz stimmt: Tui hat ein ziemlich gutes Jahr hinter sich. Doch für den Reise-Giganten gehen die Herausforderungen weiter.

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Tui-CEO Friedrich Joussen Quelle: dpa Picture-Alliance

„Es war ein erfolgreiches Jahr“, sagt er und schiebt mit stolzer Stimme hinterher: „Das nächste wird es auch“. Dieser Mittwoch ist ein guter Tag für Friedrich Joussen. Der Geschäftsführer der Tui AG gibt auf der Bilanz-Pressekonferenz den Sieger.

Tui geht mit viel Rückenwind in Milliardenfusion mit der Tochter Tui Travel. Im abgelaufenen Geschäftsjahr legte der Umsatz des Gesamtkonzerns um ein Prozent auf 18,7 Milliarden Euro zu. Wichtiger noch: Tui kehrt in die Gewinnzone zurück. 105 Millionen Euro Plus, statt elf Millionen Minus in 2013 zuvor. Seinen Aktionären verspricht der Konzern eine Dividende von 33 Euro-Cent je Aktie.

Wie TUI wachsen will

Besonders erfreulich für den Reiseriesen: Der Aufschwung betrifft alle Geschäftsbereiche. Die britische Tochter Tui Travel hat ihre Zahlen bereits in der vergangenen Woche vorgelegt und mit einem kräftigen Gewinnplus die Erwartungen der Analysten deutlich übertroffen. Aber auch im Hotelgeschäft legte der Konzern gut zu. Joussen verkündete gestiegenen Umsatz, eine gute Nachfrage und höhere Durchschnittserlöse pro Bett.

Bei den Kreuzfahrten hat der Konzern die selbstgesteckten Ziele übertroffen. Machte der Bereich 2013 noch knapp 14 Millionen Miese, liegt das operative Ergebnis 2014 bei einem Plus von zehn Millionen. Im Gegensatz zu Tui Cruises ist die Hapag-Lloyd-Flotte trotz deutlicher Verbesserungen allerdings weiter ein Verlustgeschäft.

Der Erfolg des Sparens

Diese Entwicklung gibt offenbar Zuversicht. Für das laufende Geschäftsjahr strebt Tui beim bereinigten Ebita zehn bis fünfzehn Prozent Wachstum an. Damit würde der Konzern die von Joussen ausgegebene Richtmarke „rund eine Milliarde“ erreichen.

Die positive Entwicklung von Tui überrascht in ihrer Deutlichkeit, die Tendenz jedoch war klar. Seit Joussen im Oktober 2012 die Führung übernahm, kam der lange kriselnde börsennotierte Konzern wieder auf Kurs. Die Zahlen entwickelten sich gut, die Aktie hat sich erholt. Trotz kleinerer Einbrüche liegt ihr Wert derzeit mehr als drei Mal so hoch wie noch Mitte 2012.


Joussen kam, um zu sparen - und hatte Erfolg. Mit dem Strategieprogramm oneTui griff der ehemalige Vodafone-Manager durch, strich unter anderem 100 Arbeitsplätze in der Hannoveraner AG-Zentrale, schaffte die firmeneigenen Jets ab und kündigte sämtliche Sponsorenverträge. Er drückte die Kosten der Zentrale von 73 auf knapp 45 Millionen Euro, und sparte der Holding im laufenden Geschäftsjahr weitere Millionen an Zinsen durch Umschuldung.

Tui-Aktien ab 17. Dezember an der Börse

Mit der genehmigten Übernahme der britischen Tochter Tui Travel gelang Joussen Ende Oktober aber der wohl wichtigste Coup. „Geburtsstunde einer neuen Tui AG“ nannte er den entscheidenden Moment auf der außerordentlichen Hauptversammlung.

Jetzt steht der Abschluss der Fusion kurz bevor: Ab dem 12. Dezember werden die neuen Tui-AG-Aktien ausgegeben. Am 17. Dezember notieren sie an der Londoner Wertpapierbörse.

Zahlen zu Vergleichsportalen der Reiseanbieter

Es ist das Ende einer schlechten Notlösung und läutet den Abbau überflüssiger, teurer Doppelstrukturen ein – zur Freude vieler Analysten: Der Abschluss der Fusion mit Tui Travel vereinfache die Struktur des Reisekonzerns erheblich, heißt es etwa aus der Berenberg-Privatbank. Die Commerzbank sieht Tui wegen der zu erwartenden Synergie-Effekte in einer Aufwärtsspirale.

Tatsächlich ist das Potential enorm: Einmaligen Integrationskosten von rund 45 Millionen Euro stehen laut Tui gigantische Einsparpotentiale entgegen. 65 Millionen Euro Ersparnis im operativen Geschäft soll der Schritt bringen. Dazu kommen jährlich steuerliche Vorteile, die sich auf Basis des vergangenen Geschäftsjahres auf weitere 35 Millionen Euro pro Jahr addieren.

Die Mängel der Fusionspläne

Was Analysten und Anleger freut, gefällt nicht jedem uneingeschränkt. “Die Fusion ist bislang vor allem darauf ausgerichtet, Kosten zu sparen”, sagt Edgar Kreilkamp, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Tourismusmanagement an der Leuphana-Universität Lüneburg. “Was fehlt, ist eine Forcierung der Qualitätsstrategie.”

Für den Branchenkenner ist abseits der Spar- und Synergieversprechen vom Tui-Chef zu wenig zu hören. Tui müsse für die eigenen Angebote mehr Alleinstellungsmerkmale schaffen, die auch höhere Preise rechtfertigen. Die starke Konzentration auf das Mainstreamgeschäft setzt Tui weiter einem starken Preiswettbewerb aus.

