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  4. Pegasus Airlines: Chef Mehmet Nane über Verspätungen und Flüge nach Russland

Türkischer Billigflieger Pegasus„Wenn wir einen Sitz beim Abflug nicht verkauft haben, ist er nicht mehr wert als eine faule Tomate“

Mehmet Nane, Chef des Fliegers Pegasus Airlines, spricht im Interview über die türkische Zinspolitik, Rekordentwicklungen in der Branche und Verspätungen: „Die Probleme gab es vor allem in Deutschland.“Rüdiger Kiani-Kreß 26.06.2023 - 16:02 Uhr

Der türkische Billigflieger Pegasus Airlines.

Foto: WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Nane, Sie leiten eines der international bekanntesten Unternehmen der Türkei. Was bedeuten aus Ihrer Sicht die neue türkische Regierung und ihr wirtschaftlicher Kurs?
Mehmet Nane: Der Wechsel ist gut für uns, auch wenn die Administration nur zu einem geringen Teil neu ist. Mit ihrem klaren Kurs beendet sie in weiten Teilen die Unsicherheit, die vorher herrschte. Und Unsicherheit ist immer schlecht für Geschäft. Darüber hinaus haben wir als Unternehmen keine politische Meinung. Unsere Aufgabe ist es, zum Wohl unserer Kunden zu arbeiten.

Aber Sie sind von den Entscheidungen der türkischen Politik betroffen, zum Beispiel von der gerade beschlossenen Anhebung der Zinsen.
Die Zinsanhebung ist weniger eine politische als eine finanzielle Entscheidung. Dennoch: Sie ist gut für uns. In der Vergangenheit hatten viele Unternehmen Probleme, weil wegen der niedrigen Zinsen die Inflation stark angestiegen ist. In der Folge war es oft nicht leicht, an Kredite oder harte Währungen zu kommen. Aber der neue Finanzminister und die neue Chefin unserer Zentralbank sind rationale Menschen und werden an den internationalen Märkten geschätzt. Darum denke ich, dass am Jahresende die finanzielle und geldpolitische Lage stabilisiert sein wird. 

Trotzdem gab es rund um die Wahl viele negative Schlagzeilen. Wie hat das Ihr Geschäft betroffen?
Ich glaube, gar nicht. Aber das ist schwer abzuschätzen, weil wir uns in einem Aufschwung befinden. Wie in ganz Europa, beginnen auch in der Türkei gerade die Sommerferien, und wir sind sehr gut gebucht.

Foto: WirtschaftsWoche
Zur Person
Mehmet Nane, 57, ist seit März Vorsitzender des Verwaltungsrats des türkischen Billigfliegers Pegasus. Seine Karriere begann der in der osttürkischen Mittelmeerstadt Mersin geborene Diplom-Politologe beim Finanzkonzern Türkiye Emlak Bankası. 1997 wechselte er zur Sabancı Holding. Die zweitgrößte Industrie- und Finanzgruppe der Türkei gehört ebenfalls der Sabancı Familie. Dort stieg Nane zum Leiter des Einzelhandelsgeschäfts auf. 2013 wurde er Chef der Türkei-Tochter des französischen Handelskonzern Carrefour bevor er 2016 Vorstandsvorsitzender von Pegasus wurde.

Aber um Ostern hatten Sie weniger Passagiere als geplant. 
Das lag meiner Meinung nach vor allem an dem katastrophalen Erdbeben im Februar. Im Übrigen hatten wir trotz dieser Tragödie im Frühjahr deutlich mehr Kunden als in den vergangenen drei Jahren. Und in diesem Jahr erwarten wir erneut einen Rekord.

Wie viel davon verdanken Sie dem Krieg in der Ukraine? Wegen der danach beschlossenen Sanktionen gegen Russland ist die Türkei eines der wenigen Länder, in dem Russen noch Urlaub machen können. 
Wer das sagt, weiß nicht, wie es wirklich ist. Wir und die ganze Tourismusbranche unseres Landes hatten hohe Verluste. Vor den Sanktionen kamen im Jahr etwa neun Millionen Urlauber aus Russland in die Türkei. Jetzt sind es rund vier Millionen. Und von den drei Millionen Kunden aus der Ukraine kommt praktisch keiner mehr. Trotz unserer Verluste halten wir uns an die Sanktionen. Doch mein Eindruck ist, dass einige europäische Länder nach wie vor Öl, Gas und Rohstoffe aus Russland beziehen, angeblich aus humanitären Gründen. Das kann ich nicht nachvollziehen.

