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Tauchsieder

Stabschef gesucht für die Philharmoniker

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Keine "kurzfristigen Bindungen" mit dem neuen Chefdirigenten

Aber geht das überhaupt? Die Berliner Philharmoniker sind ganz sicher nicht das "beste Orchester der Welt" - eine solche Einschätzung ist so sinnlos wie die Behauptung, Daimler baue die besten Luxusautos. Aber die Berliner haben es unter Rattle zweifellos geschafft, sich als das "beste Orchester der Welt" erfolgreich zu positionieren. In der Ende 2008 eingerichteten "Digital Concert Hall" (DCH) zum Beispiel - großzügig anschubfinanziert und gesponsert von der Deutschen Bank - gehen jährlich 40 Live-Konzerte der Berliner über die globale Laptop-Bühne. Darüber hinaus können die 20.000 Abonnenten aus 100 Ländern - fast drei Viertel des Umsatzes wird im Ausland generiert, zuvörderst in den USA und Japan - für 149 Euro jährlich (19,90 Euro Monat) auf ein Archiv mit Hunderten Konzerten zugreifen und zum Beispiel die "Pastorale" Karajans mit der von Abbado und Rattle vergleichen. Kurzum: In der DCH verkaufen die Berliner nicht nur Musik, sondern auch einen Nimbus - und der lässt sich ausgezeichnet monetarisieren.

Auch sind die Berliner dreimal im Jahr in 120 Kinos zu bewundern, das nächste Mal gleich heute Abend, natürlich in Hamburg, Köln und München, aber auch unter anderem in Husum, Kelkheim, Calahorra (Spanien), Osby (Schweden) oder Jihlova (Tschechien). Prokofiev goes Popcorn, Kodaly meetsCoca-Cola - kann das funktionieren? Und wie. Die Metroplitan Operain New York erwirtschaftet mit Kino-Übertragungen (zehn Vorstellungen pro Saison, 2000 Theater in 66 Ländern, Ticketpreis 23 Dollar) mittlerweile ein Zehntel ihres Umsatzes: rund 30 Millionen Dollar.

Die Begleitung der digitalen Transformation, die Entwicklung innovativer Formate (Weltmusik, Jazz), Residencies in europäischen Hauptstädten, die Osterfestspiele in Baden-Baden, mehrere ausgedehnte Tourneen in Übersee jährlich - "das alles sind wir", sagt Medienvorstand Stanley Dodds - und für das alles muss der neue Kapellmeister bereit sein. Die Marke "Berliner Philharmoniker" genießt "Weltgeltung", so Intendant Martin Hoffmann, und dabei muss es bleiben: "Kurzfristige Bindungen", so Dodds, "gehen wir nicht ein."

Mit wem also beginnt eine neue Ära in Berlin? Mit Thielemann, der den neusachlichen Zeitgeist mit Furtwängler-Pathos unterläuft? Zu eng das spätromantische Repertoire, zu deutsch die Interessen: kalter Rüdesheimer Kaffee, sozusagen. Mit Nelsons oder Dudamel, die mit Volldampf an Rattle anschließen? Künstlerisch, wie gesagt, brauchte es jetzt zunächst einmal eine Spektakel-Bremse. Yannik Nezét-Séguin (40) vielleicht, der junge Kanadier, der einen an Celibidache und Furtwängler geschulten, individuellen Ausdruckswillen mit kühler Detailarbeit zu verbinden weiß? Er renommiert vor allem in Übersse; die Berliner haben ihn nicht wirklich auf dem Zettel. Mariss Jansons also, 72, den akribischen Kapellmeister, den es raus aus München zieht, oder Riccardo Muti, 74, die dirigierende Aristokratie? Naja, schön und gut, aber nach Zukunft sieht das nicht aus. 

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Bleibt Riccardo Chailly, 62, der schon das Concertgebouw geleitet und soeben die Mailänder Scala übernommen hat. Oder aber: Daniel Barenboim, 72, zwar auch schon im Herbst seines Lebens - aber wie golden strahlt dieser Herbst! Barenboim ist nicht nur der genialische Chef der Staatsoper, der eigentliche Platzhirsch in der Stadt und ewige Anwärter auf den Posten. Er hat auch - mit nicht immer geliebter Strenge - die Staatskapelle in zweieinhalb Jahrzehnten zu einem Orchester von Weltrang geformt, liefert Sensationsdirigate und Star-Events im Dutzend ab und bringt genau die richtige künstlerische Mischung aus Zugriff und Souveränität mit.

Vor allem aber ist Barenboim als Argentinier, Spanier, Israeli, Palästinenser und oft in Deutschland lebender Pianisten-Dirigent ein Weltbürger par excellance und als Chef des West-Eastern Divan Orchestras ein politischer Botschafter der Musik und des Guten noch dazu. Weltbürger, Weltmusik, Weltmarke...!? "Ich bin kein Kandidat", sagte Barenboim vor zwei Wochen. Wohl wahr. Nach seiner Wahl wäre er es weniger denn je. 

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