Stuttgart 21 Bahn-Vorstand hat Glaubwürdigkeit verspielt

Die Deutsche Bahn muss eingestehen, dass der Tiefbahnhof deutlich teurer wird. Selbst wenn der Konzern einen Großteil der Kosten übernimmt: Wer kann sich sicher sein, dass die jetzigen Planungszahlen realistisch sind?

Die größten Investitionsruinen Deutschlands
Flughafen ZweibrückenNach dem insolventen Nürburgring steht ein weiteres Projekt mit Steuergeld in Rheinland-Pfalz vor dem finanziellen Crash: Der Flughafen Zweibrücken in der Pfalz wird nach Ansicht von Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) Insolvenz anmelden müssen. Er rechne damit, dass die EU-Kommission die Rückzahlung von bis zu 56 Millionen Euro staatlicher Beihilfen fordern werde, sagte Lewentz. Der Flughafen Zweibrücken - wie der verschuldete Airport Frankfurt-Hahn ein früheres Militärgelände - hatte 2012 ein Minus von 4,6 Millionen Euro eingefahren, das er im vergangenen Jahr nach Ministeriumsangaben auf knapp 3 Millionen Euro drückte. Der Flughafen befindet sich zur Hälfte in Hand des Landes und zur Hälfte in kommunaler Hand. Er liegt nur rund 30 Kilometer vom Flughafen Saarbrücken entfernt. Die neuen Flugleitlinien der EU-Kommission verbieten Subventionen für zwei Airports, die weniger als 100 Kilometer auseinanderliegen. Quelle: dpa/dpaweb
Eine Maschine der Lufthansa überquert die Landebahn des Flughafens Leipzig/Halle Quelle: Uwe Schoßig
Freizeitpark am Nürburgring Quelle: dpa
Ein Transrapid TR 09 steht auf der Teststrecke im Emsland Quelle: dpa
Menschen verspeisen Kaffee und Kuchen im Reaktorhauptgebaeude des Kernkraftwerkes Kalkar Quelle: AP
Aussenansicht der Halle des Tropical Islands Resorts Quelle: dpa/dpaweb
Passanten vor dem Dortmunder U-Turm Quelle: PR

Nun also doch. Mindestens 1,1 Milliarden Euro kostet der neue Bahnhof in Stuttgart zusätzlich. Nur ein Jahr nach dem Ende des Schlichtungsverfahrens muss die Deutsche Bahn zugeben, dass der geplante Finanzierungsrahmen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro nicht mehr zu halten ist. Das Unternehmen und der Vorstand haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Sie haben Aufsichtsräte, Projektgegner und Öffentlichkeit in die Irre geführt.

1. Unglaubwürdige Wirtschaftlichkeitsrechnung

So ließ Bahnchef Rüdiger Grube gleich nach seinem Amtsantritt die Kosten für den neuen Bahnhof in Stuttgart noch einmal überprüfen. Die Summe von 4,5 Milliarden Euro galt seitdem als Höchstgrenze, quasi als Sollbruchstelle. Jeder Euro mehr würde das Kosten-Nutzen-Verhältnis kippen, hieß es damals. Grube hätte das Projekt stoppen können, doch die Bahn ging nicht von Mehrkosten aus. Nun lässt Technik-Vorstand verlauten, die Wirtschaftlichkeit des Projekts gehe zwar wegen der Kosten in Höhe von 5,6 Milliarden Euro in die Knie, bleibe aber weiterhin positiv. Es scheint, als seien frühere Argumente heute nichts mehr wert.

2. Lückenhafte Planung

Die Deutsche Bahn nannte Stuttgart 21 einmal das „bestgeplante Projekt“. Davon ist der Konzern inzwischen abgerückt – aus gutem Grund. Wer in die heutige Präsentation von Technik-Vorstand Kefer schaut, fragt sich, wie man allen Ernstes überhaupt auf die Idee kommen kann, von einem gut geplanten Projekt zu sprechen. In der Kostenkalkulation von 2009 gab es „nicht untersuchte Leitungen“, „nicht budgetierte Planungskosten“, „nicht komplett geplante Bauzustände“ und „abweichende Annahmen in technischer Ausführung“, um nur einige Posten zu nennen, die jetzt zu den Mehrkosten in Höhe von 1,1 Milliarden Euro führen. Das Projekt schien also in Teilen überhaupt nicht geplant worden zu sein.

