Der Deutschen Bahn gelingt es auch in diesem Jahr nicht, ihre Stellwerke zu besetzen. Im Schnitt kamen dort von Januar bis Juni täglich mehr als 50 Störungen zustande, in Bahndeutsch „lost units“ genannt. In manchen Monaten war die Quote aber auch höher, lag im März oder Juni bei über 60 Störungen. Die Hauptursache dafür: fehlendes Personal.
Das steht in einem internen Kundenschreiben der Bahn-Tochter DB Netze von Anfang Juli, welches das Unternehmen bestätigt hat. „Wir bedauern es sehr, wenn Reisende und Güterverkehrskunden Zugausfälle erleben müssen und versuchen alles, um ausreichend Personal in den Stellwerken zur Verfügung zu haben“, sagte ein Sprecher. Die Unterbesetzung in den Stellwerken ist für die Bahn seit Monaten eines der gravierenden Probleme und einer der Gründe hinter Verspätungen.
Fehlen Fahrdienstleiter, fallen Entscheidungen über die Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof oder die Belegung eines Gleises mit Verzögerung. Summieren sich diese auf, kann das den Fahrplan durcheinanderwerfen – es kommt zu Verspätungen. 15 Züge sind laut Bahn täglich von der Unterbesetzung der Stellwerke betroffen. Insgesamt fuhr im Juni fast jeder dritte Zug mit Verspätung. Auf dem Schienengüterverkehr betrug die Pünktlichkeitsquote lediglich 59 Prozent.
Den Engpass auf der Schiene begründet das Unternehmen durch die vielen Baustellen und das vermehrte Verkehrsaufkommen im Netz. Besonders gravierend war die Lage laut dem aktuellen Kundenbericht im vergangenen Jahr. Damals stiegen im Frühjahr die täglichen „lost units“ sprunghaft an, lagen im September 2022 bei 250 Störungen und fielen bis Januar sukzessive auf knapp unter 50. Dafür sollen neben dem fehlenden Personal besonders hohe Krankenstände wegen der Nachwirkungen der Pandemie verantwortlich gewesen sein, so ein Sprecher.
Bahn will durch Anreize „Motivation steigern“
Durch „Gegensteuerungsmaßnahmen“ will das Unternehmen nun zumindest den Trend des Vorjahres gestoppt haben, wirbt die DB Netze bei seinen Kunden. Was im Bericht folgt, ist ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die der Konzern für eine bessere Stellwerkbesetzung unternommen habe. Dazu zählen „zusätzliche Neueinstellungen“ oder „Steigerung der Motivation“ bei den Fahrdienstleitern durch „finanzielle Anreize“. Diese erhielten die Mitarbeiter durch „besondere Flexibilität“, wie das Unternehmen auf Nachfrage erklärt. Die hohe Fluktuation solle „gestoppt“ und wieder auf das „übliche Niveau“ gesenkt werden. Zudem will die Bahn durch mehr Ausbildungsplätze den Mangel auffangen. Im September rechnet das Unternehmen mit zehn Prozent mehr Azubis.
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Diese Probleme in den Stellwerken hat die Bahn schon lange. Vor zehn Jahren führte Personalmangel dazu, dass der Mainzer Hauptbahnhof wochenlang vom Netz abgeschnitten war. Grund dafür sind teils veraltete und mechanische Stellwerke, die noch von eigens dafür geschultem Fachpersonal bedient werden. Mit Schulungen und flexibleren Einsatzzeiten will die Bahn das starre System aufweichen.
Ob die jetzigen Maßnahmen die Betriebe tatsächlich erreichen, lässt sich bislang nicht unabhängig überprüfen. „Die Mitarbeiter spüren bislang keine Veränderungen“, sagt zumindest Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL. Ihm zufolge werde es noch dauern, bis Effekte bei der Ausbildung in den Stellwerken ankommen.
Im Herbst will die GDL mit der Bahn über einen neuen Tarifvertrag verhandeln, auch für die Fahrdienstleiter in den Stellwerken. Aktuell streitet darüber die Bahn in einem Schlichtungsverfahren mit der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Ende des Monats soll der Kompromissvorschlag auf den Tisch kommen. Dann müssen die EVG-Mitglieder entscheiden, ob sie diesen annehmen.
Für die Gewerkschaften ist die Unterbesetzung in den Stellwerken Beweis dafür, dass die Arbeitsbedingungen bei der Bahn aufgewertet werden müssen.
Tatsächlich zeigt sich der Mangel an Fahrdienstleitern regional sehr unterschiedlich. Laut dem Kundenbericht sei die Lage im Raum Frankfurt am Main oder in Sachsen-Anhalt nach wie vor dramatisch, auch in München oder Köln häuften sich auch in diesem Jahr wegen der Nicht-Besetzung die Störungen. Weselsky verweist in den Regionen generell auf gestiegene Lebenserhaltungskosten und höhere Mieten in den Städten.
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