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Software für Bordellbetreiber Die Digitalisierung der Prostitution

Digitalisierung der Prostitution: Software für Bordellbetreiber Quelle: Franz Gruenewald

Datenerfassung und -analyse, Zimmerverwaltung per App, Contentmarketing und Search Engine Optimisation - der ehemalige Bordellbetreiber Aurel Marx möchte das älteste Gewerbe der Welt digitalisieren.

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Für das Gespräch möchte Aurel Marx dann doch lieber aus dem Garten gehen und drinnen weitersprechen, denn seine Profession gilt vielen als anstößig. Der gebürtige Bremer absolvierte ein Lehre zum Automechaniker, brach sein BWL-Studium mit Mitte zwanzig ab, zog nach Berlin und kam 2003 beim Bier mit zwei Freunden auf die Idee, mit einem Bordell Geld zu verdienen. Der damalige Wohnungsleerstand ließ das zu. Später sei er als Berater an der Entwicklung des Prostituiertenschutzgesetzes beteiligt gewesen, sagt Marx.

Die beiden anfänglichen Geschäftspartner waren rasch fort, Marx plötzlich alleiniger Mieter der Wohnung, die als Bordell fungierte. Geblieben ist die Art, ein Unternehmen zu gründen. 2016 saß er mit zwei anderen Bekannten beim Bier - einer Java-Entwickler und einer Ingenieur. Statt Wohnungen zu suchen, ging es nun ums Programmieren. Eine Software, die die Verwaltung der Belegung von Räumen steuert.

Sensoren an den Türen teilen die exakten Zeiten der Öffnung und Schließung der Tür mit, in der App können Betreiber auch am anderen Ende der Welt in Echtzeit verfolgen, wie die Zimmer genutzt werden - solche Sensoren verwenden unter anderem auch Hotelbetreiber, um zu ermitteln, ob das Zimmer belegt ist, um Heizung und Licht zu regeln. Hier wie dort verbieten sich Kameras, um zu überprüfen, ob sich Menschen in den Zimmern aufhalten.

Die Webseite des Unternehmens Cronosignum ähnelt in Ästhetik und Aufbau vollständig derer von zahllosen App-basierten Softwarelösungen. Das Angebot, mit der Software die Belegung von Räumen zu steuern, könnte so auch die Betreiber von Co-Working-Spaces oder Planer in Hotels mit mehreren Konferenzsystemen ansprechen. Gedacht ist sie jedoch vor allem für Bordelle und Tabledance-Bars mit Räumlichkeiten. "Die Daten, die so gewonnen werden, helfen auch in diesem Gewerbe, die Abläufe zu verbessern", sagt Marx, der als Kind mit seiner Geige bei "Jugend musiziert" gewann und später einen Ironman-Wettkampf absolvierte.

Sein jüngstes Unternehmen, die Cronosignum GmbH, die er parallel zu der eigenen Immobilienverwaltungsgesellschaft namens D.R.O.W. in Berlin führt, arbeite mit Fachleuten für Gebäudetechnik und Abrechnungs- und Zahlungssystemen zusammen - so steht es auf der aufgeräumten Webseite.

Rechtskonforme Verwaltung der Bordellzimmer

Die Software, so Marx Plan, helfe Betreibern von klassischen Bordells unter anderem auch dem Paragraf 28 des Prostituiertenschutzgesetzes (ProstSchG) genüge zu tun, das die Aufzeichnungs- und Aufbewahrungspflichten regelt. Zu den Pflichten der Vermieter gehört neben der Kontrolle der Anmelde- oder Aliasbescheinigung auch, die einzelnen Tätigkeitstage festzuhalten - nicht im Nachhinein, sondern am Tag der Anmietung des Zimmers.

Das größte Problem für Marx ist sicher das Marketing. Die Branche ist nach wie vor nicht die transparenteste, die wenigsten Betreiber treffen sich auf Kongressen und tauschen höflich Visitenkarten aus. Marx hilft es da, selbst lange Jahre ein Bordell geleitet zu haben und noch immer im Handelsregister mit seiner Immobilienverwaltung angemeldet zu sein. "Um zu erarbeiten, welche Möglichkeiten die App bietet, ist es natürlich hilfreich, das in einem Betrieb auszuprobieren, wo man nicht den Eigner fragen muss, ob man Sensoren in seinen Türen montieren darf", sagt Marx. Er hat vor, sobald sich die Software unter den potenziellen Kunden gut verbreitet hat, die Mitarbeit an einem Berliner Bordell einzustellen.

Die bisherigen Gespräche verliefen erfreulich. Und häufig mit Frauen. "Etwa die Hälfte der rund 1200 bis 1500 Betriebe, die für diese Software in Frage kommen, werden von Frauen geführt", sagt Marx. Vor allem bei den Domina-Studios sei die Quote besonders hoch.

Neben der Webseite sei also die Referenz der Betrieb, den Marx selber als "Hipster-Puff" bezeichnet, und der den Vertrieb der Software inklusive Dekoder für 199 Euro im Monat erleichtere. Dieser sei modern eingerichtet und stilistisch weit von den gängigen plüschigen Klischees entfernt.

Damit der Betrieb gut läuft, greift Marx zu zeitgemäßen digitalen Methoden des Marketings. Die Auffindbarkeit in den Suchmaschinen sei entscheidend, da heutzutage die Kundenwerbung fast ausschließlich übers Netz erfolge. Um bei Google gut gerankt zu werden, wendet Marx wie wohl jedes Start-Up Deutschlands Suchmaschinenoptimierung an, auch Search Engine Optimisation (SEO) genannt. Dazu verfasst Marx auch frei erfundene Blogbeiträge, die wiederum wenig dem Image des sauberen Etablissements für den gebildeten Hipster entsprechen. Drastische, deftige Sprache sei nötig, weiß Marx, damit Google den Betrieb bei entsprechenden Suchanfragen hoch rankt.

Langfristig schwebt Marx vor, die diskrete Branche aus dem überwiegend schmuddeligen Image herauszuholen. Vorbilder sind Budget-Hotelketten wie Motel One, denen es gelungen sei, das schlecht beleumundete Produkt Billigzimmer zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell umzuwandeln.

Bis dahin ist sicher noch ein langer Weg. Die App für die Modernisierung des Geschäftsbetriebs gibt es nun immerhin.

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