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Streik bei Germanwings Was die Lufthansa nun tun muss

Der Pilotenstreik bei der Lufthansa-Tochter Germanwings ist überzogen, aber unvermeidlich. Am Ende muss die Fluglinie ihren wichtigsten Angestellten nicht mehr nur bezahlen. Konzernchef Carsten Spohr muss ihnen auch den Ernst der Lage vermitteln.

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Was Piloten bei Lufthansa, Condor & Co. verdienen
Pilot müsste man sein: Die ganze Welt sehen und dafür noch ordentlich Geld bekommen. Doch Pilot ist nicht gleich Pilot. Zwischen den einzelnen Fluggesellschaften gibt es ein deutliches Preisgefälle. Laut Pilotenvereinigung Cockpit bekommt ein Erster Offizier oder Kopilot anfangs ein Monatsgehalt zwischen 1500 Euro und 5000 Euro brutto. „Ein Kapitän – das wird man nach etwa 3 bis 20 Jahren als Erster Offizier – erhält je nach Luftverkehrsgesellschaft ein Anfangsgehalt zwischen 3000 Euro und 10.000 Euro“, so die Gewerkschaft. Quelle: dpa, Handelsblatt, Unternehmen Quelle: dpa
RyanairDie Piloten des irischen Billigfliegers gehören im Vergleich eher zu den Niedrigverdienern der Branche. 25.000 Euro bezahlt Ryanair seinen Kopiloten zu Beginn. Flugkapitäne ab dem 12. Berufsjahr erhalten anfangs 53.000 Euro. Ihr Maximalgehalt beläuft sich auf 85.000 Euro. Quelle: dpa
Air BerlinDie zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft zahlt seinen Kopiloten zum Einstieg 45.000 Euro. Piloten bekommen bei Air Berlin zu Beginn 80.000 und in der Spitze bis zu 115.000 Euro. Quelle: dpa
Condor5050 Euro bekommt ein Condor-Kopilot zum Einstieg im Monat. Das macht eine jährliche Gesamtvergütung von 60.600 Euro. Ein Kapitän verdient zunächst 8700 Euro im Monat beziehungsweise 104.400 Euro im Jahr. In der Spitze kann sein Gehalt auf 135.600 Euro klettern. Quelle: dpa
British AirwaysDas Einstiegsgehalt der BA-Co-Piloten liegt bei 61.000 Euro. Piloten ab dem 12. Berufsjahr erhalten zunächst 77.000 Euro im Jahr. Im Laufe der Zeit kann ihr Gehalt auf bis zu 181.000 Euro steigen. Quelle: REUTERS
LufthansaLufthansa-Kapitäne gehören zu den Bestverdienern und können in der Spitze ein Jahresgehalt von bis zu 255.000 Euro bekommen – Zulagen inklusive. Schon zum Einstieg verdient ein Erster Offizier / Kopilot rund 55.500 Euro, mit Zulagen bis zu 73.000 Euro. Das Einstiegsgehalt eines Flugkapitäns ab dem 12. Berufsjahr beträgt 120.000 Euro. Quelle: dpa

Wer diese Woche mit Flugexperten, Airlinern und Arbeitsrechtlern über drohende Streiks der rund 5400 Lufthansa-Piloten geredet hat, bekam einen bunte Strauß von Erklärungen von der Besitzstandswahrung über fehlende Zusammenarbeit im Konzern bis zum tumben "Piloten seien halt so". Dabei ist die Sache am Ende für manchen Insider noch viel einfacher: "Die Piloten streiken, weil sie es können", so ein Kenner der Pilotenpsyche. "Und weil sie halt keinen Grund sehen, es sein zu lassen."

Der erste Grund ist leicht einsehbar. Die wegen ihrer vier Ringe auf dem Uniformärmel intern "Streifenhörnchen" genannten Elitearbeitnehmer haben mit der VC abgekürzten Vereinigung Cockpit nicht nur eine eigene Gewerkschaft. Sie sind auch kaum zu ersetzen. Das liegt nicht nur an ihrer anspruchsvollen Ausbildung. Ihnen gönnen Fluglinien ein schwer vermittelbares Privileg namens Seniorität, das ein wenig an das mittelalterliche Zunftwesen erinnert.

Danach müssen selbst Neulinge, die anderswo bereits einen Jumbojet pilotiert haben, im Gehaltsgefüge ganz unten als Co-Pilot in Minimaschinen anfangen und dürfen erst dann auf den linken Pilotensessel oder größere Maschinen wechseln, wenn genug ältere Kollegen ausgeschieden sind.

