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Thorsten Dirks wird Eurowings-Chef Wofür Spohr den neuen Billigflugchef braucht

Mit O2-Chef Thorsten Dirks holt Lufthansa-Chef Carsten Spohr einen Branchenfremden ins Fluggeschäft. Der soll bei der Großbaustelle Eurowings so gut sein wie die ebenfalls branchenfremde Easyjet-Chefin Carolyn McCall.

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Mobilfunkmanager Thorsten Dirks wird im Mai 2017 Chef von Eurowings. Quelle: dpa

Wenn Lufthansachef Carsten Spohr das zu Ende gehende Jahr 2016 mit einem Wort zusammenfassen sollte, dann wäre dies „Überraschungen“. Neben den wieder aufgeflammten Streiks der Piloten und den Ausständen des eigentlich befriedet geglaubten Kabinenpersonals gab es Terroranschläge und den unerwartet starken Ansturm der Billigflieger in Deutschland.

Wahrscheinlich deshalb wollte Spohr das Jahr bei der Berufung des neuen Eurowings-Chefs das Jahr unbedingt mit einer positiven Überraschung beenden. Wenn Karl Garnadt im April die Leitung des konzerneigenen Billigfliegers (und des Geschäfts außerhalb der Fliegerei wie Catering und Wartung) abgibt, soll ihm Thorsten Dierks nachfolgen. Der 53-Jährige leitet bislang das Deutschland-Geschäft des spanischen Telekom-Riesen Telefonica mit der Hauptmarke O2.

Die Überraschung ist Spohr gleich auf zwei Arten gelungen.

Die offensichtliche davon: Dirks ist der erste Vorstand im Fluggeschäft, der außer seinem Vielfliegerrang bisher gar nichts mit dem Betrieb von Jets zu tun hatte. Zwar hatten Aufsichtsräte und hochrangige Manager vorher schon durchblicken lassen, dass kein Lufthanseat auf den Billig-Posten rutscht. Doch dass es jemand ohne Erfahrung mit branchentypischen Eigenheiten – wie schwer berechenbare Gewerkschaften und jeder Menge staatlich subventionierter Mitspieler – ist, wirkt auf den ersten Blick doch etwas kühn.

Das Vorbild ist Easyjet

Auch wenn Spohr seine Logik hinter der Berufung noch nicht erklärt hat: Insider sehen in dem Schritt die Hoffnung auf eine Entwicklung wie bei Easyjet. Bei der am Londoner Flughafen Luton ansässigen Discount-Linie hat die ehemalige Medienmanagerin Carolyn McCall seit ihrer Berufung vor fünf Jahren den bis dahin vor allem für knallige Farben und Kampfpreise bekannten Billigflieger zu einem innovativen Markenartikler gedreht.

Grundlage war vor allem, dass sie viele unverrückbare Glaubenssätze des Fluggeschäfts infrage stellte und um sich ein Team Branchenfremder aufbaute. Damit sorgte sie für eine in der Branche bis dahin ungewohnte Innovationskultur und den konsequente Schwenk von einem auf Marktanteile fixierten Wachstumskurs hin zu einem kühlen Portfolio-Management, bei dem eine Strecke nur dann geflogen wird, wenn sie nach Abzug aller Kosten Geld bringt.

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Das soll Dirks nun ähnlich gut hinbekommen. Die Zeit drängt, denn Eurowings steht gerade in einer Umbau-Phase. Die Billiglinie sollte – so Spohrs Versprechen gegenüber dem Aufsichtsrat – bis 2018 zum drittgrößten Billigflieger des Kontinents werden, mit mindestens 180 Flugzeugen und einem europaweiten Netz. Um mit den führenden Flugdiscountern wie Ryanair sowie deutlich effizienteren Neulingen wie Norwegian oder Vueling aus dem British-Airways-Konzern IAG mitzuhalten, sollten die Kosten um 40 Prozent sinken. Dazu sollte ein neues Partnerschaftsmodell mit fliegenden Franchisenehmern für die nötige Größe sorgen.

