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Sparprogramm Unvollständige Schlankheitskur bei Air Berlin

Das neue Sparprogramm hat noch einige Lücken. Doch es könnte Air Berlin endlich in die richtige Richtung führen, wenn der neue Chef Wolfgang Prock-Schauer nicht von seinem Großaktionär Etihad aus Ab Dhabi gebremst wird.

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Air Berlin-Chef Wolfgang Prock-Schauer: Das neue Sparprogramm erweist sich als radikaler Rundumschlag. Diesen Schritt hat die Fluglinie auch bitter nötig. Quelle: dapd

Wenn Wolfgang Prock-Schauer seinen Ruf als etwas farbloser, aber am Ende doch hochentschlossener Manager festigen will, dann hat er heute den richtigen Schritt getan. Kaum eine Woche im Amt präsentierte der 56-Jährige erste Details zum neuen Sparprogramm Turbine. Das Paket unter dem Motto „Lean & Smart“ ist ein komplett schnörkelloses Unterfangen und mit das radikalste Programm, dass sich derzeit eine Fluglinie verordnet.

Im 'leanen' Schlankheitsteil sollen die Kosten bis 2014 um 400 Millionen Euro oder fast zehn Prozent vom Umsatz sinken. Dafür sollen 900 der gut 4.300 Mitarbeiter gehen und die Flotte von heute 158 auf 136 aktive Flugzeuge schrumpfen. Im 'smarten' Teil verspricht die Linie eine neue Ausrichtung und Service mit mehr Selbstbedienung und neue Angebote „dem gewissen Extra.“

Die wichtigsten Stationen von Wolfgang Prock-Schauer

Das ist angesichts der dramatischen Finanzen auch bitter nötig. Auch wenn die Linie dank einer weiteren Geldspritze der Mutter Etihad das vergangene Jahr mit einem Gewinn abschloss: Die Verluste aus dem reinen Fluggeschäft liegen in diesem Jahr wahrscheinlich bei geschätzten 140 Millionen Euro.

