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Ski-Hersteller Völkl „Die Vorschläge der Regierung sind für mich absolut unverständlich“

Christoph Bronder, Chef des Straubinger Skiherstellers Völkl

Die Ansage der Bundeskanzlerin, Skigebiete in ganz Europa sollten diesen Winter schließen, stößt bei Skihersteller Völkl auf Kritik. Warum, begründet Völkl-Chef Christoph Bronder.

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Die Marke Völkl ist der letzte Hersteller, der seine Ski noch in Deutschland produziert, im niederbayerischen Straubing. Christoph Bronder führt Völkl seit mehr als 20 Jahren, zur Gruppe mit Sitz in der Schweiz gehören auch der Bindungshersteller Marker und die Skischuhmarke Dalbello. 

Herr Bronder, Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht sich dafür aus, alle Skigebiete in Europa zu schließen – rückt damit Ihr Albtraumszenario näher?
Frau Merkel ist ja auch eine passionierte Wintersportlerin und ich hoffe, sie bleibt es!

Noch ist darüber nicht entschieden – welche Folgen hat dieser Schwebezustand?
Die Situation führt auf jeden Fall zu einer Verunsicherung der Konsumenten, aber auch bei den Händlern. Nach der Euphorie im Sommer ist die Stimmung im Handel jetzt wieder umgeschlagen. Die Vorschläge der Regierung sind für mich absolut unverständlich, auch im Sommer waren die Bahnen offen und bei den Schutzmaßnahmen stark frequentiert. Ich habe nichts von Infektionen gehört!

Jetzt erleben die Händler eine Achterbahnfahrt?

Ja, sie waren nach dem letzten, durchwachsenen Winter zunächst sehr vorsichtig, dann kam aber eine zweite positive Entwicklung in Gang: Im Sommer hat sich die Stimmung im Sporthandel total gedreht, weil Kategorien wie das Fahrrad, Wandern oder auch Wassersport sehr gut liefen. Auch Fitnessgeräte hatten einen sensationellen Boom, und unsere Schwestermarke K2 war bei Inline-Skates ausverkauft. Für viele Händler hieß das, dass sie den Umsatzverlust aus dem Shutdown tatsächlich wieder wettmachen konnten. Entsprechend optimistisch sind wir dann auch in die Liefersaison gegangen; in Ländern wie den USA und Kanada hatte wir sehr früh sehr schöne Nachbestellungen.

Konnten Sie Ihre Fabrik in Straubing damit auslasten?
Ja, wir haben bis auf unsere Skischuhfabrik in Italien, die von der dortigen Regierung im Shutdown nicht als systemrelevant klassifiziert wurde, alle Werke offen gehabt. Wir haben aber natürlich unsere Kapazität dem Markt angepasst, für drei Wochen Kurzarbeit angemeldet und Flexibilisierungsmodelle genutzt. Aber wir mussten keine Entlassungen vornehmen und haben die Mannschaft beisammengehalten. Im Sommer gehörten wir dann in Übersee, wo der Skiverkauf früher beginnt, und später auch in Europa zu den ersten Marken, die in den Geschäften zu finden waren. Damit haben wir eigentlich sehr gute Voraussetzungen für den Moment geschaffen, wenn es denn wieder losgeht.

Danach sieht es jetzt aber nicht aus…
Ja, und das macht uns natürlich auch zu schaffen. Es gibt aber Produktkategorien, wie Schneeschuhe, wo wir seit Oktober ausverkauft sind und unsere Schwesterfirma, die Marken Tubbs und Atalas nachproduziert. Und auch die Nachfrage nach Langlauf- und Tourenski zieht stark an; bei Tourenskiern und Bindungen können wir gar nicht so viel produzieren, wie bestellt wurde.

Ihre wichtigste Kategorie sind allerdings Alpinski.
Genau, und deshalb werden Touren- und Langlaufski allein uns und den Tourismus nicht retten, wenn im Dezember und vor allem in den Weihnachtsferien die Pisten nicht öffnen dürften. Das ist ja gerade die Krux an der Situation – positiv wie negativ ist noch vieles möglich. Gehen etwa die Corona-Zahlen herunter und dürfen wir die Skisaison starten, hätten wir viel Grund zum Optimismus. Im besten Fall wird dann der Ski das Fahrrad im Winter.

Glauben Sie tatsächlich noch an Skiferien in diesem Corona-Winter?
Es gibt derzeit einige Länder, die zeigen, wie Skifahren trotz Corona möglich ist. In der Schweiz hat es seit Sommer bis heute keine Schließungen mehr gegeben. Die Gletscherskigebiete sind geöffnet. Auch in den USA und in Kanada sieht es gut aus. Ich habe auch von kreativen Lösungen der Bergbahnen gehört. Zum Beispiel wollen einige die Liftanlagen schneller laufen lassen, um trotz des Abstandsgebots die Skifahrer schnell auf den Berg zu bekommen und dadurch auch das Infektionsrisiko zu begrenzen. In den USA und in Kanada haben wir tatsächlich auch keine so große Corona-Delle zu verzeichnen. Allerdings sind in Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich Hotels und Seilbahnen zu. Und das macht natürlich allen zu schaffen.