Die größten Reiseportal-Betreiber
HLX - Start am 7. Dezember 2012 Quelle: Screenshot
Platz 10: Travelocity Europe Quelle: Screenshot
Platz 9: Travix (BCD) Quelle: Screenshot
Platz 8: RTK-Gruppe Quelle: Screenshot
Platz 7: Comvel - Weg.de Quelle: Screenshot
Platz 6: TUI Deutschland Quelle: dpa
Platz 5: Holidaycheck

Auch auf der Bilanzpressekonferenz gibt sich Joussen in Bezug auf den Wandel wortkarg. Vor dem Closing sei es unüblich, über die neue Strategie zu sprechen, sagt er. Den ganz großen Umbruch wird es aber nicht geben. „Es wir bei uns nicht passieren, dass nach dem Merger alles anders und keiner mehr arbeitsfähig ist“, verspricht Joussen. Immerhin so viel erklärt der Tui-Chef: Einen „Kahlschlag“ bei den Arbeitsplätzen, die durch die Aufhebung der Doppelstrukturen von Tui und Travel-Tochter überflüssig sind, werde es nicht geben.

Vision von Friedrich Joussen

Abseits von den Ersparnissen und Steuervorteilen ist zumindest das grundsätzliche Ziel des Mergers klar: Joussens Vision ist ein integrierter Tourismuskonzern. Von der Beratung und Buchung im Reisebüro über die Anreise bis zum Aufenthalt im Hotel oder auf dem Kreuzfahrtschiff soll Tui an jeder Facette des Urlaubs mitverdienen.

Durch eine engere Verknüpfung zwischen den einzelnen Bereichen soll unter anderem die Hotelauslastung gesteigert werden. Tuis beindruckende Rechnung: Schon ein Prozent höhere Auslastung bringt Millionen mehr Umsatz.

Dazu baut Tui sein Geschäft sogar aus: Im November gründete der Konzern seinen eigenen Mobilfunk-Ableger. Tui Connect soll Urlaubern mobile Kommunikation auch im Ausland ermöglichen - ohne Roaming-Gebühren.

Insgesamt kein schlechter Plan, glaubt Kreilkamp. Doch mit ein paar neuen Hotels und zwei Schiffen, deren Bau Joussen bereits angekündigt hat, sei es nicht getan. Es fehlten wichtige Bestandteile zum Beispiel bei der Hotelvermittlung: „Tui hat es bislang nicht geschafft, im Online-Handel eine bedeutende Position aufzubauen“, sagt Kreilkamp. „Doch da ist das Wachstum.“ Im Konkurrenzkampf mit großen Onlineplattformen wie TripAdvisor und booking.com nützt Tuis Stärke im Reisebürogeschäft wenig.

Kreilkamp befürchtet jedoch, dass der Blick auf die Zufriedenheit der Anleger einer mutigen Wachstumsstrategie in diesem Bereich im Wege steht. „Investitionen in neue Geschäftsbereiche widersprechen der Kurspflege”, glaubt Kreilkamp. Zurzeit geht es eher darum, die finanziellen Ziele zu erreichen. „Daher konzentrieren sich die Investitionen lediglich auf den Bau neuer Hotels und Kreuzfahrtschiffe.“

Unternehmenskultur muss sich "einschleifen"

Nicht nur die verpassten Chancen der Vergangenheit werden Tui in Zukunft Probleme bereiten. Die Fusion an sich wird vermutlich zäher, als von Joussen nach außen getragen. „Nun wächst zusammen, was zusammen gehört”, rief Joussen im Oktober aus und betonte die Gemeinsamkeiten von Tui und der britischen Travel-Tochter. Und: „Bei diesem Zusammenschluss stimmen die Rahmenbedingungen auch kulturell.“

Reiserückblick


Schöne Managerworte um die Fusion schmackhaft zu machen, keine Frage. Und zumindest für die Chefetage scheinen sie zuzutreffen, der Übergang verläuft bislang friedlich. Einen Machtkampf mit Tui-Travel-Chef Peter Long konnte Joussen vermeiden. Schon nach einem Jahr Doppelspitze geht Long in den Aufsichtsrat, Joussen übernimmt allein die Spitze und Long wird damit formal zu Joussens Chef.

Doch in den Konzern müssen die Veränderungen und gemeinsamen Strategien erst getragen werden. Bislang kocht jeder sein eigenes Süppchen. Das trifft nicht nur auf das Mainstream-Geschäft, sondern vor allem die Spezialsegmente von Yacht-Verleih bis Studienreiseanbieter zu.

Dienstleister




„Die Tui hat durch die vielen Zukäufe in der Vergangenheit zu viele Marken im Portfolio“, warnte der Tourismus-Experte und Marketing-Professor Peter Schütz zuletzt in der WirtschaftsWoche. Zwischen denen gibt es zudem zu wenige Berührungspunkte und zu wenig Ideenaustausch – auch über Landesgrenzen hinweg. “Tui besteht aus mehreren Gesellschaften mit einer großen Holding darüber”, urteilt Kreilkamp. “Das ist noch kein einheitlicher Konzern.”

Die Arbeit im operativen Geschäft werde sich in den kommenden Jahren „einschleifen“ müssen, sagt Joussen. Wohlwissend, dass ein zentraler Einkauf noch lange keine gemeinsame Unternehmenskultur schafft. Auch nicht bei der Tui.

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