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T-Mobile US Sprint taumelt - und gefährdet die Fusionspläne der Telekom

Eine Fusion mit Sprint gilt in der Branche für T-Mobile US als Hochrisiko-Projekt. Quelle: imago images

Seit Monaten kämpft die Deutsche Telekom für eine Fusion ihrer US-Tochter T-Mobile US mit Sprint. Doch der Wettbewerber ist angeschlagen – ein Deal wäre hochriskant.

Die Terrasse des Quadrus Conference Center im kalifornischen Menlo Park bietet einen traumhaften Blick über das Silicon Valley. An einem lauschigen Frühlingstag drängt sich auf ihr fast der gesamte Telekom-Vorstand. Telekom-Chef Tim Höttges hat Silicon-Valley-Unternehmer, Wagnis-Finanzierer und Stanford-Wissenschaftler im April zur „Telekom Nacht“ geladen, lässt Crab Cakes und Tuna Tartare kredenzen. Es ist der Abschied der Pilgerreise, die Höttges jedes Jahr an die Stanford Universität unternimmt.

Der Telekom-Chef hat blendende Laune und ganz in amerikanischer Manier jubelt er über dieses großartige Unternehmen, das in den USA einen Erfolg nach dem anderen feiert. Seit sechs Jahren gewinnt die US-Tochter in jedem Quartal mehr als eine Million Neukunden hinzu – so einen Rekord habe noch keiner aufgestellt. Die Telekom, sagt Höttges, sei eine „der besten Telefongesellschaften“ der Welt.

Mit Blick auf den US-Markt hat Höttges nicht übertrieben. Die einst ungeliebte, weil verlustreiche Telekom-Tochter T-Mobile US, ist heute ein strahlender Stern am amerikanischen Telekommunikationshimmel. Auch deshalb formiert sich seit Monaten Widerstand gegen das Unternehmen: T-Mobile US will mit dem Wettbewerber Sprint fusionieren und einen Mobilfunkriesen schaffen, der es mit den US-Giganten Verizon und AT&T aufnehmen kann. Experten äußerten von Anfang an wettbewerbspolitische Bedenken – und ihre Sorge darüber, dass die Deutsche Telekom in Europa auf Produkte des chinesischen Ausrüsters Huawei setzt. US-Präsident Donald Trump hat Huawei auf die schwarze Liste gesetzt.

Auch die Genehmigung der Wettbewerbswächter für die Fusion steht noch aus. Die zuständige Aufsichtsbehörde des US-Bundesstaates Pennsylvania hat den Zusammenschluss am Donnerstag genehmigt. Allerdings steht noch die Freigabe durch das US-Justizministerium sowie die Bundesstaaten Kalifornien und Hawaii aus. Insidern zufolge hat das Justizministerium Bedenken. Ein Zusammenschluss von T-Mobile US und Sprint war in den vergangenen Jahren schon zwei Mal gescheitert.

Doch nicht wenige stellen sich eine grundsätzliche Frage: Ist das Risiko, mit Sprint zusammen zu gehen, überhaupt kalkulierbar? Die Japaner sind nach T-Mobile US die Nummer vier im Markt – und unter allen Wettbewerbern nicht nur der eindeutig schwächste, sondern sogar ein taumelnder Patient. Telekom-Chef Hötttges würde sich mit Sprint Probleme ins Haus holen. T-Mobile US ist derzeit so erfolgreich, dass es Sprint eigentlich nicht braucht – umgekehrt geht es für die Japaner ums Überleben.

Ist Sprint für die Telekom ein Giftcocktail?

Sprint gilt daher in der Branche für T-Mobile US als Hochrisiko-Projekt. Berater wie Roger Entner, Gründer der Beratung Recon Analytics, halten nichts von dem Unternehmen. Der Zustand von Sprint sei miserabel. Entner vergleicht die US-Tochter des japanischen Mobilfunkriesen Softbank mit einem „Schierlingsbecher“, eine Art Giftcocktail, der den Telekom-Konzern in Schieflage bringen könnte. Wer immer mit Sprint zusammengehe, „handelt sich ein Problem ein“, warnt Entner. Sprint sei schlecht geführt. Unzufriedene Kunden würden seit Jahren nur noch mit Sonderangeboten bei der Stange gehalten.

Vor allem im Westen des Landes, zwischen der Wüste Nevadas und den Gebirgszügen in Idaho, taugt das Smartphone für Sprint-Kunden häufig nur zum Briefbeschwerer. Riesige Lücken im Telefon- und Datennetz machen sogar einfache Anrufe so gut wie unmöglich – vom kurzen Facebook- oder E-Mail-Check ganz zu schweigen. Auch im Rest des Landes gilt das Netz als legendär löchrig. Den aktuellen 4G-Netzstandard liefert der Anbieter nur in einem guten Viertel der USA. Kein landesweiter Konkurrent bietet eine annähernd so schlechte Performance.

