Sheryl Sandberg verlässt Meta: „Das ist das Ende einer Ära“
Sheryl Sandberg verlässt den Facebook-Konzern Meta.
Foto: dpaDer Moment, in dem Sheryl Sandberg ihren Rücktritt als Stellvertreterin von Meta-Chef Mark Zuckerberg verkündet, ist im Aktienkurs von Meta verewigt. Um 15:30 Uhr Ostküstenzeit stürzt die Meta-Aktie um fünf Prozent ab. In der nächsten halben Stunde erholt sie sich etwas. Am Ende bleibt ein Verlust von 2,6 Prozent. 21 Milliardeen Dollar weniger Börsenwert. Kein Vergleich zu der Gewinnwarnung im Februar als die Meta-Aktie um 250 Milliarden Dollar abstürzte, bis heute der größte Tagesverlust eines Unternehmens in der US-Börsengeschichte. Glimpflich also.
Zwar überrascht der genaue Zeitpunkt von Sandbergs Rücktritt als Operativchefin des größten sozialen Medienimperiums der Welt. Normalerweise geschieht so etwas nach Börsenschluss. Was die Vermutung naheliegt, dass es früher als geplant bekannt wurde.
Doch aus heiterem Himmel kommt der auf den Herbst terminierte Rückzug nicht. Auch wenn Zuckerberg artig sekundiert, dass es „das Ende einer Ära ist“ und die Freundschaft zu Sandberg betont. Doch die Zeiten, in denen Sandberg mal als Nachfolgerin von Zuckerberg gehandelt wurde, sind schon lange vorbei. Sandberg wurde vor 14 Jahren als „Erwachsene“ an die Seite des damals 23-jährigen Wunderkindes gestellt. Die Wagniskapitalgeber wollten das so, um den Börsengang vorzubereiten.
Sie strebten dem erfolgreichen Beispiel von Google nach, wo der erfahrene Tech-Manager Eric Schmidt den beiden Gründern Larry Page und Sergey Brin vorgesetzt wurde. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Page musste dafür seinen CEO-Posten an Schmidt abgeben. Das funktionierte bei Zuckerberg nicht, der schon immer sehr machtbewusst war. Den Titel wollte er keinesfalls aufgeben. Aber er ließ Sandberg, die als Googles globale Verkaufschefin wertvolle Erfahrung und Kontakte gesammelt hatte, viel Freiraum beim Entwickeln eines Geschäftsmodell. Die Kooperation hat sich ausgezahlt, in Form von rund 150 Milliarden Dollar an Profiten. Sie legte den Grundstein für den wirtschaftlichen Erfolg und die Macht von Meta.
Sandberg mag vor ein paar Jahren mal Hoffnungen gehabt haben, trotzdem eines Tages Zuckerberg an der Unternehmensspitze zu beerben. So wie Larry Page, nach dem Rückzug von Schmidt als CEO zurückgekehrt, die Stafette schließlich einem angestellten Manager übergab und sich in den Verwaltungsrat zurückzog. Sonst hätte Sandberg, der angeblich vor ein paar Jahren der Chefposten beim Disney-Konzern angedient wurde, diesen wohl nicht ausgeschlagen.
Aber inzwischen ist klar, dass Zuckerberg – inzwischen 38 Jahre alt und damit so alt wie es Sandberg war als sie 2008 zu Facebook stieß – seinen Chefposten niemals abgeben wird. Der Job wäre auch nicht so attraktiv. Jeder Nachfolger müsste sich Zuckerberg beugen, der dank Mehrfachstimmrechten Meta unangefochten kontrolliert. Bei Google müssen sich immerhin Page, Brin und Eric Schmidt einig sein. Zudem sind die öffentlichen Anfeindungen – bis hin zu Morddrohungen – und der politische Druck immens.
Ein Unternehmen, das sich über seine „Hackerkultur“ definiert, hätte zudem Probleme, eine Anzeigenverkäuferin als oberste Chefin zu akzeptieren. Sandberg hat das erkannt. Sie gab freiwillig ihre Macht ab. Beispielsweise an Cheflobbyist Nick Clegg, ehemals britischer Vizepremier. Marne Levine, der obersten Verkaufschefin. Und Javier Olivan, der für Geschäftsentwicklung verantwortlich ist. Sandbergs Job ist inzwischen weitgehend überflüssig geworden. Was sich daran zeigt, dass er nicht neu besetzt wird. Die Rolle als Operativchef geht an Olivan.
Sandbergs Rückzug ist nicht als Misstrauensvotum gegenüber dem „Metaversum“ zu verstehen. Zuckerbergs milliardenschwerer Spielwiese, die er als Nachfolger des Smartphones und Zukunft seines Konzerns sieht. Sie bleibt auch im Verwaltungsrat von Meta. Sondern als ein neuer Lebensabschnitt von Sandberg abseits von Meta. Als „neues Kapitel“, wie sie es selbst formuliert. Mit einem Vermögen von 1,6 Milliarden Dollar muss sie sich ums Geldverdienen nicht mehr kümmern.
Ob sie sich tatsächlich auf ihre Rolle als Philanthropin konzentrieren wird, wie im Abschiedsschreiben angekündigt, ist fraglich. Mit 52 Jahren ist Sandberg relativ jung. Eine politische Karriere, so ehrlich wird sie sich gegenüber sein, kommt nicht in Frage. Dazu ist sie durch die Skandale bei Meta, die auch unter ihrer Ägide stattfanden, zu sehr beschädigt. Sie wurde im Schattenkabinett von Hillary Clinton mal als Chefin des US-Finanzministeriums gehandelt. Dort startete sie einst unter Larry Summers ihre Karriere. Trumps Wahlsieg vereitelte das. Und all das war vor der Enthüllung des Cambridge-Analytica-Skandals um Nutzerdaten und dem Tummeln von russischen Meinungsmachern auf Facebook. Deswegen gab es immer wieder Gerüchte, dass das Verhältnis zwischen Zuckerberg und ihr abkühlte, weil sie eine härtere Gangart bei politischen Anzeigen und dem Aussieben von Hasskommentaren befürwortet.
Eine Karriere in Washington ist auch deshalb nicht in Sicht, weil es so aussieht, als ob die Republikaner demnächst wieder die Macht übernehmen.
Andererseits sind die Amerikaner bekannt dafür, schnell zu vergeben oder zu vergessen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie irgendwann auf dem Chefsessel eines Medienkonzerns wieder auftaucht.
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