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Suche auf den Philippinen Geschasster Wirecard-Vorstand Marsalek im Visier der Ermittler

Dem langjährigen Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, gegen den ebenfalls Ermittlungen laufen, droht Insidern zufolge weiterhin eine Verhaftung. Quelle: dpa

Während der Wirecard-Ex-Chef Braun gegen Kaution freikommt, wird Ex-Vorstand Marsalek weiter gesucht. Fahnder vermuten ihn auf den Philippinen. Laut einem Medienbericht will Marsalek sich stellen.

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Im milliardenschweren Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard fahnden die Ermittler weiter nach Ex-Vorstand Jan Marsalek. Der Manager, der das Unternehmen an der Seite des früheren Konzernchefs Markus Braun rund 20 Jahre lang geprägt hat, muss mit einer Verhaftung rechnen, wie mehrere Insider der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch sagten. Es gebe Hinweise darauf, dass sich Marsalek auf den Philippinen aufhalte, sagte Justizminister Menardo Guevarra.

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete unter Berufung auf Kenner des Ermittlungsverfahrens, der Manager wolle sich der deutschen Justiz stellen. Sein Kalkül sei es, wie Ex-Wirecard-Chef Markus Braun gegen Kaution und weitere Auflagen von einer Untersuchungshaft verschont zu werden. Braun war am Dienstagabend gegen die Zahlung von fünf Millionen Euro nach einer Nacht in Haft auf freien Fuß gekommen.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt bei Wirecard wegen des Verdachts der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation. Der in den fast zwei Jahrzehnten unter Brauns Führung stark gewachsene Dienstleister für bargeldlose Zahlungen hatte Anfang der Woche eingeräumt, dass ein bilanziertes Vermögen von 1,9 Milliarden Euro auf Konten in Asien aller Wahrscheinlichkeit nach nicht existiert. Braun hatte sich am Montag den Behörden in München gestellt. Auch die Philippinen ermittelten gegen Marsalek und weitere Personen, die möglicherweise in den Wirecard-Bilanzskandal verwickelt sind.

Der öffentlichkeitsscheue Marsalek galt als graue Eminenz von Wirecard. Er kam im Jahr 2000, zwei Jahre vor Braun, zu dem Unternehmen. Er machte dort rasch Karriere und war in den vergangenen Jahren im Vorstand für das Tagesgeschäft verantwortlich, darunter auch die Asien-Aktivitäten. Am Montag war er fristlos entlassen worden.

Wie Reuters von Insidern erfuhr, stehen deutsche Strafverfolger und Marsalek direkt oder indirekt im Kontakt miteinander. Die Staatsanwaltschaft München und Marsaleks Anwalt in München wollten sich nicht äußern. Grund eines Haftbefehls kann außer Fluchtgefahr auch die Befürchtung der Justiz sein, dass der Beschuldigte Beweise vernichtet oder Zeugen beeinflusst. Zudem muss die Staatsanwaltschaft einen dringenden Tatverdacht hegen.

Prominenter Kunde wendet sich von Wirecard ab

Unterdessen spitzt sich die geschäftliche Lage für Wirecard zu: Mit dem Uber-Konkurrenten Grab legte am Mittwoch ein prominenter Kunde seine Partnerschaft mit Wirecard auf Eis. Beobachter fürchten, dass sich weitere Kunden abwenden könnten. Davon hängt auch die Zukunft des Konzerns ab. „Wir beobachten die Entwicklungen weiterhin genau und bewerten neue Informationen, sobald sie verfügbar werden“, sagte eine Visa-Sprecherin. „Unsere Priorität ist und bleibt die Aufrechterhaltung der Integrität des Visa-Zahlungssystems und der Schutz der Interessen von Verbrauchern, Händlern und unseren Kunden.“ Mastercard lehnte eine Stellungnahme ab.

Während die Gläubigerbanken weiterhin versuchen, sich einen Überblick über die Situation von Wirecard zu verschaffen, gewährten sie dem Konzern eine Atempause, wie zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen sagten. Es gehe aber nur um einen kurzen Aufschub. Bis Ende Juni würden mehrere Treffen stattfinden, um zu entscheiden, ob und zu welchen Bedingungen eine 1,75 Milliarden Euro schwere Kreditlinie verlängert wird. Dann könnte es zum Schwur kommen: Denn Ende des Monats müssen die Gehälter für rund 5500 Wirecard-Mitarbeiter gezahlt werden.

Währenddessen reißt die Kritik an der Finanzaufsicht BaFin, die unter der Aufsicht des Finanzministeriums steht, nicht ab. Sie war erst spät gegen das Unternehmen vorgegangen. Zudem zeigt der Fall Experten zufolge Lücken bei der Regulierung von Konzernen wie Wirecard. Ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums sagte am Mittwoch, es werde laufend überprüft, wo es Anpassungen geben müsse, damit die Aufsicht funktioniere. Details nannte er nicht.

Am kommenden Mittwoch muss BaFin-Chef Felix Hufeld den Abgeordneten im Bundestag-Finanzausschuss Rede und Antwort stehen. Hufeld hat Fehler eingeräumt. Was mit Wirecard passiere, sei ein „Desaster“.

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