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Tauchsieder Die drei Lügen der Reisebranche

Quelle: imago

Reisen ist zweck- und sinnlos geworden. Ein Abgesang auf den Massentourismus – und ein Hoch auf die „happy few“, die zuhause bleiben.

Der Tourismus im 21. Jahrhundert baut auf drei Lügen auf. Erstens: Reisen bildet. Zweitens: Mit dem Aufbruch ins Unbekannte genießen wir ein bisschen Abenteuer. Drittens: Das Erkunden fremder Länder dient der Völkerverständigung.

Tatsächlich ist es ganz anders. Erstens: Reisen zerstreut. Zweitens: Mit dem Aufbruch ins All-Bekannte beruhigen wir uns. Drittens: Das Erkunden fremder Länder gleicht bestenfalls einem Zoobesuch. Der französische Philosoph Blaise Pascal hat das schon im 17. Jahrhundert verstanden. Er wusste, dass der Zwang zum Zeitvertreib die Ursache aller Menschheitsübel ist. Der Mensch allein verfügt über ein Bewusstsein seiner Existenz, also über die Fähigkeit, sich die Sinnfrage zu stellen. Genauer: Weil nur er über die Frage „Was fange ich mit meiner kurzen Zeit auf dieser Erde an?“ nachzudenken im Stande ist, ist er ständig hin- und hergerissen zwischen zwei lebensbestimmenden Gefühlen, zwischen „Aufbruch zu neuen Ufern“ und „Rückkehr ins Paradies der Unbewusstheit“: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Dreihundert Jahre später ist Blaise Pascal damit zum Stichwortgeber für die Einwohner von Barcelona, Berlin, Rom, Florenz, Venedig und all jener Städte avanciert, die vom Kreuzfahrttourismus heimgesucht werden. Ihre Begeisterung für das Völkerverständigungsinteresse der Besucher hält sich verständnisvollerweise in Grenzen. Zwar macht das Stichwort des „overtourism“ erst die Runde, seit die Vektoren des Massentourismus sich umkehren, also seit nicht nur Berliner in Mallorca einfallen und Florentiner in Phuket, sondern auch mengenweise Spanier in Berlin oder Chinesen in Rom. Die Einheimischen haben aber schon immer selbstverständlich ein Recht auf, sagen wir: relative Unbehelligtheit.

20 Millionen Tages- und Übernachtungsgäste in einer Stadt mit 55.000 Einwohnern (Venedig) das sind nun mal mindestens 19 Millionen zu viel. Jeder weiß: Für den wirklich Kulturbeflissenen ist Italien zwischen März und Oktober, sind Städte wie Siena, aber auch Oxford, York oder Dubrovnik im Sommer längst verloren. Zu lang sind die Schlangen, zu unerträglich dicht ist das Gedränge in den Gassen, Museen und Kirchen.

Die fünf Dörfer des „Cinque Terre“ in der Riviera erwandert man dann allenfalls im Kriechverkehr. Und selbst am anderen Ende der Welt oder am Fuß der höchsten Gipfel des Himalaya stehen sich Naturliebhaber die Beine in den Bauch. Weil sie an einspurigen Stellen im „Milford Sound“ in Neuseeland den Gegen-Wander-Verkehr abwarten, oder in der vermüllten Basisstation des Mount Everest das passende Aufstiegswetter.

Kurzum: Mit dem Reisen traditioneller und individueller Art, des herzklopfenden Erlebens und softabenteuerlichen Entdeckens, ist es endgültig vorbei. Das hat viele Gründe die Branche ist in den vergangenen 50 Jahren den Spuren von Tony und Maureen Wheelers „lonely planet“-Führern gefolgt und hat sich die letzten Winkel der Welt touristisch erschlossen.

Diese Reise-Irrtümer können richtig teuer werden
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Wirklich „off the beaten track“ ist heute maximal noch der, der sich mit dem Rad durch den Tschad bewegt. Alle anderen Touristen, seien wir ehrlich, sind heute nur noch Geschäftsreisende in des Wortes eigentlicher Bedeutung: routiniert-geschäftig Reisende, die dem quasigesetzlich Vorgeschriebenen ihrer Reiseführer einen Besuch abstatten pflichtschuldig und aus Gründen der Zerstreuung.

Denn das ist ja wohl der Charakter, Sinn und Zweck einer Geschäftsreise: Sie gleicht einer Passage, bei der man nicht reist, sondern gereist wird. Man schlendert nicht und verweilt, sondern man durchmisst und eilt, vor allem Wartesäle, Lounges und Empfangshallen. Man bewegt sich von einem „Nicht-Ort“ zum nächsten, so der französische Anthropologe Marc Augé, unterwegs in Watte, unterwegs im Kokon; man hält sich nicht auf, sondern rutscht durch, nutzt den Raum als Schleuse und Benutzeroberfläche, schiebt sich durch Orte, die Pumpen gleichen: Pumpen, die für den Durchfluss von Menschen sorgen, die an ihnen zusammenkommen, um einander zu ignorieren. Es sind Orte, die angesteuert werden, um nicht an ihnen zu verweilen: Drehkreuze und Durchgangsbezirke oder aus Sicht der modernen Kreuzfahrer: Städte wie Venedig, Florenz und Siena.

Ganz anders, früher einmal, der Urlaubsreisende, der aufbrechen wollte zu neuen Ufern. Er verstand sich als ein Unternehme(nde)r, der dahin ging, wo die Neugier ihn hinzog, wo die Überraschung war, die Herausforderung, der Respekt, durchaus auch ein bisschen Angst. Jede Privatreise, die den Urlauber in ein neues Land führte, fand gewissermaßen auf schwankendem Grund statt, war eine Verabredung mit dem Unbekannten, brachte unsere innere Welt in Bewegung.

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