Wie verändert Corona die Ski-Industrie?
Einige Branchenkenner gehen davon aus, dass der Gesamtmarkt, der im vergangenen Jahr weltweit bei etwa 3,5 Millionen verkauften Paar Ski lag, um bis zu 25 Prozent schrumpfen könnte.

Gilt das auch für Völkl?
Nein, wenn es so weitergeht wie bislang, werden wir mit einem blauen Auge davonkommen. Auch wir werden weniger verkaufen, aber nicht so stark verlieren wie andere Marken. Im Gegenteil – in einigen Märkten werden wir unseren Marktanteil ausbauen können. Nehmen Sie die USA. Dort gibt es schon seit Jahren über hundert Garagenskimarken. Dort wird es nun einen Selektionsprozess geben, denn die Händler brauchen Sicherheit, sie wollen die Garantie dafür haben, dass die bestellte Ware auch wirklich pünktlich bei ihnen ankommt. Wir können das, und sind dank Made in Germany weltweit sehr gefragt.


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Das bedeutet aber nicht, dass Sie nun die Produktion hochfahren?
Ich spekuliere nicht gern. Andere mögen das machen, aber wir und unsere Gesellschafter fahren lieber ein sehr vorsichtiges Geschäftsmodell, auch, um die Marke nicht zu beschädigen. Es kann schließlich immer mal einen schlechten Winter geben, deshalb produzieren wir traditionell nie wesentlich mehr als wir an Aufträgen bekommen. Wir stehen gerade im Stand-by-Modus und müssen wie viele andere Branchen auch hyper-flexibel sein. Das Frühjahr war auch für uns eine extreme Herausforderung, aber ich sage unseren Leuten: Wir leben jetzt mit dem Virus, wir schützen unsere Fabriken – und sind so bislang ordentlich durch diese Situation gekommen. Bislang. Aber was noch kommt, wissen wir schlicht nicht.

Wie riskant ist die Lage für Völkl? Ein Winter ohne Skifahrer, die Alpen im Lockdown – ist das der Worst Case?
Das möchte ich mir nicht ausmalen, ich glaube auch nicht, dass es so kommen wird. 90 Prozent des Tourismus in Österreich ist Wintertourismus. Die ausgearbeiteten Konzepte und die vorliegenden Schutzmaßnahmen werden deshalb dazu führen, dass wir in den Kernländern Ski fahren können. Ich gehe davon aus – die werden aufmachen. Wir brauchen jetzt auch Good News aus Frankreich, Italien Deutschland und Österreich, so wie wir sie momentan aus USA und Kanada bekommen. Nochmals, nur weil mehr Leute auf den Pisten sind, heißt das noch lange nicht, dass sich keiner an die Schutzmaßnahmen hält und auf Apres-Ski Partys geht!

Werden sonst Ihre Gesellschafter nervös, das Private-Equity-Unternehmen Kohlberg & Company?

Nein, die Gesellschafter haben sehr besonnen reagiert. Nachdem sie unsere Gruppe 2017 übernommen haben, haben wir gemeinsam unsere Strategie ausgearbeitet. Und diese Strategie funktioniert; 2019 war für Marker Dalbello Völkl das beste Jahr der Unternehmensgeschichte. Die Strategie stimmte und das sieht Kohlberg auch. Und deshalb unterstützen sie uns – wir haben etwa unsere Investitionen jetzt nicht wegen Corona zurückgefahren. Ob es nun um neue, innovative Produkte für den Winter 2021/22 geht, die wir intern und den Key Accounts bereits vorgestellt haben, oder um das Werk hier in Straubing.

Wohin floss das Geld?
Wir haben beispielsweise 2019 mit Unterstützung der Gesellschafter ein mehrjähriges Investitionsprogramm in Höhe von zehn Millionen Euro gestartet, um große Maschinenstraßen zu erneuern; die erste Großanlage haben wir vergangenes Jahr ausgetauscht, dieses Jahr im August die zweite. Den Vertrag für eine weitere habe ich gerade unterschrieben, die kommt im nächsten Jahr, die letzte folgt dann 2022.

Und wenn Ihnen nun Corona doch noch einen Strich durch die Rechnung macht?
Ich will nichts beschönigen, die Lage ist schwierig, das ist keine Frage. Aber die eigentliche Rechnung wird erst am Ende der Saison aufgemacht. Und selbst wenn dieser Winter schwierig wird: Der grundsätzliche Trend bleibt bestehen - die Menschen wollen raus in die Natur, und sie wollen draußen Sport treiben. Und das wird auch lange nach Corona so bleiben.

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