Schienenverkehr Bahn und Gewerkschaft verdummen Fahrgäste

Erst war es Vorstandschef Rüdiger Grube, der drohte, er müsse die Fahrpreise um zehn Prozent erhöhen, wenn die Deutsche Bahn künftig nicht mehr von der Ökostromumlage befreit würde. Und jetzt behauptet auch noch Eisenbahner-Gewerkschaftschef Alexander Kirchner, dass solche Mehrkosten „unweigerlich auf die Fahrpreise umgelegt werden müssten“. Mehr Verdummung geht kaum noch.

Diese Unternehmen produzieren ihren Strom selbst
VolkswagenVolkswagen betreibt inzwischen eigene Kraftwerke unterschiedlicher Art an fast allen Standorten. Im Werk Emden läuft zum Beispiel eine Biomasseanlage. Dabei sind die Anlagen nicht alle umweltfreundlich. Viele werden von Dieselmotoren der Konzerntochter MAN angetrieben. Aber der Wille von Konzernchef Martin Winterkorn zur dezentralen Eigenversorgung mithilfe erneuerbarer Energien ist da. So will VW 600 Millionen Euro bis zum Jahr 2020 für den Ausbau erneuerbarer Energien an den Unternehmensstandorten ausgeben Quelle: dpa
Aldi SüdStromerzeuger in besonders großem Stil ist der Discountgigant Aldi Süd geworden. Auf rund 300 Dächern seiner Filialen hat der Billigriese aus Mülheim an der Ruhr Solaranlagen schrauben lassen. Hinzu kommen riesige Panelflächen auf den Dächern von 30 Logistikzentren. Damit ist Aldi in der Lage, Strom mit einer Gesamtleistung von über 70 Megawatt zu produzieren, immerhin ein Zehntel eines kleinen Kernkraftwerks. Die prognostizierte Stromproduktion aller Anlagen pro Jahr liegt bei 71 Millionen Kilowattstunden. Das entspricht laut Aldi-Angaben dem Stromverbrauch von rund 24.000 Vier-Personen-Haushalten. Gerechnet auf zwölf Monate werde Aldi Süd fast die Hälfte der produzierten Menge für den Eigenverbrauch nutzen, heißt es aus dem Discount-Imperium Quelle: dpa
Metro-GroupDer Düsseldorf Handelskonzern Metro hat Anfang des Sommers 2013 für seine Großverbrauchermärkte am Konzernsitz sowie in Berlin-Marienfelde eigene Blockheizkraftwerke in Betrieb genommen. Künftig können die beiden Standorte sich selbst mit Strom und Wärme aus Erdgas versorgen. Die beiden Kraftwerke wurden in Kooperation mit dem ebenfalls in Düsseldorf beheimateten E.On-Konzern errichtet, der für den Gaseinkauf verantwortlich ist. „Dank der Blockheizkraftwerke können wir die Energieversorgung für die beiden Standorte langfristig sichern und zugleich die Kosten beträchtlich senken“, sagt Olaf Schulze, Geschäftsführer der Metro Properties Energy Management. „Mit einer Eigenproduktion können alle Kosten, die mit dem Netzbezug verbunden sind, wie zum Beispiel EEG-Umlage und Nutzungsentgelte, vermieden werden.“ Quelle: dpa
ReweDer Kölner Lebensmittel-Filialist Rewe schickte vor wenigen Wochen für ihr Logistikzentrum in Eitting bei München ein Biogas-Blockheizkraftwerk an den Start. Die Anlage versorgt den mehr als 60.000 Quadratmeter großen Büro- und Lagerkomplex dezentral und bedarfsgerecht mit umweltfreundlicher Energie. In den Sommermonaten wird mit der Heizenergie Kälte produziert, was die Großkälteanlagen für das Tiefkühl- und Kühllager des Logistikzentrums entlastet. Die rund 4,5 Millionen Kilowattstunden Strom, die pro Jahr produziert werden, werden in das Stromnetz eingespeist. Quelle: dpa
Molkerei GropperNeben Joghurts, Kaffeespezialitäten und Säften produziert die bayrische Molkerei Gropper seit Beginn des Jahres auch Energie. Die durch das gasbetriebene Blockheizkraftwerk gewonnene Energie kommt dabei in erster Linie der Stromversorgung zugute, die zu 65 Prozent den Eigenbedarf deckt. Auch Gropper erzeugt aus einem Teil der Abwärme Kälte, um damit seine Produkte zu kühlen. Mit dem anderen Teil wird Wasserdampf erzeugt, der der Herstellung von Joghurt, Pudding oder haltbarer Sahne dient. „Die steigenden Kosten der vergangenen Jahre, auch im Energiebereich, haben diesen Schritt für uns notwendig und auch sinnvoll gemacht“, sagt Gropper-Inhaber Heinrich Gropper. Er geht davon aus, dass er sein Blockheizkraftwerk bald ausbauen wird, um den Energiebedarf langfristig nur noch aus Eigenproduktion zu decken. Quelle: dpa
StuteAls Vorreiter der Eigenversorgung in der Lebensmittelindustrie gilt der Handelsmarkenproduzent Stute in Paderborn, der Säfte und Konfitüre für Handelsunternehmen wie Aldi herstellt. Das Familienunternehmen hat in den vergangenen Jahren fast 15 Millionen Euro investiert: 9,5 Millionen Euro flossen in mehrere Fotovoltaik-Anlagen, die sich am Firmensitz auf Dächern und Freiflächen mittlerweile auf 95.000 Quadratmetern erstrecken. 4,5 Millionen Euro steckte Stute in drei Windräder, die pro Jahr 7,2 Millionen Kilowattstunden liefern. Den Energiemix komplettiert eine Biogasanlage, die mit Abfällen aus der Fruchtverarbeitung arbeitet. Die Investitionen in die Autarkie zeigen Wirkung. Stute liegt bei der Eigenversorgung mit Strom schon bei rund 50-Prozent. Und das zu günstigen Tarifen. Weil keine Abgaben für den selbst produzierten und verbrauchten Strom anfallen, rechnet Stute mit Stromkosten von weniger als fünf Cent pro Kilowattstunde – fast so wenig, als würde sich das Unternehmen jeden Tag preiswert auf dem Spotmarkt an der Leipziger Strombörse bedienen. Quelle: dpa
BMWVier knapp 180 Meter hohe Windmühlen stehen am Westrand des BMW-Werksgeländes in Leipzig. Im Herbst dieses Jahres startet dort die Serienproduktion des Elektrofahrzeugs BMW i3, im Frühjahr 2014 soll die Sportwagenvariante BMW i8 folgen. Die vier Mühlen schaffen eine Leistung von zehn Megawatt und sollen mehr als 25 Millionen Kilowattstunden pro Jahr liefern, so viel, wie 8000 Haushalte verbrauchen. Weht kein Wind, muss BMW seinen i3 mit ganz ordinärem Strom aus dem öffentlich zugänglichen Netz produzieren. Der Strom der Windräder allerdings ist komplett dem Verbrauch im Werk vorbehalten und geht nicht ins Netz. Realisiert hat das Projekt der Entwickler wpd aus Bremen. Er betreibt den Miniwindpark und verkauft den Strom an BMW. Quelle: dpa

