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Tauchsieder

Stabschef gesucht für die Philharmoniker

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"Bewerbungskonzerten" von Kandidaten

Tatsächlich lauscht man in Berlin seit zwei Jahren schon nicht mehr Beethoven, Brahms und Bruckner, sondern lauter "Bewerbungskonzerten" von Kandidaten, die sich angeblich über nichts so sehr freuen würden wie über einen Anruf des Orchestervorstands: "Habemus praefectum - Sie sind der Glückliche, der uns künftig 80 Tage im Jahr dirigieren darf." 

Morgen nun also ist es endlich so weit: Die 124 aktiven Orchestermitglieder (vier Stellen sind derzeit nicht besetzt) wählen ihren Chef Nummer sieben. Aber was heißt schon wählen? Es wird ein Ringen, es wird ein Kampf; das Rennen um den "schönsten und schwierigsten Dirigentenjob der Welt" (Rattle) ist offener denn je. Kein Orchestermitglied weiß heute schon, wen er übermorgen zum Stabschef berufen haben wird. Die Musiker werden sich einigen - am Ende auf einen Kompromisskandidaten?

Gut möglich, dass die Berliner Philharmoniker die Zeichen der neuen Zeit noch nicht ganz erkannt haben. Abbado und Rattle, sicher, von beiden heißt es, sie hätten spontan "Ja" gesagt, als die Berliner um ihre künstlerische Hand anhielten. Aber wer weiß, vielleicht holt sich das Orchester diesmal einen Korb? Kein Dirigent der Welt liegt den eitel Brillierenden mehr bedingungslos zu Füßen. Niemand empfindet es mehr als größte Gnade, der Auserwählte eines Ensembles selbstüberzeugter Instrumental-Stars zu sein - auch wenn die Philharmoniker das sich und der Welt immer noch gerne noch glauben machen wollen.

Zehn Hauptwerke der Neuen Musik

Christian Thielemann, 56, derzeit Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle in Dresden, sagte vor einem halben Jahr: "Ich bin jedes Jahr zwei Wochen bei den Philharmonikern. Das reicht."

Andris Nelsons, 36, die große Begabung aus Lettland, fühlte sich vor einigen Monaten noch "zu jung" für die Berliner - und hat soeben erst das arg ins Schlingern geratene Boston Symphony Orchestra übernommen.

Tugan Sokhiev, 37, der mit dem Deutschen Symphonie-Orchester zuletzt fantastische Erfolge feierte, sieht seine Zukunft nicht in Berlin, sondern am Bolschoi-Theater in Moskau.

Und Kirill Petrenko, 42, der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und gefeierte Ring-Dirigent, den die Philharmoniker über die Maßen schätzten und nur zu gerne an die Spree gelotst hätten, flüchtete unmittelbar vor einem Mahler-Konzert im Dezember mit "Rückenschmerzen" aus der Stadt. Fracksausen? So die Version der Berliner.  Vielleicht aber auch: Danke, liebe Philharmoniker, vorerst kein Interesse.

Schwerer als Kandidatenüberfluss und Favoritenmangel wiegt, dass die individuelle Selbstsicherheit der Berliner Philharmoniker, noch immer die begehrteste Position im weltweiten Konzertbetrieb zu vergeben, konterkariert wird von kollektiven Selbstzweifeln. Die bemerkenswertesten Aufnahmen im deutschen Kernrepertoire sind im abgelaufenen Jahrzehnt nicht etwa in Berlin, sondern in Leipzig unter Riccardo Chailly (Beethoven, Brahms) und in Bremen unter Paavo Järvi (Beethoven, Schumann), auch in Brügge unter Jos van Immerseel (Schubert) oder gar in Perm unter Theodor Currentzis (Mozart-Opern) entstanden - überwältigende Ergebnisse einer auf Homogenität, Tempi und Dynamik fokussierten Ensemblearbeit.

Simon Rattle hingegen, menschlich allseits geschätzt, hat sich in den vergangenen Jahren für alles Mögliche begeistert, mal dies eingespielt (Haydn, Bruckner, Stravinsky), mal das versucht (zuletzt einen Sibelius-Zyklus), seine Musiker mächtig auf Trab gehalten, laufend gefordert, dirigentisch überbetreut - und sich damit Schritt für Schritt ein Orchester herangezogen, das vor allem im dauerforcierten Auftrumpfen groß ist. Wer auch immer Rattles Nachfolger wird: Er wird, so paradox es klingt, die überragenden Qualitäten der Berliner ein wenig unterfordern, das Orchester wieder ins Zuhören einüben, ihm den Brillanz-Stecker ziehen müssen.

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