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Sixt Die Tücken der Ziehharmonika-Strategie

Quelle: imago images

Bei Sixt sind gerade keine Limousinen von Mercedes buchbar. Ein Zoff unter Geschäftspartnern? Nein, betont Sixt, nur eine Auswirkung der Chip-Krise – und hebt die Prognose fürs laufende Geschäftsjahr deutlich an. Ein strategisches Problem bleibt aber.

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Bevor Erich Sixt im Juni den Vorstandsvorsitz der von ihm aufgebauten nach seiner Familie benannten Firma abgab und in den Aufsichtsrat einzog, hinterließ er seinen Söhnen Alexander und Konstantin noch eine Weisheit: „Wie bei einer Ziehharmonika können wir unser Geschäft runter- oder rauffahren“, sagte er der WirtschaftsWoche.

Was Sixt Senior damit meinte: Als Corona das Geschäftsmodell der Autovermieter herausforderte, da ließ Sixt die Fahrzeugflotte radikal um ein Viertel verkleinern. Um im Bild zu bleiben: Familie Sixt hat die Luft aus der Ziehharmonika gelassen. Doch nun sollen die neuen Vorstandsvorsitzenden Alexander und Konstantin wieder Luft ins Umsatz-Instrument lassen, neue Autos kaufen.

Das Problem ist nur: Es klappt nicht. Es gibt nicht so viele neue Autos, wie die Autovermieter jetzt brauchen. Auch die Autoindustrie hat ihre Produktion an die Pandemie angepasst und muss erst wieder hochfahren. Hinzu kommt die Chipkrise, die nicht nur aber vor allem die Autohersteller trifft. Das Prinzip Ziehharmonika – es hat so seine Tücken.

Wer in diesen Tagen bei Sixt nach einem Mietauto schaut, der bemerkt, dass unter den Limousinen eine Marke fehlt: Mercedes.

Gibt es etwa Ärger zwischen den beiden Unternehmen? Nein, so die Auskunft bei Sixt. „Mit den Herstellern – so auch mit der Daimler AG und der Marke Mercedes Benz – verbindet uns eine langjährige und vertrauensvolle Partnerschaft und wir arbeiten weiterhin mit allen deutschen Premiumherstellern zusammen“, teilt eine Sprecherin mit. Und Daimler richtet aus, „dass wir auch weiterhin mit Sixt zusammenarbeiten“.

Woran liegt es also? „Aktuell kann es aufgrund des Halbleitermangels und der reduzierten Produktionskapazitäten der Automobilhersteller zu knapper Verfügbarkeit einzelner Marken kommen. Daneben können aber auch übliche saisonale Einsteuerungszyklen und regionale Verfügbarkeiten eine Rolle spielen“, erklärt die Sixt-Sprecherin, die betont, dass Sixt mehrere Tausend Mercedes-Fahrzeuge in der Flotte habe.

Wie groß die Nachfrage nach neuen Autos ist, bestätigt auch Michael Brabec, Geschäftsführer des Bundesverbands der Autovermieter Deutschlands (BAV). 410.000 Pkw hatte die Branche im Vor-Corona-Jahr 2019 eingeflottet – im Jahr 2020 waren es fast ein Drittel weniger. Im August dieses Jahres hätte die Branche 20.000 Pkw erhalten. „Das waren sogar nochmal weniger als im August des vergangenen Jahres. Normal wären weit über 30.000“, sagt Brabec. Und: „Für 2022 ist absehbar, dass sich die Situation nicht bessern wird.“ Er rechnet damit, dass frühestens Ende 2022 wieder ohne Einschränkungen Autos bestellt werden können.