Zum Unternehmen
Pegasus begann 1990 als Tochter der irischen Aer Lingus. Nach der Übernahme durch die ESAS Holding der Industriellenfamilie Sabancı startete das Unternehmen neu als Billigflieger. Mit einer Nachsteuerrendite von 17 Prozent gilt Pegasus als weltweit profitabelstes Unternehmen der Branche. Der mit 99 Flugzeugen und umgerechnet 2,5 Milliarden Euro Umsatz größte Flugdiscounter im mittleren Osten ist börsennotiert, gehört aber mehrheitlich noch der ESAS. Das Unternehmen engagiert sich aktiv für Diversity in der Türkei und hat mit Güliz Öztürk als eines der wenige Unternehmen im Land (und der Branche ) eine Frau als CEO.

Aber anders als westeuropäische Linien fliegt Pegasus nach Russland und bekommt dem Vernehmen nach sehr hohe Preise. 
Das Geschäft leistet aber keinen wichtigen Beitrag. Von unseren täglich rund 520 Flügen geht inzwischen weniger als eine Handvoll nach Russland. Wir fliegen in dem Land nur noch zwei Städte an. Das ist nicht mal ein Drittel von dem, was wir vor der Krise hatten. Und selbst wenn wir etwas höhere Preise bekommen: Weil wir auch deutlich höhere Kosten haben in Russland, nehmen wir unter dem Strich deutlich weniger ein als vor dem Krieg.

Welche Erwartungen haben Sie für Ihr Gesamtgeschäft?
Der Minister für Tourismus und Kultur der Türkei erwartet ein Rekordjahr mit 60 Millionen Besuchern. Und wir werden wahrscheinlich fast 33 Millionen Passagiere haben und unser bisher bestes Jahr 2022 noch mal um gut 20 Prozent übertreffen. Zum hundertsten Geburtstag unserer Republik im Herbst erwarten wir unser hundertstes Flugzeug und werden dann rund 130 Ziele anbieten.

Rekorde gab es 2022 nicht nur bei den Passagierzahlen, sondern auch bei Verspätungen, Flugabsagen und Wartezeiten an den Airports. Wird es dieses Jahr besser laufen?
Es wird sicher besser laufen. Aber lassen Sie mich zunächst eines klarstellen: Die Probleme gab es nicht in ganz Europa, sondern vor allem in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. Und auch wenn jeder uns die Schuld gibt: Dafür waren nicht wir als Fluglinie verantwortlich, sondern die Flughäfen und ihre Dienstleister, weil sie zu wenig Personal hatten.

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Hatte Pegasus keine Probleme?
Doch, aber keine, die wir selbst verursacht haben. Wir haben in der Coronakrise nicht den Fehler gemacht und Leute entlassen, keine einzige Person. Das war nicht leicht. Wir sind sehr dankbar, dass uns die Regierung geholfen und die Hälfte der Gehälter übernommen hat. Wir haben die andere Hälfte übernommen. Dafür wurde ich kritisiert. Doch ich habe den Verwaltungsrat überzeugt, keinen Mitarbeiter zu entlassen. Nicht nur weil wir es unseren Leuten schuldig sind, in der Krise zu ihnen zu stehen. Es spart letztlich Geld.

Warum?
Ich war sicher, dass die Krise nicht lange dauert. Und es war klar: Danach brauchen wir die Mitarbeiter – denn auf die Schnelle gibt es keinen Ersatz. Ein Flugschüler braucht zwischen fünf bis sieben Jahren, bis er Kapitän werden kann. Und bei einem Flugzeugtechniker dauert es ebenso lange.

Trotzdem haben Sie vor allem 2021 in Deutschland viele Flüge abgesagt oder an andere Flughäfen als geplant verlegt. 
Aber auch das lag nicht an uns, sondern an den Problemen einiger deutscher Airports und den Dienstleistern, die zu wenig Mitarbeiter hatten.

Hätten Sie nicht vorher kontrollieren müssen, ob die genug Leute haben?
Natürlich. Und das haben wir auch. Wir haben kein Interesse an Verspätungen. Diese sorgen für unzufriedene Kunden und hohe Kosten, etwa weil wir Übernachtungen oder Verpflegung bezahlen müssen. 

Was haben Sie getan, um sich vorzubereiten?
Wir sind Monate im Voraus zu unseren Partnern an den Airports gegangen und haben gesagt: Das sind unsere Planungen, und so viele Leute brauchen wir an dem Tag und zu der Zeit für die Abfertigung. Kriegt Ihr das hin, haben wir gefragt? Und die schriftliche Antwort war: „Ja“. Doch als es dann so weit war, kam die Antwort: wir haben nicht genug Leute, weil nach der Zwangspause weniger Mitarbeiter zurückgekommen sind als erwartet.

