Serdar Somuncu

Konsumgier verdirbt den Spaß am Kino

Früher wurden Filme gedreht, weil man eine Idee hatte. Heute werden Filme gedreht, damit die Konsumgüter-Industrie ihre neuesten Plagen unters Volk bringen kann.

Serdar Somuncu ist Kabarettist und Buchautor. Quelle: Laif

Ich finde ja, es gibt nichts Schlimmeres als Spießer, die sich darüber beschweren, dass früher doch alles so viel besser war. Manchmal ertappe ich mich allerdings dabei, selbst einer zu sein.

Ich war seit langer Zeit mal wieder im Kino, und ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich den Film nicht besonders mochte oder einfach nur Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Das Ganze hat mich jedenfalls mehr an eine Fütterungszeremonie ausgehungerter Horden von Pubertierenden erinnert als an eine Filmvorführung.

Früher kam man zum Kino, und hinter einer kleinen Scheibe saß eine dicke Frau, die von einer der drei unterschiedlich farbigen Ticketrollen ein kleines Stückchen Papier abriss. Dann kaufte man sich höchstens noch eine Packung Katjes und eine Limo und ging in den Saal. Heute steht man in einem Hightech-Hindernisparcours Schlange und kann sich über Film und Anzahl der freien Plätze informieren, ehe man – bei seinem „Berater“ angelangt – gemeinsam seinen Wunschplatz wählt, eine hässliche 3-D-Brille bekommt und in eines der gefühlt 20 unterschiedlichen Kinos eingewiesen wird.

Zum Autor

Früher war Kino nicht nur Kommerz

Dort wartet eine dreiwöchige Expedition zum Himalaja auf uns. Anders kann es nicht sein, denn auf dem kurzen Weg in den Saal kann man sich mit Unmengen von Proviant versorgen. Eimerweise Popcorn, süß oder salzig, Cola in Ein-Liter-Bottichen, kiloweise Nachos mit Jalapeños und Käse überbacken wandern über die Theken.

Angekommen im Saal schaltet das Produktbombardement von analog auf digital: Werbung zu Hipsterprodukten dröhnt von der Leinwand, natürlich im Surround-Sound.

Die Kinobranche in Zahlen

Das freilich ist noch nicht das Ende des Martyriums. Wer mag, kann sich zwischen Vorschau und Hauptfilm ein fettes Eis reinziehen, schließlich muss man danach geschlagene zwei Stunden auskommen, ohne zu konsumieren (abgesehen von dem Kilo Popcorn, das man ja schon mitgebracht hatte).

Früher wurden Filme gedreht, weil man eine Idee hatte. Heute werden Filme gedreht, damit die Konsumgüterindustrie ihre neuesten Plagen unter das Volk bringen kann.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Erst das Fressen, dann die Moral... der Filmgeschichte.

So ist das in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft: Leute, die sich nicht wirklich für den Film interessieren, sitzen in einem Kino, in dem nicht wirklich der Film interessiert, und schauen einen Film, der genau für dieses kommerzialisierbare Desinteresse gemacht ist.

Ich weiß nicht, ob es ein Zeichen für die übertriebene Gier unserer Konsumgesellschaft ist, alles immer zu jeder Zeit gleichzeitig haben zu wollen und sich nicht mit einer Freude begnügen zu können, oder ob ich nur empfindlich bin.

Ich habe jedenfalls nach der Hälfte des Vorgeplänkels schon keine Lust mehr auf den Film gehabt und bin zum Ärger der im Hintergrund knabbernden Meute laut schnarchend eingeschlafen. Das ehrt auch nicht den Film, war aber immerhin kostenlos.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%