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Ticketpreise steigen Wo der Nahverkehr teurer wird

Den Jahreswechsel nehmen viele Verkehrsbetriebe als Anlass, um die Preise zu erhöhen. Was die Kunden ärgert, ist für viele Nahverkehrsunternehmen überlebenswichtig.

Straßenbahn vor dem Berliner Hauptbahnhof: Ab Januar werden in der Hauptstadt die Nahverkehrstickets 2,3 Prozent teurer Quelle: dpa

Alle Jahre wieder: Mit dem Jahreswechsel werden die Tickets für Bus und Bahn vielerorts teurer. Während ein Einzelfahrschein in Berlin an Silvester noch 2,60 Euro kostet, steht ab Neujahr 2,70 Euro auf dem Ticket. Betroffen sind auch Abonnenten: Die Jahreskarte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wird künftig 2,5 Prozent mehr kosten. Auch Fahrten in das Berliner Umland werden rund zehn Cent teurer.

In München sind die Preise bereits gestiegen, hier hat der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) bereits zum Fahrplanwechsel im Schnitt 3,6 Prozent aufgeschlagen. Der Preis für das Einzelticket steigt wie in Berlin um zehn Cent auf 2,70 Euro, die Tageskarte kostet mit zwölf Euro künftig 30 Cent mehr. Für die Monatskarte für zwei Ringe verlangt der MVV statt bisher 49,90 Euro nun 51,60 Euro.

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Der Rhein-Main-Verkehrsverbund verlangt ab 1. Januar 2015 im Schnitt 3,45 Prozent mehr. Für Fahrkarten im Frankfurter Stadtgebiet steigen die Preise sogar überdurchschnittlich. Der Einzelfahrschein ist mit 2,75 Euro künftig 5,8 Prozent teurer als bisher. Die aktuelle Preisanhebung fällt zudem deutlich höher aus als die vorangegangene: 2013 waren die RMV-Tickets um 2,44 Prozent teurer geworden.

Die Kosten steigen

Egal ob an Main, Isar oder Spree, die Argumente lesen sich ähnlich. Angemessen steigende Fahrgeldeinnahmen seien bei steigenden Kosten und attraktivem Leistungsangebot für den Nahverkehr unverzichtbar. Die Alternative wären wachsende Defizite, Angebotskürzungen oder die Absenkung von Qualitätsstandards. Die Preissteigerung sei somit unabdingbar, um ein attraktives Leistungsangebot zu gewährleisten und weiter zu verbessern sowie gestiegenen Kosten – beispielsweise im Energie- und Personalbereich – auszugleichen, begründet der MVV die Preiserhöhung.

Für die Geschäftsführerin des Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg Susanne Henckel ist die aktuelle Tarifanpassung von durchschnittlich 2,3 Prozent "nur eine mäßige Belastung für die Fahrgäste". "Neben den Mitteln der Öffentlichen Hand zur Finanzierung des Öffentlichen Nahverkehrs sind wir auf steigende Einnahmen aus den Ticketverkäufen angewiesen", sagt sie. "Unser Fokus aber liegt darauf, dass die Fahrpreise nur gering ansteigen."

Der RMV geht alleine durch die Erhöhung der EEG-Umlage von 4,5 Millionen Euro Mehrkosten für die Fahrgäste aus. "Selbstverständlich sind Erhöhungen des Tarifs ärgerlich. Doch können wir nicht alle steigenden Kosten bei gleichbleibendem Angebot und Service abfedern", sagt Knur Ringat, Sprecher der RMV-Geschäftsführung. "Auch die deutliche Steigerung der Fahrgastzahlen und die Effizienzsteigerung der Fahrleistungen durch die Modernisierung unserer Fahrzeuge konnte nicht die von außen vorgegebenen zusätzlichen Kosten ausgleichen, welche uns die Umsetzung der Energiewende und die zunehmenden Engpässe in der Infrastruktur vorgeben."

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) rechnet für die gesamte Branche mit Mehrkosten in einer Größenordnung von 70 Millionen Euro. Die einfache Lösung: die Preise anheben. Bereits heute ist die Lage in zahlreichen Kommunen prekär, der ÖPNV ist meist ein Zuschussgeschäft. Vielen Städten fällt es immer schwerer, die Defizite des Öffentlichen Nahverkehrs auszugleichen. Insbesondere kleinere Städte in krisengeschüttelten Regionen wie dem Ruhrgebiet, die gleichzeitig ein teures Straßenbahnnetz unterhalten müssen, leiden unter hohen Betriebs- und Sanierungskosten.

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Der Haken an der Sache: Die Kosten sind fix, egal ob die Bahn voll oder leer ist. Wollen die Kommunen die Kosten decken, müssen mehr zahlende Fahrgäste her – die wegen der ständigen Preiserhöhungen zum Teil fern bleiben. Ein Teufelskreis.

Auch ohne die Mehrkosten wegen der Energiewende sind die meisten Nahverkehrsunternehmen von einem profitablen Betrieb weit entfernt. München gilt als nah dran. Den Sprung in die Gewinnzone schaffen in diesem Jahr wohl erstmals auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). "Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr schaffen werden, was wir uns erst für 2016 vorgenommen hatten: Die schwarze Null", sagte BVG-Chefin Sigrid Nikutta dem "Tagesspiegel". "Wir können endlich anfangen, unsere Schulden etwas zu reduzieren."

Auch in der Zukunft geht es nicht ohne Steuergeld

Die Gründe für den Erfolg: Trotz Preiserhöhung fuhren 2014 so viele Menschen in Berlin U-Bahn, Bus und Straßenbahn wie noch nie. Die BVG registrierte insgesamt 970 Millionen Fahrten. Die Kosten blieben hingegen konstant. Nikutta geht "auch in den kommenden Jahren" von einer schwarzen Null aus.

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Die 45-jährige Managerin hat den Turnaround auch mit einem Sinn für Pragmatismus erreicht. Statt in neue Fahrzeuge zu investieren, ließ Nikutta Altbauzüge aus den Jahren 1974 und 1978 für weitere 20 Jahre ertüchtigen. Das war billiger. Zudem lehnt sie teuren Schnickschnack ab. Projekten zur Erprobung neuer Elektrobusse beispielsweise zeigt sie die kalte Schulter, solange sie die Kosten in die Höhe treiben. "Die BVG ist ein Verkehrs- und kein Forschungsunternehmen", sagt sie. "Wenn eine neue Technik ausgereift ist, übernehmen wir sie gern."

Ganz ohne Steuergeld wird es aber auch in Zukunft nicht gehen. Die BVG-Flotte hat ein Durchschnittsalter von 26 bis 28 Jahren. Neue Fahrzeuge sind also mittelfristig dringend erforderlich. Bis 2033 rechnet Nikutta mit Investitionen von 2,6 Milliarden Euro. Aufs Jahr gerechnet wären das 170 Millionen Euro. "Darüber müssen wir mit dem Senat diskutieren", so Nikutta. "Aber es gibt keine Alternative."

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