Boehringer Ingelheim legt Sparprogramm auf
Boehringer IngelheimDeutschlands zweitgrößter Arzneimittelhersteller will seine Kosten deutlich senken. Der Konzern habe sich das Ziel gesetzt, insgesamt 15 Prozent in Deutschland einzusparen, erklärte eine Sprecherin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 11. August. "Boehringer Ingelheim reagiert mit einem Maßnahmenpaket auf die großen Veränderungen auf dem Pharmamarkt: Der Preisdruck steigt, der Zugang zu Märkten wird schwieriger, die Konkurrenzsituation verschärft sich weltweit." Ziel sei es, Mittel zu schaffen, um neue Produkte einzuführen und weiter zu investieren. Der Zeitung zufolge hat das Unternehmen bereits einen qualifizierten Einstellungsstopp in Deutschland verhängt. In einer Mitarbeiterzeitung sei auch die Rede davon, dass die Zahl der Angestellten sinken soll. Dies habe das Unternehmen jedoch am Wochenende nicht bestätigen wollen. Quelle: dpa
AudiUnter dem Eindruck sinkender Erträge stellt Audi seine Mitarbeiter auf Einsparungen ein. Das neue Programm "Business 2.0" soll eine Vielzahl von Maßnahmen bringen - ein Stellenabbau ist aber nicht geplant. Als Begründung für die Sparmaßnahmen nannte Audi in einem Schreiben an die Mitarbeiter, das unserer Redaktion vorliegt, die unsichere Wirtschaftslage in Russland, strukturelle Problemen der Wirtschaft in Brasilien und Südafrika sowie die nachlassende Konjunktur in Deutschland. Quelle: dpa
DaimlerKonzernchef Dieter Zetsche legt beim Sparprogramm "Fit for Leadership" noch eine Schippe drauf. Das berichtet das manager magazin. Bisher sollten damit die Kosten in der Pkw-Sparte Mercedes im laufenden Jahr um gut zwei Milliarden Euro gedrückt werden. Jetzt will Zetsche jährlich weitere 3,5 Milliarden Euro einsparen, um das Gewinnziel von 10 Prozent Umsatzrendite (vor Steuern und Zinsen) noch zu erreichen. Mit seinem Sparprogramm folgt Zetsche auf die Ankündigungen seiner Kollegen in München und Wolfsburg... Quelle: AP
VolkswagenLange Gesichter auch bei Volkswagen. Chef Martin Winterkorn hat seine Führungskräfte auf milliardenschwere Sparbemühungen eingeschworen: fünf Milliarden Euro bis 2017. So will der Chef die anvisierten sechs Prozent Umsatzrendite in der VW-Pkw-Sparte bis 2018 doch noch schaffen. Vergangenes Jahr kamen aber nur 2,9 Prozent zusammen. Winterkorn hatte das Ziel ausgegeben bis 2018 Weltmarkführer werden zu wollen, die Rendite ist wichtiger Teil der Strategie. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, sollen die Einsparungen unter anderem beim Einkauf sowie geringeren Investitionen und Fixkosten erreicht werden. Winterkorn beklagte zudem zu hohe Aufwendungen beim Bau neuer Fabriken sowie dem Anlauf von neuen Modellen. Quelle: dpa
BMWDer Autobauer will einem Magazinbericht zufolge mit einem neuen Sparprogramm Milliarden einsparen. Bis 2020 sollten die Kosten um mindestens drei bis vier Milliarden Euro pro Jahr sinken, berichtete das "Manager Magazin" am 18. Juni unter Berufung auf Konzernkreise. BMW-Chef Norbert Reithofer habe die Unternehmensberatung McKinsey mit der Ausarbeitung des Projekts beauftragt. Das Sparprogramm solle gewährleisten, dass die operative Umsatzrendite des Konzerns auch langfristig im angepeilten Korridor von acht bis zehn Prozent liege. Bei BMW war zunächst niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Quelle: dpa
Siemens Programm "2020"Joe Kaeser gibt Gas und drückt die Kosten. Rund eine Milliarde Euro will er bis 2016 einsparen. Dafür schrumpft er die Zahl der Divisionen - so heißen die Geschäftseinheiten von Antriebstechnik bis zu Windkraft - von 16 auf 9 zusammen. Die so genannte Sektoren-Ebene entfällt vollständig. Aber damit nicht genug. Zum bisherigen Arbeitsplatzabbau von weltweit 15.000 Stellen, der noch unter Vorgänger Peter Löscher beschlossen wurde, kommen weitere mehrere Tausend. Details nannte Kaeser noch nicht. Siemens beschäftigt in Deutschland 130.000 Mitarbeiter. Sie sind größtenteils per Betriebsvereinbarung vor Entlassungen geschützt. Zweck des Rundum-Erneuerungs-Programms: Die Marge soll wachsen. Sie war in den vergangenen zwei Jahren deutlich unter der des Konkurrenten General Electric geblieben. Die zu optimistischen Rendite-Versprechen von 12 Prozent bis 2014 kosteten Peter Löscher im Sommer 2013 den Job. Quelle: dpa
DaimlerDas Sparprogramm „Fit for Leadership (F4L)“ ist als eine Art Zwei-Stufen-Modell angelegt. Kurzfristig will der Autobauer dadurch in seiner Pkw-Sparte bis Ende 2014 rund zwei Milliarden Euro sparen. Im Lkw-Bereich sollen es insgesamt 1,6 Milliarden Euro sein. Hinzu kommen Ersparnisse in der Bussparte. In den darauffolgenden Jahren möchte der Konzern dann weiter von den eingeleiteten Sparmaßnahmen profitieren. Entlassungen sind Daimler zufolge dabei vorerst kein Thema - freiwerdende Stellen werden aber möglicherweise nicht neu besetzt und ältere Mitarbeiter über Alterszeit früher aus dem Unternehmen ausscheiden. Daimler will Entwicklung, Produktion und Vertrieb effizienter machen. Im für die Schwaben problematischen Markt China sollen die bisher zwei Vertriebsgesellschaften zu einer zusammenwachsen.Auf der Hauptversammlung am 9. April 2014 kündigte Chef Zetsche an, das Sparprogramm auszuweiten. „Über alle Geschäftsfelder hinweg zeigen unsere Effizienzmaßnahmen Wirkung. Wir werden sie strukturell absichern und ausbauen“, sagte Zetsche. Details zum Umfang weiterer Sparmaßnahmen nannte er nicht. Quelle: dapd

Schulden abbauen

Daran gemessen sind die geplanten Einsparungen von 400 Millionen fast schon bescheiden. Zum einen muss die Fluggesellschaft nicht nur den Verlust ausgleichen. Sie muss auch die Schulden von gut 800 Millionen abbauen und die gut 200 Millionen Kredit an den Hauptaktionär Etihad zurückzahlen. Dazu braucht die Linie ein Sparpolster, weil nach Lage der Dinge die Kosten weiter steigen. Die Ausgaben für den Sprit sind bereits gestiegen. Dazu warnten die deutschen Flughäfen heute vor höheren Gebühren. Und zu guter Letzt leidet Air Berlin unter der erneut verschobenen Eröffnung des Berliner Flughafens.

Doch so sehr die heutige Ankündigung beim Sparen in die richtige Richtung führt: das Programm muss deutlich mehr bieten. Denn Air Berlin hat nicht nur ein Problem mit den Kosten, sondern auch mit der Strategie. Und gerade im sogenannten Smart-Teil bleibt die Sache vage.

Das ist bei einem Teil - wie etwa neuen Service-Angeboten . mehr als verzeihlich. Schließlich muss die Linie erst mal Geld verdienenm bevor sie es in Dinge wie neue Sitze stecken kann.

