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Stresstest für Unternehmen Firmenchefs simulieren den Absturz

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Kulturelle Defizite

So entwickelte sich bei den Münchnern plötzlich der Anlagenbau zur Problemsparte. Zwar zeichnete sich das Geschäftsfeld durch kontinuierlich positive operative Ergebnisse aus, auch die Auftragsbücher waren voll. Trotzdem rutschte die Sparte innerhalb eines Jahres in die Verlustzone. Als Grund dafür machte Zeppelin-Chef Gerstmann kulturelle Defizite aus: „Im Unternehmen haben wir viel zu wenig über die Aufträge gesprochen und nicht gesehen, wie schlecht viele eigentlich waren.“ Führungskräfte hätten zum Beispiel viel länger als nötig Sitzungen vorbereitet, um dort mit Zahlen glänzen zu können, die aber den Blick auf die Realität verstellten.

Wo der Mittelstand sein Geld anlegt

Ein Bauchgefühl habe er gehabt, er habe dies aber an den Zahlen nicht festmachen können. „Nach 150 Seiten PowerPoint-Präsentation hatte ich keine Chance, die Probleme zu erkennen“, erinnert sich Gerstmann. „Drei Seiten mit den wirklich wichtigen Fakten wären sinnvoller gewesen.“ Deshalb unterzieht Gerstmann die fünf Geschäftseinheiten künftig abwechselnd einem Stresstest, in jedem Jahr eine.

„Wir binden Konzernentwicklung, Controlling, Revision und Kommunikation ein“, sagt Gerstmann. Dann werde geprüft, welche Risiken jede Sparte eingegangen sei, ob es klare Regeln und regelmäßige Meetings gebe und ob die Kommunikation stimme. Dazu werden mit den Führungskräften in den verschiedenen Teilbereichen strukturierte Interviews geführt. Hinter allem steht für Gerstmann die Frage: „Ist irgendwo etwas aus dem Ruder gelaufen, obwohl alles in Ordnung scheint?“

Check der Lieferketten

Die Einsatzmöglichkeiten für Stresstests sind so vielseitig wie die Risiken, denen Unternehmen ausgesetzt sind. Der Autozulieferer ZF in Friedrichshafen etwa arbeitet seinerseits mit mehreren Tausend Lieferanten weltweit zusammen. In einem Computermodell bildet das Unternehmen vom Bodensee deshalb die Lieferketten nach und spielt Szenarien durch: Was passiert, wenn ZF zum Beispiel abrupt einen höheren Bedarf an bestimmten Teilen hat oder die Lieferungen etwa durch Unwetter oder Naturkatastrophen gestört werden?

In Arbeit
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Das System berechnet dann mögliche Auswirkungen auf die Lagerbestände und die Lieferfähigkeit von ZF gegenüber den eigenen Kunden. „Wir wollen mögliche Schwachstellen in der Lieferkette erkennen, bevor sie tatsächlich auftreten“, sagt ZF-Vorstand Wilhelm Rehm. „Auf Basis der Analyseergebnisse erarbeiten wir dezidierte Maßnahmenpläne, mit denen wir die Stabilität unserer Lieferketten sicherstellen und weiter verbessern können.“ Dies könnten Notfallpläne oder Sicherheitspuffer sein.

In einem Fall zog ZF sogar die Notbremse. Weil der Stresstest ein zu hohes Risiko ergab, stoppte das Unternehmen eine bereits angedachte Verlagerung der Produktion ins Ausland.

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