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Stellungnahme nach Shortseller-Attacke Grenke: Kein Befreiungsschlag

Der Leasingkonzern Grenke will die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entkräften lassen. Quelle: dpa

Grenke geht in die Gegenoffensive: Bei der Stellungnahme zu den massiven Vorwürfen der Research-Firma Viceroy schlug sich der Vorstand wacker. Dass die Refinanzierung klappt, ließ Anleiheinvestoren aufatmen. Reicht das?

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Die Grenke-Vorstandsvorsitzende Antje Leminsky geht die Dinge offenbar gründlich und genau an. Deshalb haben Anleger und Presse auch drei Tage auf eine ausführliche Stellungnahme warten müssen, die mit den massiven Vorwürfen von Viceroy Research gegen den Leasing-Spezialisten aufräumen sollte.

Leminsky gibt zu, dass Grenke davon unvorbereitet getroffen wurde und als Mittelständler darauf mit Ruhe und Substanz reagieren wolle. Bilanzmanipulation, zu teure Zukäufe, aggressive Bewertung von Assets, nachlässige Geldwäsche-Prävention und Zusammenarbeit mit betrügerischen Händlern warf das im US-Steuerparadies Delaware ansässige Unternehmen den Baden-Badenern vor. Leminsky sagte, die „Behauptungen in dieser sogenannten Analyse entbehrten jeder Grundlage“. Man verwahre sich insbesondere gegen einen Vergleich mit Wirecard, der „ein Schlag ins Gesicht der 1700 Mitarbeiter und 40.000 Händler“ sei. „Wir sind ehrbare Kaufleute“, meint sie.

Damit Ruhe einkehrt, soll der Wirtschaftsprüfer KPMG, der schon die Abschlüsse 2018 und 2019 für Grenke geprüft hat, eine Sonderprüfung vornehmen. Da das manchem Investor nicht reichen könnte, erwägt man offenbar auch noch eine unabhängige Prüfung. Die soll allerdings auch nicht monatelang Investoren auf die Folter spannen, sondern relativ zügig gehen, hieß es wohl in der Stellungnahme gegenüber Investoren.

Ob jetzt wirklich durch das Viceroy-Research „grundlos viel Porzellan zerschlagen wurde“, wie Leminsky in einer Presse-Präsentation meint und ob sie das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen kann, bleibt deshalb wohl noch so lange offen, bis der Sonderprüfungsbericht vorliegt.

Nimmt man den Aktienkurs als Vertrauensmaßstab, ist ein Tagesminus von 6,7 Prozent nach der Investoren-Präsentation kein Befreiungsschlag für Grenke. Vor dem Wochenende und vor dem Sonderprüfungsbericht hat sich mancher doch lieber von der Aktie verabschiedet.

Aufhorchen ließ die Aussage von Vorstandsmitglied Sebastian Hirsch, dass man sich weiterhin gut refinanzieren könne. Ein wichtiger Punkt im Leasing-Geschäft. Grenke hilft Unternehmen, die etwa eine Büroausstattung benötigen, die sie sich nicht leisten können oder wollen. Statt eines Kaufes kann der Kunde sie leasen und zahlt dafür monatliche Raten, haftet allerdings auch für Beschädigungen und Reparaturen. Aber der Leasinggeber Grenke muss die Gegenstände kaufen und finanzieren. Er verdient, wenn seine Refinanzierungskosten niedriger sind als die Leasingeinnahmen. Bilanziert werden die Leasinggeschäfte nach üblichen IFRS-Standards. Ausgefallene Leasingforderungen würden ebenfalls transparent dargestellt.

Auf Grenkes Bilanz gibt es hohe Verbindlichkeiten von mehr als sechs Milliarden Euro, die zu mehr als der Hälfte über Anleihen finanziert werden. Stellen Geldgeber die Solidität von Grenke infrage und verlangen mehr Rendite, lohnt das Geschäft irgendwann nicht mehr – oder die Leasingraten werden zu teuer. Deshalb zittern nicht nur die Aktionäre, sondern ebenfalls die Anleihekäufer.

Grenke hat ein langjährig erprobtes Wachstumsmodell. Kurz lässt es sich so beschreiben: Man lässt Mitarbeiter eigene Grenke-Ableger im Ausland gründen und sie zu einer gewissen Größe führen. Sie werden anschließend erst von einer Beteiligungsgesellschaft und dann von der Grenke AG übernommen. Dazwischen könnte Gründer und Aufsichtsratsvize Wolfgang Grenke mitverdient haben. Diese Vorwürfe versuchen die Vorstände zu entkräften. Grenke sitze nicht mit am Tisch, wenn über die Käufe der Gesellschaften durch die AG entschieden werde. Das allerdings klingt auch etwas naiv. Ein charismatischer Unternehmer muss nicht überall dabei sein. Seine Interessen können trotzdem gut vertreten werden.


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Auch auf einen Betrugsfall aus dem Jahr 2018 und Geldwäschevorwürfe ging der Vorstand ein. Damals hatte ein Händler vielen Kunden zwei Verträge verkauft, von einem wusste Grenke nichts. Kunden schlossen Leasingverträge für eigentlich viel zu teure Fernseher ab, die sie sich aber leisten konnten, weil ihnen der Vermittler gleichzeitig in Aussicht stellte, Geld für Werbung zu zahlen, die auf den TV-Geräten laufen sollte. Doch die Erlöse daraus kamen nie bei den Kunden an. „Der Reputationsschaden für uns war groß“, sagte Leminsky. Darauf reagiere man ebenso wie bei Geldwäschevorwürfen, die gegen die Bank laut wurden: Man beende die Beziehungen zu den entsprechenden Händlern oder Kunden. „Nicht nur unsere formalen Compliance-Prozesse sind auf höchstem Niveau, sondern auch unsere gelebte Compliance-Kultur und die Aufmerksamkeit unserer Mitarbeiter“, so Leminsky in der Stellungnahme.

Leminsky und Hirsch haben nach Ansicht eines Investors recht klar und gut auf Fragen geantwortet. Aber das zählt wenig, wenn Viceroy Research nur darauf lauert den nächsten Zug zu machen.

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