Strategische Neuausrichtung

Aufstieg und Niedergang von Air Berlin
Kim Lundgren (l), Mitgründer und Präsident der 'Air Berlin Inc.' und Pilot, mit seinem Sohn Shane Lundgren, ebenfalls Pilot bei Air Berlin Inc. Quelle: airberlin
Joachim Hunold Quelle: airberlin
Einstieg ins Linienfluggeschäft Quelle: airberlin
Service an Bord von Air Berlin 2003 Quelle: airberlin
Niki Lauda (2009) Quelle: dpa
Airbus A 320 (2005) Quelle: airberlin
dba Air Berlin Quelle: AP

Etwas unbefriedigend ist die Unbestimmtheit aber bei der strategischen Neuausrichtung. Auch wenn Air Berlin ihr „integriertes Geschäftsmodell“ lobt, derzeit arbeiten die drei Geschäftsfelder Flüge für Reiseveranstalter, europäische Städteverbindungen und Langstrecke leider eher neben- als miteinander. Am Ende kann sich Air Berlin nicht entscheiden, was sie nun sein will: Ferienlinie, auch für Geschäftsreisende akzeptabler Billigflieger, Zubringer für Langstreckenflüge auf eigene Rechnung und die Partner ihrer Allianz Oneworld um British Airways oder ein Ableger ihrer Muttergesellschaft Etihad. Im Grunde schließen sich diese Ansätze nicht gegenseitig aus. Doch, um wirklich auf allen drei Hochzeiten tanzen zu können, war Air Berlin schon vor dem Schrumpfkurs der vergangenen anderthalb Jahre zu klein.

Fujitsu streicht 400 Jobs
Fujitsu Der japanische Elektronikkonzern Fujitsu will einem Zeitungsbericht zufolge in Deutschland 400 bis 500 Arbeitsplätze abbauen. Eine endgültige Entscheidung solle nach Verhandlungen mit den Beschäftigten fallen, berichtete die japanische Wirtschaftszeitung "Nikkei". Insgesamt beschäftigt der Konzern hierzulande 12.000 Menschen. Die Stellenstreichungen beträfen hauptsächlich Entwicklung und Informationstechnik. Bereits am Dienstag hatte der Konzern bekanntgegeben, in Großbritannien 1800 Jobs zu streichen. Das entspricht 18 Prozent der Belegschaft dort. Insidern zufolge könnte sich Fujitsu künftig auf IT-Dienstleistungen konzentrieren. Mit dem weltgrößten Computer-Hersteller Lenovo verhandelt das Unternehmen offenbar über einen Verkauf des PC-Geschäfts von Fujitsu. Quelle: REUTERS
Lufthansa Technik Quelle: dpa
DAK Gesundheit Quelle: dpa
EnBWDer Energieversorger baut weiter Stellen ab: Die Energie Baden-Württemberg werde sich aus dem Strom- und Gasvertrieb an Großkunden der Industrie zurückziehen, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Davon seien 400 Beschäftigte betroffen, denen ein Aufhebungsvertrag oder ein alternativer Arbeitsplatz im Konzern angeboten werde. Auch im Privatkundengeschäft, der Energieerzeugung und der Verwaltung steht demnach Stellenabbau bevor, der noch nicht beziffert wurde. In den vergangenen zwei Jahren waren bereits rund 1650 Stellen weggefallen. Quelle: dpa
Intel Quelle: REUTERS
Nokia Quelle: dpa
Der IT-Konzern IBM plant in Deutschland offenbar einen massiven Stellenabbau Quelle: dpa

"Weiter so!"

Das Problem will Air Berlin nun lösen und sowohl Verluststrecken streichen, profitable Strecken sowie die Langstrecke aufbauen und das Produkt verbessern. Das klingt nach einem klaren „Weiter so!“. Mit der Konzentration auf Deutschland, Österreich und die Schweiz will man eine 'kleine Lufthansa' bleiben. Über die Ankündigung hinweg, Flüge innerhalb Spaniens zu kappen, bleibt die Linie Einzelheiten und erst recht eine klare Vision noch schuldig. Das wäre zwar nicht zuletzt aus Sicht der Belegschaft und der Kunden wünschenswert.

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Denen mindert die unsichere Ausrichtung mit den vielen unerwarteten Änderungen beim Flugplan ebenso die Lust beim Arbeiten und Buchen wie die wackeligen Finanzen. Doch am Ende ist gerade dieser Teil für Prock-Schauer der schwierigste. Das liegt nicht nur daran, dass sich damit jede Fluglinie außerhalb des Billigsektors schwer tut. Auch die Lufthansa hat bisher noch keine echte Vision.

Der neue Air-Berlin-Chef muss nämlich mit seinem Plan nicht nur die Verluste wegschaffen, sondern auch den Großaktionär Etihad glücklich machen, ohne sich von der Linie aus Abu Dhabi bremsen zu lassen. Besonders Etihad-Chef James Hogan ist in seiner Strategie und Ausrichtung offenbar selbst unsicher und ungeduldig. So berichten Insider, dass praktisch keine Woche ohne neue und häufig leicht widersprüchliche Vorschläge aus Abu Dhabi vergehe - und nicht selten bereits nach wenigen Tagen eine Umsetzung erwartet werde. Solche plötzlichen Richtungswechsel wären jedoch mit das Letzte was Air Berlin jetzt brauchen kann.

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