Tourismusgipfel in Berlin „Viele werden bei der Kreditkartenabrechnung nach dem Urlaub einen Schock erleben“

Reisende und Touristiker freuen sich auf die Urlaubssaison. Aber ist die Freude von Dauer? Quelle: imago images

Für den Sommer rechnen die Reiseunternehmen mit einem Geschäft fast auf Vorkrisenniveau. Doch es lauern Risiken, die so manchem Touristiker den Spaß verderben werden – und den Urlaubern ohnehin.

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Die Stimmung war gut, als der Kölner Reiseveranstalter Olimar vergangene Woche seinen 50. Geburtstag feierte. Das lag nicht allein am malerisch gelegenen Club Astoria im Westen der Domstadt und der Freude, einige bekannte Gesichter nach zwei Jahren Zwangspause endlich wieder persönlich begrüßen zu können. Noch mehr beflügelte die gut 100 Manager von anderen Veranstaltern, Reisebüroketten und Fluglinien die Aussicht auf ein besonders gutes Sommergeschäft.

„Nach zwei harten Jahren haben wir fast wieder so viele Kunden wie vor der Krise, aber zu besseren Preisen“, so der Tenor der Feiernden in den ersten Stunden der Party. Doch trotz schmissiger Musik, Kölsch und guten Weinen mischte sich die gute Laune im Laufe des Abends mit einer gehörigen Portion Skepsis. „Warten wir mal ab, wie gut wir im Herbst drauf sind“, so einer der prominenteren Gäste.

Ähnlich vorsichtig dürfte die Stimmung beim Deutschen Tourismusgipfel in Berlin sein, zu dem sich an diesem Montag im Kempinski Hotel am Kurfürstendamm die Spitzen der Branche und der großen Parteien treffen. Zwar gibt Fritz Joussen als Vorstandsvorsitzender des Marktführers TUI seit Wochen die Richtung vor, wenn er „ein gutes Geschäftsjahr“ als „Basis für neues Wachstum“ erwartet. Wesentlicher Teil des Gipfel-Programms ist aber eine Gesprächsrunde, „wie die Tourismuswirtschaft mithilfe der Politik künftig gestärkt werden kann.“

So gut die aktuellen Zahlen auch sind, „ob der Boom so bleibt, ist mehr als fraglich“, unkt ein führender Manager der Branche. Für eine Wachstumsbremse sorgt vor allem der wachsende Personalmangel. Hinzukommen der Druck durch die Inflation sowie die Unsicherheit, wie sehr eine neue Corona-Welle und der anhaltende Krieg in der Ukraine die Reiselust trübem. „Es wäre fast ein Wunder, wenn dieser Mix aus schlechterem Service und höheren Preisen uns kein Geschäft kostet“, so der Manager.

Der Personalmangel betrifft alle Teile der Branche. Am unmittelbarsten spüren ihn derzeit Flugpassagiere. Bereits bei der Abreise warten sie vor allem auf den größeren Flughäfen häufig bis zu anderthalb Stunden vor den Sicherheitskontrollen oder bei der Kofferrückgabe, weil es nicht genug Kontrolleure oder Gepäckverlader gibt. „In der Krise haben trotz der Kurzarbeitsregelungen viele Mitarbeiter der Branche den Rücken gekehrt und kommen nun nicht zurück, weil sie merken, dass es auch außerhalb der Luftfahrt attraktive Jobs gibt“, sagt Lars Mosdorf, kaufmännischer Geschäftsführer des Flughafens Düsseldorf.

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Das Problem ist so groß, dass einige Fluglinien schon den Betrieb einschränken. So verkaufte die niederländische KLM in der vergangenen Woche für mehrere Tage keine Tickets mehr für Flüge ab ihrem Hauptflughafen Amsterdam, nachdem die Warteschlangen teilweise bis aus dem Terminal hinausgewachsen waren. Auch Lufthansa und British Airways sagten in den vergangenen Wochen reihenweise Flüge ab.

Selbst wenn das Flugzeug abhebt, kommt es oft verspätet an. Eine häufige Ursache: der europaweite Mangel an Fluglotsen.