Für die Kunden bedeutet das: Die Preise werden weiter steigen. „Wie hoch, ist aber schwer zu sagen“, sagt Brabec. „Da sehr viele Unternehmen durch Corona erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurden und sie dann zusätzlich auch jetzt und in naher Zukunft wegen eines zu kleinen Fuhrparks weniger Umsatz als möglich machen, werden sie den Preis im Zweifel hoch ansetzen.“

Nicht jeder Anbieter ist da so klar in seinen Botschaften wie Erich Sixt, der gesagt hatte: „Wir werden so hoch gehen, wie es uns der Markt erlaubt.“ Die Mietwagenfirma Avis Budget will sich zur Knappheit der Autos nicht äußern. Auskunftsbereit ist die Europcar-Gruppe, dazu gehören die Marken wie Buchbinder Rent-a-Car, Europcar, Global, Ubeeqo und Robben & Wientjes. „Wir würden unser Flotte gerne wieder weiter ausbauen“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Neumann der WirtschaftsWoche. Auch seine Firmengruppe warte „aufgrund der anhaltenden Halbleiterkrise“ auf Fahrzeuge verschiedener Hersteller. „Die Wartezeiten verlängern sich permanent und das macht die Planung und Steuerung für uns sehr schwierig“, sagt Neumann. Er betont aber, dass sein Unternehmen „lange und gute Beziehungen zu den Autoherstellern“ habe. Fast scheint es so, als müsse man auch noch besonders lieb und freundlich über die Autobauer sprechen, um an weitere Autos zu kommen.

Die Europcar-Gruppe war durch die die Coronakrise in Finanznöte geraten, wurde in diesem Sommer für 2,5 Milliarden Euro von VW übernommen. Am Nachschub für neue Autos sollte es also nicht mangeln. Und: VW will Europcar zu einer Mobilitätsplattform ausbauen – eine Plattform, wie sie Sixt schon seit einigen Jahren entwickelt hat.
Europcar-Chef Neumann hatte schon im Frühsommer den Strategie-Unterschied zu Sixt wie folgt umschrieben: „Unser Fokus ist der Kunde mit allen seinen Bedürfnissen, auch außerhalb des Premium-Bereichs.“



Jetzt zeigt sich, dass Sixt verwundbar ist: Die Pullacher haben sich vor allem auf Geschäftskunden spezialisiert, denen sie höherpreisige Autos vermieten. Zum einen ist immer noch unklar, ob das Geschäft mit den Dienstreisen zurückkommen wird. Eins ist hingegen klar: Mercedes-Limousinen zählen zu den höherpreisigen Autos, die Sixt gerne vermieten würde – und die offenbar gerade nicht verfügbar sind.

Sixt betont, dass das Unternehmen seine Flotte bereits „deutlich ausgeweitet“ habe, allein im zweiten Quartal seien 71.000 Fahrzeuge im Wert von 2,1 Milliarden Euro „eingesteuert“ worden. Damit befanden sich Ende Juni rund 146.000 Fahrzeuge in der Flotte.

Der Blick in die Zukunft bei Sixt ist positiv: Am Montag hat das Unternehmen die bisherige Prognose für das laufende Geschäftsjahr deutlich angehoben: Der operative Konzernumsatz soll zwischen 2,00 und 2,20 Milliarden Euro liegen (vorher zwischen 1,95 und 2,19 Mrd. Euro). Das Ergebnis vor Steuern der Sixt-Gruppe soll zwischen 300 und 330 Millionen Euro liegen (zuvor: zwischen 190 und 220 Mio. Euro).

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Der Grund: Das Feriengeschäft in Europa und den USA sei durch die Ausbreitung der Deltavariante des Corona-Virus weniger stark beeinträchtig worden als zunächst erwartet. Eins ist darüber hinaus klar: Alexander und Konstantin Sixt haben eine weitere Weisheit ihres Vaters Erich verinnerlicht. Sie wollen strikt auf das „strikte Kostenmanagement“ achten.

Mehr zum Thema: Die Tage von Erich Sixt als Chef der Autovermietung sind gezählt – ausgerechnet nach der Vollbremsung der Branche wegen Corona. Den Neustart überlässt er seinen Söhnen. Die lädierte Konkurrenz wittert ihre Chance. Erich Sixt: Der Zampano der Autovermieter tritt ab

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