Das hat offiziell mit der Sicherheit und Erfahrung zu tun. Doch es ist nicht bekannt, dass Airlines ohne Seniorität wie die Golflinien weniger sicher wären. Doch es sorgt dafür, dass die am längsten dienenden Piloten ihren Job nicht gefährden, weil sie den selbst bei einem Schrumpfkurs behalten, wogegen als erstes die Neulinge gehen müssen.

An dem System kann Lufthansa nichts ändern. An der Einsicht ihrer Piloten wohl schon. Zumal auch die Fluglinien an der Sturheit ihrer Streifenhörnchen Schuld sind. Es ist Teil der Ausbildung, dass sich Flugzeugführer im Alltag kompromisslos um Sicherheit kümmern und bestenfalls begrenzt um Kosten und Wirtschaftlichkeit.

"Darum sind den Damen und Herren Piloten die Gewinn- und Verlustrechnungen auch in Tarifverhandlungen nicht so wichtig", sagt ein Pilot. "Die Lufthansa ist ja kein Pleitekandidat, sondern will mit Sparmaßnahmen nur eine höhere Dividende finanzieren." Da ist es für die Piloten kein Argument, dass Fluglinien sich Geld für Investitionen borgen müssen und im Gegensatz zu den goldenen Zeiten als Staatslinie Zinsen zahlen müssen.

Konzernchef Spohr hat zwei Möglichkeiten

Manche Piloten sehen ein, dass die Lufthansa steigende Kosten wettmachen muss und im Kampf gegen die effizienteren Airlines vom Billigflieger Easyjet bis zu Emirates aus Dubai die Preise senken muss. Aber kein Pilot sieht ein, warum er sparen soll. Soll die Linie doch anderswo sparen und bei anderen Berufsgruppen. Wenn die sich nicht wehren können, ist das aus Sicht der Piloten offenbar deren Pech.

Diese Einstellung zu ändern galt bisher eher als Nebensache im Konzern. Doch tatsächlich ist es angesichts der ständigen Streikdrohungen eine Hauptaufgabe.

Welche Rechte Fluggäste bei Streik haben

Hier hat Konzernchef Carsten Spohr zwei Möglichkeiten. Er kann wie Willie Walsh als Chef von British Airways die harte Tour fahren. Dazu kann Spohr Ausstände hinnehmen bis die Piloten nachgeben, weil die Streikkasse leer ist. Flankiert davon, die Piloten in der Gesellschaft so zu ächten, dass ihnen keine Drückerkolonne mehr die Hand geben will und sich die Flugzeugführer erst kurz vor Flug im Cockpit umziehen, damit sie Passagiere oder Flughafenarbeiter auf dem Weg zum Jet nicht beschimpfen, mit Unrat bewerfen oder Autos mit VC-Aufklebern demolieren.

Das wäre zwar nicht so schwer, weil die VC durch ein paar imageschädigende Steilvorlagen hilft. Etwa indem sie es sozialen Kahlschlag nennt, wenn es neben den Topjobs eine größere Leichtlohngruppe gibt, Gehaltserhöhungen nicht so hoch sind wie das Einstiegsgehalt einfacher Schaltermitarbeiter oder Piloten nur noch vier statt sieben Jahren vor anderen Arbeitnehmern in Rente gehen dürfen.

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Doch so launig diese Option manchem auch erscheint, besser ist wohl der zweite Weg: überzeugen. Sie muss den Piloten immer und immer wieder vor Augen führen, wie die Lage ist, warum ein Unternehmen Gewinn machen sollte und dass Pilotengehälter dabei doch einen Unterschied machen. Keine gute Idee war jedenfalls der Vorstoß, eine neue Billiglinie oder Sparstrecken unter ein Lufthansa-Logo auflegen zu wollen, bei denen wegen der dafür vorgesehenen Uraltmaschinen vom Typ Airbus A340 die Mehrkosten für Sprit und Wartung höher sind, als die Pilotengehälter.

Ein Anfang ist dagegen die aktuelle Art der Tarifverhandlungen mit Hilfe eines Moderators, der statt über Forderungen zu reden jeder Seite die Interessen der anderen vermitteln will. Aber das aktuelle Effizienzprogramm Score will ja alle Prozesse im Unternehmen langfristig verbessern.

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