Im Flugbetrieb selbst fehlen nach vielen Entlassungsrunden ebenfalls Mitarbeiter. Manche Airlines, etwa der britische Billigflieger Easyjet, lassen derzeit auch zu Stoßzeiten bewusst Plätze an Bord frei, weil sie auf der Verbindung dann weniger Flugbegleiter einsetzen müssen. Lufthansapassagiere bleiben aktuell an Bord oft hungrig. Seit der Konzern Teile seiner Catering-Tochter LSG verkauft hat, können deren Flugküchen nicht genug Sandwiches oder Mahlzeiten liefern. „Bitte nutzen Sie die Möglichkeiten am Flughafen, sich für Ihren Flug mit Verpflegung zu versorgen“, riet Europas größte Fluglinie ihren Kunden ab Frankfurt in einer Mail. „Da kann man wirklich die Lust am Fliegen verlieren“, so ein führender Airlinemanager.

„Wo wir können, geben wir die Kosten weiter“

Auch Hotels und Restaurants mangelt es an Mitarbeitern, sie kappen darum den Service. So putzen einige Herbergen die Zimmer nur noch jeden zweiten Tag. Offiziell soll das den Kontakt zwischen Personal und Kunde verringern – und damit eine Ansteckung mit Coronavirus verhindern. „Tatsächlich fehlen uns und unseren Dienstleistern einfach die Reinigungskräfte“, gesteht ein Hotelmanager.

Deutlicher noch sind die Folgen für die Restaurants. Hier können laut Umfragen rund zwei Drittel aller Betriebe freie Stellen nicht mehr besetzen und müssen Speisekarten verkleinern, die Zahl ihrer Tische verringern sowie ihre Öffnungszeiten kürzen.

Unter normalen Umständen hätte die Branche versucht, mit Preissenkungen den Ärger der Kunden über den schlechteren Service zu mildern. Doch jetzt müssen die Betriebe sogar die Preise erhöhen. Laut einer Umfrage der Industrie- und Handelskammern planen dies vier von fünf Unternehmen der Branche.

Dazu zwingen sie die Preissteigerung bei den Nahrungsmitteln und die steigenden Energiekosten. So kostet etwa Kerosin je nach Weltregion im Vergleich zum vorigen Jahr bis zum Zweieinhalbfachen. „Das müssen die Airlines weitergeben und das dämpft die Nachfrage“, sagt Marie Owens Thomsen, Chef-Volkswirtin des Weltluftfahrtverbands IATA.

Bislang ist davon vergleichsweise wenig zu spüren. Vor allem Pauschalreiseveranstalter haben ihre Preise noch nicht erhöht. Dahinter steht freilich keine Kundenfreundlichkeit, sondern das Reiserecht. Denn fast alle haben ihre Kataloge für das laufende Jahr bereits im vergangenen Herbst veröffentlicht. „Und jetzt müssen wir uns daran halten“, klagt ein Reisemanager. „Doch wo wir können, geben wir die höheren Kosten bereits weiter.“

Was das heißt, spürt jeder Urlauber, der im Moment spontan und außerhalb der Kataloge bucht. Den größten Schub gibt es bei Mietwagen. Sie sind laut einer Übersicht des Vermittlungsportals billiger-mietwagen.de in einigen Regionen bis zu dreimal so teurer als im Vorkrisenjahr 2019. Bei den Reisepaketen ziehen die Preise ebenfalls an. Laut einer Untersuchung der Buchungs- und Bewertungsplattform Holidaycheck haben sich die Ferien rund ums Mittelmeer im Vergleich zu 2019 um bis zu 27 Prozent verteuert. Und die Dynamik nimmt zu. Lag das Plus etwa bei Portugal im Februar noch bei acht Prozent, waren es im April bereits 14 Prozent. Türkeiferien kosten aktuell 15 Prozent mehr als vor der Krise, nach zwölf Prozent im Februar. Dazu kommen die wachsenden Nebenkosten vor Ort, vor allem weil Restaurant- und Kneipenbesuche deutlich teurer werden. „Da werden die meisten bei der ersten Kreditkartenabrechnung nach dem Urlaub einen kleinen Schock erleben“, so ein führender Reisemanager.

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Das alles könnte die gerade angelaufene Erholung abwürgen, fürchten viele in der Branche. „Weil die meisten Kunden wegen der Inflation ohnehin weniger Geld haben, dürften viele zumindest im kommenden Jahr erstmal seltener, kürzer und sparsamer buchen“, fürchtet ein anderer Reisemanager. „Jeden einzelnen Faktor hätten wir vielleicht noch weggesteckt, aber zusammen gibt das einen gefährlichen Cocktail.“

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