Die größten Pannen der Deutschen Bahn
Juli 2015Wegen der großen Hitze sind die Luftkühlungen mehrerer IC-Züge ausgefallen. Anders als im Sommer 2010 reagierte die Bahn diesmal schnell: Sie stellte für die besonders betroffene Linie Berlin-Amsterdam zwei Ersatzzüge bereit. Sie sollen eingesetzt werden, wenn die Luftkühlung in anderen IC auf der Strecke versagt, wie ein Sprecher mitteilte. Außerdem wurden in Osnabrück mehrere Busse stationiert. Dort mussten insgesamt mehrere Hundert Fahrgäste in nachfolgende Züge umsteigen, weil in ihren Zügen die Klimaanlage ausgefallen war. Es habe aber kein Fahrgast gesundheitliche Probleme bekommen, so der Sprecher. Bei etwa einem Dutzend älterer Intercitys auf der Linie Berlin-Amsterdam hatten die Klimaanlagen ihre Arbeit eingestellt. Quelle: dpa
Oktober 2014Ein Warnhinweis sorgt für Lacher, Spott und eine Entschuldigung der Deutschen Bahn: „Cannstatter Wasen: Es ist mit Verspätungen, überfüllten Zügen und verhaltensgestörten Personen zu rechnen“ ist am Samstag auf den Anzeigetafeln an mehreren Bahnhöfen in der Region Stuttgart zu lesen gewesen, wo das Volksfest an seinem letzten Wochenende in diesem Jahr wieder Tausende Besucher anlockte. „Wir entschuldigen uns dafür“, sagte eine Bahn-Sprecherin am Sonntag und bestätigte Online-Berichte der „Stuttgarter Nachrichten“ und der „Stuttgarter Zeitung“. Ein Mitarbeiter habe den Text entgegen aller Vorgaben verfasst. Er werde Anfang der Woche zum Rapport bestellt. Dann solle auch der gesamte Vorgang aufgeklärt werden. Quelle: dpa
August 2013Ein ungewöhnlich hoher Krankenstand in der Urlaubszeit sorgte im August 2013 für ein Fahrplanchaos am Mainzer Hauptbahnhof - und für massiven Ärger bei den Fahrgästen. Die Deutsche Bahn hat für das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof wegen massiver Personalprobleme auf Facebook um Entschuldigung gebeten. „Für die derzeitigen Einschränkungen möchte ich mich entschuldigen“, antwortete ein Mitarbeiter in dem Sozialen Netzwerk auf Beschwerden einer Nutzerin. Die Situation sei „wahrlich nicht schön“. Quelle: dpa
August 2013Um dem Problem der häufig verstopften und verdreckten Zugtoiletten Herr zu werden, setzt die Bahn ab sofort neue Reinigungskräfte, sogenannte Unterwegsreiniger, in ICE-Zügen ein. Die Reinigungskolonne, die auf der Fahrt die Toiletten putzt, wird um 50 Beschäftigte auf 250 aufgestockt, wie der Vorstandsvorsitzende DB Fernverkehr, Berthold Huber, ankündigte. Die Mitarbeiter sollen zugleich stärker entsprechend der Zugauslastung eingesetzt werden. Damit würden die Toiletten in besonders gefragten Bahnen mindestens zweimal und damit doppelt so oft auf der Fahrt gereinigt wie bisher. Der Fahrgastverband Pro Bahn und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) lobten die Initiative, wiesen aber zugleich auf andere Probleme hin. „Neben den kaputten oder dreckigen Toiletten gibt es tagtägliche Kundenbeschwerden vor allem über die Klimaanlagen und Verspätungen“, sagte Pro-Bahn-Bundessprecher Gerd Aschoff. Und das sind nicht die einzigen Pannen der Deutschen Bahn... Quelle: dpa
November 2011Nach der persönlichen Anmeldung im neuen elektronischen Ticketsystem „Touch & Travel“ waren für nachfolgende Nutzer die Kundendaten sichtbar. Quelle: dpa
Juli 2010Am einem Wochenende fallen in mehreren ICE-Zügen die Klimaanlagen aus. Fahrgäste kollabierten, Schüler mussten dehydriert ins Krankenhaus eingeliefert werden. Im Zuge der Panne wurde bekannt, dass die Klimaanlagen der Bahn nur bis 32 Grad funktionieren. Damals fielen in Dutzenden Zügen die Klimaanlagen aus. Quelle: dpa
April 2010 - ICE verliert TürBei voller Fahrt verliert ein ICE auf dem Weg von Amsterdam nach Basel eine Tür. Das Stahlteil schlägt in einen entgegenkommenden ICE ein. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Frankfurt und Köln werden sechs Menschen leicht verletzt. Ursache für den Unfall ist eine lose Stellmutter an der Verriegelung. Foto: dpa

3. Geschönte Kommunikation

Im März dieses Jahres ließ Kefer per Pressemitteilung verlauten: S21 liege im „prognostizierten Kostenrahmen“. Insgesamt seien rund 50 Prozent des gesamten Bauvolumens und 90 Prozent der Tunnelbauwerke für Stuttgart 21 vergeben. „Die Kostensituation für das Projekt hat sich weiter stabilisiert", so Kefer. Mit solchen Worten  hat der Bahn-Vorstand die tatsächliche Situation vernebelt. Mag sein, dass die Kostenexplosion zu dem Zeitpunkt nicht exakt absehbar war, doch selbst die Staatssekretäre im Verkehrs-, Wirtschafts- und Finanzministerium zeigen sich über die irreführende Kommunikation der Bahn empört, wie das Handelsblatt in der heutigen Ausgabe berichtet. Selbst im Juni war offiziell noch alles im Plan.

Die Bahn macht das einzig Richtige

Die Deutsche Bahn dürfte damit nicht nur die Gegner, sondern auch viele Freunde von S21 gegen sich aufbringen. Die Ankündigungen der Vergangenheit entpuppen sich als falsch, Stuttgart 21 wird teurer als geplant. Wer kann sich eigentlich sicher sein, dass die jetzigen Planungszahlen annähernd realistisch sind?

Die Deutsche Bahn macht jetzt das einzig Richtige, indem sie die Zusatzkosten auf die eigene Kappe nimmt. Der Vorstand schlägt dem Aufsichtsrat vor, die Kosten in Höhe von 1,1 Milliarden Euro zu übernehmen, zur „Befriedung des Projektes“ und um „das Projekt uneingeschränkt“ fortzuführen. Es bleiben aber noch Risiken, die sich „auf mehrere Hundert Millionen Euro summieren“ können, heißt es offiziell. Die Landesregierung in Baden-Württemberg und der Bund lehnen die Übernahme weiterer Kosten ab. Es scheint, als müsse die Bahn auch dann noch mal tief in die Tasche greifen. Es würde ihre Glaubwürdigkeit erhöhen.

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