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Suezkanal nicht passierbar Sackgasse für den Welthandel

Frachtschiff quer, Suezkanal verstopft Quelle: dpa

Der Suezkanal ist so etwas wie eine Autobahn für den globalen Handel – eine sehr schmale Autobahn mit nur einer Spur. Nun blockiert ein Ozeanriese den Kanal. Was das für den Welthandel bedeutet.

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Das havarierte Containerschiff „Ever Given“ konnte mittlerweile freigelegt werden. Hier lesen Sie mehr zu den aktuellen Geschehnissen.

Der Suezkanal wirkt angesichts des mächtigen Schiffes nur noch wie ein schmales Rinnsal in der Wüste. Wie eine Wand ragen die Container über dem Sand hinauf. Ein unüberwindbares Hindernis: Die MV Ever Given der Reederei Evergreen hat sich quergestellt, Bug und Heck hängen im Sand an den Kanalmauern. Eigentlich sollte das Schiff durch den Kanal von China bis zum Hafen Rotterdam in den Niederlanden reisen. Doch über dem Kanal sei ein Sandsturm aufgekommen und eine Windböe habe das Schiff getroffen, erklärte der Schiffsbetreiber laut BBC.

„Solche Vorfälle sind nicht ungewöhnlich“, sagt der Kapitän Richard von Berlepsch. Zwei Jahrzehnte ist er selbst zur See gefahren, heute ist er Flottenmanager bei Hapag-Lloyd. Wind und Wetter können auch die größten der Schiffe schlenkern lassen, so Berlepsch: „Nur ist im Suezkanal nun mal nicht genug Platz da, damit sich das Schiff wieder drehen kann.“

Die MV Ever Given steckt fest. Und das an der wohl unglücklichsten Stelle, die es aus Sicht des Welthandels geben kann. Der Suezkanal ist an der Unglücksstelle einspurig, für andere Schiffe herrscht kein Durchkommen. Bereits jetzt warten hunderte Handelsschiffe auf eine Einfahrt in den Suezkanal.

Wo das Containerschiff Ever Given die wichtigste Wasserpassage blockiert

Schlepper versuchen nun, die MV Ever Given zu bewegen, Bagger schaufeln Sand vom Bug weg. Doch bisher regt sich der Ozeanriese wenig. Reedereien wie Hapag-Lloyd hoffen zwar, dass die Blockade schnell behoben ist. Doch die Ever Given ist das größte Schiff, dass jemals im Suezkanal feststeckte. Und sie ist schwer. Sollte es nicht reichen, Ballastwasser abzulassen, um das Schiff leichter zu machen, müssten vielleicht auch Container entladen werden. Das geht nur mit Hilfe von Kränen – oder Helikoptern.

Im schlimmsten Fall könnte es deshalb noch Tage dauern, bis die Ever Given wieder in Fahrt kommt. Tage, bis der Welthandel wieder frei fließen kann.



Mehr als 50 Schiffe durchqueren den Suezkanal jeden Tag. Normalerweise fahren sie in eng getakteten Konvois in den Kanal ein, voll beladen mit Öl, Erz, mit Containern. Knapp 1,2 Milliarden Tonnen Fracht waren es im vergangenen Jahr. Die Schiffsroute zwischen Asien und Europa ist die wichtigste der Welt. Die ägyptischen Behörden schätzen, dass damit etwa 13 Prozent des Welthandels den Weg durch den Kanal nehmen.



Das lassen sich die ägyptischen Behörden gut bezahlen: Etwa 250.000 Euro kostet eine Durchfahrt. Allein im vergangenen Jahr machte die Suez Canal Authority einen Umsatz von über 5,6 Milliarden Dollar. Doch mit der Passage durch den Suezkanal sparen sich die Reeder den Umweg von 6500 Kilometern rund um Afrika. Das würde rund zwei Wochen dauern. Jetzt, wo der Kanal blockiert ist, bleibt ihnen deshalb nur eine Option: abwarten.

Warten müssen nun auch die Kunden der Reedereien, sagt Christoph Baumeister, Experte für Fernostverkehre bei der digitalen Spedition Flexport. „Wenn der Suezkanal blockiert ist, kann das Auswirkungen auf den weltweiten Handel haben. Und die Lieferketten stehen wegen der Coronapandemie ohnehin schon unter Stress.“

Schon seit Monaten ist die Situation angespannt, das Coronavirus hat den Welthandel aus dem Gleichgewicht gebracht. Weil die Menschen weniger Geld für Reisen und Kultur ausgeben konnten, dafür aber umso mehr in ihre Wohnungen und Besitztümer investierten. Die meisten dieser Konsumgüter kommen aus Asien nach Europa – per Schiff. Die Nachfrage stieg so steil an, dass mittlerweile nicht mal mehr genüg Container verfügbar seien. Viele Häfen kommen gar nicht hinterher, all die Fracht abzufertigen.

Schlepper versuchen nun, die MV Ever Given zu bewegen. Quelle: dpa

Und die Havarie der MV Ever Given könnte den nächsten Dominoeffekt auslösen. „Selbst wenn die Blockade nur einen Tag andauern würde, hätten deshalb dutzende Schiffe Verspätung. Das summiert sich“, so Baumeister. Und solche Verspätungen aufzuholen, sei kaum möglich: „Es können halt nicht einfach mehr Schiffe durch den Suezkanal fahren.“

Die Möglichkeiten des Suezkanals sind begrenzt, sagt auch Flottenmanager Richard von Berlepsch. Die Kapitäne kennen die Schiffsstraße nur zu gut. „Wer auf der Strecke unterwegs ist, der fährt einmal im Monat durch den Kanal“, sagt Berlepsch. Schon abends müssen die Schiffe vor dem Kanal eintreffen, um am nächsten Morgen um vier Uhr den ersten Konvoi zu erwischen. Die Durchfahrten sind eng getaktet. Zwar hat der Suezkanal seit dem letzten Ausbau vor fünf Jahren eine zweite Spur – allerdings nur auf einem Teilstück. Deshalb müssen die Schiffe im Bittersee warten, bis die Konvois aus der Gegenrichtung den See passiert haben und die Spur frei ist. Erst am späten Nachmittag gelange man wieder aufs Meer, erzählt Berlepsch. Normalerweise.

Nun warten die Schiffscrews schon seit der Nacht auf die Einfahrt. Noch nehmen sie es mit Humor. „Sieht so aus, als würden wir für eine Weile hier bleiben“, postete eine Mitarbeiterin der Reederei Maersk auf Instagram von Bord der Maersk Denver, die direkt hinter der MV Ever Given festhängt. Noch eine Weile bleiben? Für den Welthandel ist das keine gute Nachricht.

Mehr zum Thema: Wegen eines festgefahrenen Containerschiffs ist die wichtigste Wasserstraße der Welt nicht befahrbar. Richtung Europa und Amerika sind zurzeit vor allem Öltanker betroffen. Das zeigen neueste Satellitenaufnahmen und Transponderdaten.

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