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Viele Ihrer Flüge sind erst abends nach der Sperrstunde der Flughäfen angekommen und mussten umgeleitet werden. Das liegt dann ja mehr an Ihrer Flugplanung als an den Dienstleistern.
Nein. Denn in der Regel waren diese Flüge vorher auf einem Airport, wo sie wegen der Probleme bei der Abfertigung mit Verspätung gestartet sind. Und eine solche Verzögerung wird gerade in der Hochsaison, wenn die Flughäfen voll sind, im Verlauf des Tages eher größer als kleiner. 

Wie haben Sie reagiert?
Wir haben juristische Maßnahmen ergriffen. Aber das Verfahren läuft noch. Dazu haben wir bei bestimmten Flügen längere zeitliche Puffer eingebaut und zur Verstärkung mehr eigenes Personal an die Flughäfen geschickt. Darum erwarten wir, dass es in diesem Sommer besser läuft.

Wenn Sie den Sommer hinter sich haben, bekommen Sie zu Ihren 100 Flugzeugen bis 2025 nochmal 30 neue. Wird das nicht zu viel? 

Ich glaube nicht. Zum einen ersetzen wir damit ältere Maschinen durch neue und umweltfreundlichere. Zum anderen sehen wir noch viele Wachstumsmöglichkeiten. Wenn Sie nur Istanbul ansehen: Die Stadt hat trotz ihrer lebendigen Kultur und den vielen Sehenswürdigkeiten bisher gerade mal zehn Millionen Besucher im Jahr. Und selbst wenn wir 20 Millionen mehr hätten, wäre das weniger als London, Paris oder Rom. Dazu gibt es noch mehr als 400 weitere Ziele und 20 Länder, die zu unserem Geschäftsmodell passen könnten. 

Kommen Sie da nicht anderen Anbietern wie Ryanair oder Wizz Air in die Quere? 
Und wenn, wo wäre das Problem?

Die sind finanziell stark und sehr effizient. 
Ich weiß, das klingt jetzt nach Marketing, aber ich glaube, in der Hinsicht gilt: Pegasus ist einer der besten und modernsten Billigflieger der Welt, vor allem in Bezug auf Digitaltechnik und Steigerung der Effizienz. Wir hatten zuletzt die niedrigsten Kosten, die höchste Marge, die gründlichste Digitalisierung und die stärkste Kundenorientierung.

Das würden Ryanair, Lufthansa oder Singapore Airlines zumindest teilweise auch sagen.
Nun, bei Kosten und Marge sprechen die Geschäftsberichte eine klare Sprache. Bei den anderen Punkten würde ich unsere Wettbewerber fragen, wie oft und genau sie prüfen, dass jeder ihrer Prozesse die Kosten senkt oder dem Kunden nützt.

Was macht Sie so sicher, dass Pegasus dies schafft?
Dass ich es jeden Tag erlebe. Wenn die Sicherheit der Passagiere als Basis unseres Betriebs erfüllt ist, sehen wir uns regelmäßig jeden Teil unserer Arbeit an. Dabei fragen wir uns bei jedem Detail und jeder neuen Idee: spart das Geld oder hilft es den Passagieren? Wenn die Antwort kein klares Ja ist, lassen wir es. Dazu leben alle Mitarbeiter wirklich Low Cost und Digitalisierung. Zwei Beispiele: Welche Fluglinie nutzt bereits künstliche Intelligenz in fast allen Bereichen bis hin zum Ertragsmanagement. Oder: Welche Fluglinien sparen Ressourcen und Kosten, indem sie statt Frischwasser das Wasser aus dem Waschbecken für die Toilettenspülung nutzen? 

Woher kommt diese Firmenkultur der Sparsamkeit? 
Wir haben bei unserer Gründung im Jahr 2005 damit angefangen und nie nachgelassen – weil der Kern unseres Geschäfts ein anderer ist als der anderer Airlines: Fluglinien sind traditionell um die Technik, die Flugzeuge und den Betrieb herum aufgebaut. Bei uns hingegen sind die Kunden der Kern. 

Ist es ein Vorteil, dass Sie Ihre Karriere außerhalb der Fliegerei begonnen haben? 
Es hat sicher geholfen, dass ich keine Branchenblindheit haben. Von Kollegen aus der Airlinebranche höre ich immer wieder: Das ist bei uns so üblich. Ich frage dann: Warum? In meinem früheren Unternehmen haben wir das schon vor zehn Jahren so gemacht. Denn auch wenn es vielen zu nüchtern ist: Airlines sind eben vor allem Händler oder Markenartikler. Ja, wir verkaufen ein Erlebnis, aber in Form eines verderblichen Guts. Denn so toll unser Service auch ist: Wenn wir einen Sitz beim Abflug nicht verkauft haben, ist er nicht mehr wert als eine faule Tomate. 

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