Die Deutsche Bahn ist fast vollständig von der Umlage für die höheren Kosten des Stroms aus erneuerbaren Energien befreit. Würde sie dieses Privileg verlieren, müsste sie laut Grube 500 Millionen Euro pro Jahr an zusätzlichen Ausgaben stemmen. Keine Frage, das wäre nicht schön für den Schienenriesen. Doch bezahlen könnte er das. Selbst nach Grubes aktueller Planung, die den Ansatz vor einem Jahr fast halbierte, soll die Bahn 2014 ein operatives Ergebnis nach Abzug der Zinsen und vor Steuern von fast 1,4 Milliarden Euro einfahren. Nach Abzug der drohenden Ökostromumlage blieben also mindestens knapp 900 Millionen Euro Gewinn. Die Gefahr, dass die Bahn durch die Ökostromumlage in die roten Zahlen zuckelt, ist gleich null.

Ein Autokonzern, dem eine solche Belastung ins Haus stünde, würde bestimmt nie drohen, er müsse im gleichen Maß die Preise erhöhen. Allein, er könnte das gar nicht. Denn dazu ist der Wettbewerb in der Branche zu groß. Konkurrenten etwa aus Japan würden das sofort ausnutzen.

Genau darin aber liegt des Pudels Kern. Denn auf die Idee, die Preise einfach zu erhöhen, kann nur verfallen, wer in bestimmter Hinsicht eine monopolartige Stellung besitzt. Und dies tut die Bahn. Zwar betont der Staatskonzern immer, im Wettbewerb mit dem Auto zu stehen. Doch das stimmt nur in engen Grenzen. Es gibt eine große Zahl von Pendlern, Geschäftsreisenden und anderen Fahrgästen, die faktisch nicht die Möglichkeit haben, zwischen den Verkehrsmitteln auszuwählen. Sie sind auf die S-Bahn, den Regional-Express, den Intercity oder den ICE angewiesen. Müssten diese Kunden nicht fast jede Preiserhöhung schlucken, würden sich Bahn-Chef Grube und Gewerkschafter Kirchner nie trauen, derart zu drohen.

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Wenig einleuchtend ist der angebliche Zwang, dass die Bahn wegen der Ökostromumlage gegebenenfalls die Preise erhöhen müsse, auch im Regionalverkehr. Hier hat die Bahn mit den Bundesländern Verträge geschlossen, welche Fahrleistung das Unternehmen für wie viel Geld vom Staat zu erbringen hat. Bisher war es so, dass die Landesregierungen immer die Kosten übernahmen, wenn die Züge mehr für die Fahrt auf dem Schienennetz bezahlen mussten als bei Vertragsabschluss. Wenn die Länder die Erhöhung des Wegezolls bezahlen, wieso dann nicht auch die unvorhersehbare Ökostromumlage?

Dass die Bahn von der Ökostromumlage befreit bleiben muss, ist sowieso nicht einzusehen. Müsste sie dafür aufkommen, hätte sie dadurch keinen Nachteil, weil alle Wettbewerber in Deutschland auf der Schiene dann die Umlage auch bezahlen müssten. Sorgt sich der Staat als Eigentümer, die Bahn hätte dann nicht genügend Mittel für Investitionen, gibt es zwei Auswege: Entweder er verzichtet auf die Ausschüttung einer Dividende. Oder er stärkt die Bahn mit einer Kapitalerhöhung. Eigentlich wäre dies der sauberste und gerechteste Weg. Denn wer seinem eigenen Unternehmen die Ökoumlage aufbürdet, sollte auch für die betriebswirtschaftlichen Folgen aufkommen. Das jedenfalls würde unseriösen Drohungen, die Fahrpreise erhöhen zu „müssen“, jede Grundlage entziehen.

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