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Selbstversuch Mehr als ein Hype? Bamberg und die E-Scooter-Revolution

E-Scooter des Unternehmens Bird vor der Regnitz in Bamberg. Die bayerische Stadt hat als erste in Deutschland eine Sondergenehmigung für einen Testbetrieb erhalten. Quelle: Stadtwerke Bamberg; Matthias Hoch

Erstmals lässt eine deutsche Stadt Tretroller mit Elektromotor auf die Straßen. Sieht so die Mobilität der Zukunft aus? Ein Erfahrungsbericht aus Franken.

Florian Hähnels Begeisterung ist schneller geweckt, als das Objekt seiner Begierde beschleunigen kann. Beim Bummel durch die Gassen der Bamberger Altstadt hat der Besucher aus Nürnberg einen Tretroller mit Elektromotor entdeckt. Sofort geht sein Blick zur Partnerin: „Ich hätte total Lust, es mal auszuprobieren.“

In kaum einer Minute hat ein Mitarbeiter der Stadtwerke ihn eingewiesen, schon saust Hähnel – die graue Steppjacke bis zum lässig um den Hals geschlungenen Wollschal geschlossen – die Fußgängerzone hinauf. Der erste Eindruck? „Ganz schön schnell, daran muss man sich gewöhnen, aber es macht Laune. Das dürfte gut angenommen werden.“

Nun, damit hat Hähnel offenbar untertrieben. Seit Bamberg als deutscher Pionier E-Scooter auf öffentlichen Straßen dank einer Sondergenehmigung erlaubt hat, kommt die fränkische Universitätsstadt der Resonanz bei abenteuerlustigen Anwohnern und weitgereisten Interessenten aus Fahrradclubs und Kommunen kaum hinterher. 700 Bürger wollten in der sechswöchigen Testphase einen der 15 E-Scooter ausprobieren, 300 Glückliche kamen wie Hähnel zum Zug.

E-Scooter-Test: Wie alltagstauglich sind die neuen Tretroller?

Projektleiter Michael Fiedeldey ist begeistert. Der Stadtwerke-Chef schiebt voran, ein „passionierter Radfahrer“ zu sein, um dann zu gestehen, innerhalb der 75.000-Einwohner-Stadt bei jeder Gelegenheit den E-Scooter zu nutzen – „weil es schneller ist als mit dem Auto“. Aufrichtige Begeisterung oder PR-Gag? Nötig hat die Stadt künstliche Aufregung jedenfalls nicht. „Die Nachfrage hat unsere Erwartungen weit übertroffen“, sagt Fiedeldey.

Aber bestehen die etwa 12,5 Kilogramm schweren und auf 20 Stundenkilometer gedrosselten Roller auch den Praxistest „im fränkischen Rom“? Diesen Beinamen hat man Bamberg wegen seiner sieben Hügel gegeben. Die Probefahrt führt nicht nur etliche Steigungen hinauf, die eine Radtour schnell zum Workout werden lassen, sondern auch über Kopfsteinpflaster und durch verwinkelte Gassen.

Zwei kräftige Schübe mit dem linken Bein, ein sanfter Druck mit dem rechten Daumen auf den Hebel, der am Lenker montiert ist: Schon surrt der E-Scooter los. Binnen Sekunden ist die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Die in Bamberg gut ausgebauten Fahrradwege halten Autos und Fußgänger meist auf gewisser Distanz. In der Altstadt wird es aber schon mal eng.

Stadtwerke-Chef Fiedeldey sagt: Die Elektrotretroller made in China hätten sich „auf den sieben Hügeln Bambergs bewährt“. Das stimmt. Allerdings müssen selbst Fahrer mit Normalgewicht den Roller gelegentlich mit einem Beinschwung auf Trab halten.

Das Kopfsteinpflaster der Altstadt, auch da hat Fiedeldey recht, habe sich hingegen als „nicht sonderlich komfortabel“ erwiesen. Zum Glück ist es an diesem Tag frühsommerlich-trocken, ansonsten dürfte solch raues Terrain schnell zur gefährlichen Rutschpartie werden – und eine Helmpflicht ist künftig nicht vorgesehen.

Im Gegensatz zu Städten wie Madrid und Austin habe es „bisher keine Unfälle oder sonstigen Zwischenfälle gegeben“, sagt Fiedeldey. Er kennt ja Fälle wie jenen in Madrid, wo eine Passantin bei einem Zusammenstoß starb. Und Studien wie jene aus Austin, wo die Behörden binnen zwei Monaten 190 Unfälle mit E-Scootern zählten.

Bamberg geht den Marktstart noch aus einem weiteren Grund behutsam an. Die Verantwortlichen haben Bilder aus München im Kopf, wo Leihfahrräder aus China kreuz und quer in der Stadt standen, lagen oder in der Isar schwammen. Diese Entwicklung, sagt Fiedeldey, gelte es unter allen Umständen zu vermeiden. „In Bamberg gehen wir den Marktstart deswegen sehr bedacht in kleinen Schritten an.“

Mit 100 Rollern soll schon bald der kommerzielle Betrieb beginnen. Per App können Nutzer dann die Roller mieten, für einen Euro pro Ausleihe plus 15 Cent pro gefahrener Minute. Geht die entsprechende Verordnung am 17. Mai durch den Bundesrat, dürften sich die Anbieter auch auf die großen Städte stürzen.

Die E-Scooter auf Bambergs Fahrradwegen und Straßen – Fußgängerzonen und Gehwege bleiben auch in Zukunft tabu – tragen den Schriftzug „Bird“. Der amerikanische Anbieter kooperiert mit den Stadtwerken, was dem Vernehmen nach nicht jedem Wettbewerber gefällt. Projektleiter Fiedeldey beteuert, ihm gehe es nur um den Test des Sharing-Modells, „nicht darum, fremden Unternehmen Eintritt in einen Milliardenmarkt zu erleichtern“.

Bird-Scooter Quelle: Jan Giersberg, Stadtwerke Bamberg

Mit Beginn des Betriebs dürfte sich auch zeigen, wie nachhaltig das Geschäftsmodell ist. Testpilot Florian Hähnel kommt zwar nach kurzer Zeit heiter von seiner Probefahrt zurück und kann sich „gut vorstellen, einen anzuschaffen“. Zweifel hat er aber am Sharing-Modell, denn die E-Scooter kommen ihm „doch relativ empfindlich“ vor.

Bamberg ist ein vielversprechender Anfang. Ob aus dem Hype auch eine echte Roller-Revolution wird, entscheidet sich in den Metropolen.

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