Die Probleme spricht Sprint sogar offen aus: In einem Schreiben an die Wettbewerbsbehörde FCC stellt der Anbieter sich selbst ein miserables Zeugnis aus. Das Netz sei löchrig, Kunden wendeten sich ab, neue Einnahmequellen seien nicht in Sicht, heißt es in dem Brief schonungslos. Man habe die selbstgesteckten Ziele der vergangenen Jahre „deutlich verfehlt“. Die Schlussfolgerung des Sprint-Managements, um für eine Fusion mit T-Mobile US zu werben: „Als eigenständiges Unternehmen ist unsere Zukunft in Gefahr.“

Politiker in Washington halten das Gejammer von Sprint-Chef Michel Combes, der gerade katastrophale Quartalszahlen vorgelegt hat, allerdings für eine Showeinlage. Mehrheitseigner Softbank, der im japanischen Mobilfunkgeschäft Profite scheffelt und weltweit mit arabischen Öl-Milliarden einen 100 Milliarden Euro schweren Technologiefonds managt, könnte das Siechtum schnell beenden, wenn er einfach mehr Gelder in den Netzaufbau investiert und Management-Talente anheuert.

Vielleicht ist es genau das, worauf T-Mobile-Chef John Legere scharf ist. Vor wenigen Tagen haben die beiden Unternehmen noch einmal nachgelegt und deutlich gemacht, dass sie den 26-Milliarden-Dollar-Deal unbedingt wollen. Zusammen kämen sie auf 135 Millionen Kunden und einen Jahresumsatz von 76 Milliarden US-Dollar.

T-Mobile US und Sprint haben für die Fusion weitreichende Zugeständnisse angeboten. So soll Sprint eine Prepaid-Tochter verkaufen. Sie verpflichten sich auch, mit dem Echtzeitmobilfunk 5G innerhalb von drei Jahren 97 Prozent der Bevölkerung der USA abzudecken. Außerdem garantieren sie, dass die Preise für Endkunden drei Jahre nach der Fusion nicht über dem Niveau von Februar 2019 liegen werden.

John Legere ist immer für eine Überraschung gut

Die Preisgarantie beraubt der Telekom in den USA aber auch unternehmerischer Freiheiten – und macht den Deal durchaus heikel. T-Mobile-Chef Legere ist bekannt dafür, dass er die gesamte Klaviatur der Möglichkeiten nutzt, um die Wettbewerber anzugreifen. Nachdem er im September 2012 als CEO von T-Mobile USA anheuerte, hat sich die Nutzerzahl von 33 Millionen auf derzeit fast 82 Millionen mehr als verdoppelt. Starre Zusagen könnten kontraproduktiv wirken. Kritiker trauen dem Manager zu, das US-Geschäft unter dem neuen Mobilfunkstandard 5G auch ohne Sprint aufzubauen.

Legere ist eben immer für eine Überraschung gut. Als eine seiner ersten Amtshandlungen kippte er damals die bei US-Mobiltelefongesellschaften üblichen Zwei-Jahres-Verträge, machte sie monatlich kündbar und senkte dann die Preise. Die Wettbewerber AT&T und Verizon stemmten sich dagegen, mussten dann aber zähneknirschend folgen. Legere nutzte seinen Vorstoß, um sich als Rebell der Telefonbranche zu inszenieren und ironischerweise deren miesen Ruf für T-Mobile in einen Vorteil zu wandeln. Unvergessen ist, wie sich Legere mit magentafarbenen T-Shirt auf eine AT&T-Party in Las Vegas schmuggelte und dann seinen öffentlichkeitswirksamen Rausschmiss via Twitter verbreitete.

Solche Auftritte könnten bald ein Ende haben. Laut FCC-Dokument, das T-Mobile der Wettbewerbsbehörde vor Kurzem vorgelegt hat, soll der Manager im Falle einer Fusion einen Bonus von 37 Millionen Dollar erhalten. Die erste Hälfte bekäme er bei Abschluss des Deals, die zweite Hälfte dann, wenn der Zusammenschluss wirklich über die Bühne geht. Branchenbeobachter erwarten, dass Legere das Unternehmen dann verlassen wird.

T-Mobile würde dann seinen wichtigsten Mitarbeiter verlieren. Sein Management-Motto verriet Legere unlängst im Harvard Business Review: „Ich liebe es zu gewinnen, aber noch mehr, wenn jemand anders verliert.“

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