Doch davon ist Eurowings noch weit entfernt. Der komplexe Aufbau mit drei Eurowings-Gesellschaften und der Widerstand in der Belegschaft gegen die nötigen Sparrunden lassen das Ziel in weite Ferne rücken. „Hier könnte Dirks als neuer Mann für die nötige Aufbruchsstimmung sorgen“, so ein Konzernkenner.

Spohrs zweite Überraschung beim Engagement seines neuen Billig-Chefs ist, dass er keinen klassischen Markenartikler berufen hat. Dirks ist ein Telekom-Manager und Digitalisierungsexperte, der die Einstellung offensiv nach außen zeigt. Auf seinem offiziellen Pressebild trägt er nicht nur – wie Spohr – eine nicht nur eine modische Brille mit dickem Rand, sondern verzichtet auch auf die Krawatte, sowie es das Easyjet-Führungsteam tut.

Die Digitalisierung ist noch immer auf dem Nebengleis

Dahinter steckt laut Unternehmenskennern keine Kopie der britischen Billiglinie, sondern eine klare Logik.

Zum einen haben Flug und Handys zwei grundlegende Dinge gemeinsam. Ob Lufthansa oder Deutsche Telekom: die langjährigen Marktführer stehen unter wachsendem Druck von effizienteren schlankeren Neulingen und können sich angesichts verschwindender Unterschiede beim Produkt nur noch über Preise, Billigtöchter und minimale Serviceneuerungen profilieren. Dazu verdienen beide Branchen immer weniger Geld mit dem klassischen Geschäft aus dem Netz, sondern aus zusätzlichen Diensten neben dem Ticket oder dem Telefonanschluss.

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Diesen Geist soll Dirks als Ex-Chef eines Angreifers in Eurowings und den Rest des Kranich-Konzerns tragen. Dabei ist die Hoffnung, dass es etwas besser läuft als die von Dirks verantwortete recht holprige Fusion zwischen O2 und E-Plus. „Beim Zusammenführen von Netz, IT und Belegschaft gab es deutlich mehr Pannen als erwartet“, so ein Kenner der IT-Branche

Ebenso wichtiger ist, dass die Lufthansa dringend einen Chefdigitalisierer braucht. Ihr fehlt, wie der ganzen Flugbranche, ein Mittel gegen Datenriesen wie Google, denn durch sie drohen dramatischere Veränderungen als durch Billigflieger und Golf-Airlines. Die werden zwar wie Wohnungsvermittler AirBnB durch überlegene Konkurrenten wie Booking.com unter wachsenden Druck gesetzt. „Doch wenn sie es richtig anstellen, machen sie herkömmliche Fluglinien schlicht überflüssig“, so ein führender Lufthanseat.

Die Gefahr hat Spohr zwar erkannt. Doch aller Bekenntnisse zum Trotz ist das Thema Digitalisierung immer noch eher auf dem Nebengleis. So musste Spohr im November einen Digitaltag absagen, weil seine Planern eine Parallelveranstaltung zu einem ähnlichen Thema nicht auf dem Schirm hatten. Nun soll Dirks die bislang von einem Manager des Lufthansa-Wartungsgeschäfts im Nebenjob verantwortete Digitalisierungswelle vorantreiben. Gleichzeitig soll er helfen, die Flugbranche im IT-Dachverband Bitkom als neue Sparte zu etablieren.

Das wird freilich nicht ganz leicht. „Denn so groß die Herausforderungen durch die Digitalisierung auch sind, die aktuellen Probleme bei Eurowings sind mindestens ebenso groß“, so ein Konzernkenner. „Und wenn er das Billiggeschäft nicht auf die Kette kriegt, sidn die Lufthansa-Probleme bald so groß, dass das mit der Digitalisierung dann auch nicht mehr alles rettet.“

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