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Tuifly-Streik Ohne Rücksicht auf Verluste

Der Quasi-Streik bei Tuifly ärgert nicht nur die Passagiere. Auch Piloten anderer Airlines sind verärgert: Mit dem Arbeitskampf wollen vor allem die Piloten des TUI-Ferienfliegers ihre überholten Besitzstände wahren.

So schneiden Deutschlands Flughäfen ab
Flughafen Berlin‐Tegel Quelle: Günter Wicker/Flughafen Berlin Brandenburg GmbH
Köln Bonn Airport Quelle: Köln-Bonn GmbH
Düsseldorf Airport Quelle: dpa
Hamburg Airport Quelle: Michael Penner
Flughafen Stuttgart Quelle: Presse
Airport Nürnberg Quelle: Presse
Bremen Airport Quelle: Flughafen Bremen

Über Beschäftigten, die Kollegen in einem Arbeitskampf in den Rücken zu fallen, hatte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit bislang eine ähnliche Meinung wie der Abenteuer-Schriftsteller Jack London. „Ein Streikbrecher ist ein Verräter an seinem Gott, seinem Land, seiner Familie und seiner Klasse!!“, hatte der Autor von „Der Seewolf“ und „Lockruf des Goldes“ einst geschrieben.

Doch am Donnerstag zur Mittagessens-Zeit versprach der in der Branche VC genannte Verbund eine Art Streikbruch. Ab sofort wollten seine Mitglieder mit Überstunden die Folgen mildern durch die streikähnlichen Flugausfälle bei der im Auftrag von Air Berlin fliegenden Tuifly.

Aus gutem Grund: Denn das fliegende Personal der TUI-Tochter testet die Solidarität ihrer Kollegen – besonderes die in der Flugzeugkanzel.

Zwar verstehen viele den Ärger der Tuifly-Kollegen darüber, dass sie quasi ohne Vorwarnung in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Air Berlin und deren Hauptaktionär Etihad aus Abu Dhabi landen sollen. Doch das rabiate Vorgehen zu Beginn der Herbstferien geht fast allen gegen den Strich.

Ein weiterer Buchungsrückgang träfe Air Berlin hart

Zum einen erinnern die im Branchenjargon „Sick out“ genannten gruppenweisen Krankmeldungen in letzter Sekunde an unangekündigte wilde Streiks. Organisiert haben das die bis zu an den Steiks beteiligten 500 Crew-Mitglieder nach Informationen der Fachzweitschrift FVW über die sozialen Netzwerke Facebook und WhatsApp. Von solchen mehr oder weniger illegalen Aktionen lassen die deutschen Gewerkschaften traditionell die Finger, weil das meist auf Jahre hinaus das Verhältnis zwischen Unternehmen und Belegschaft vergiftet.

Dazu verunsichern die vielen Flugausfälle bei der am Arbeitskampf eigentlich nicht beteiligten Air Berlin die durch den angekündigten Konzernumbau verschreckten Kunden der Linie noch weiter. Das gefährdet den bereits wackeligen Umbau der Berliner inklusive der Rettung mehrerer Tausend Arbeitsplätze bei der zutiefst angeschlagenen Fluglinie. Denn der angeschlagenen Fluggesellschaft könnte ein weiterer Buchungsrückgang endgültig den Garaus machen.

Fluggastrechte - Der Weg zur Entschädigung

„Ich kann meine Mitarbeiter erstmal nicht mehr Air Berlin fliegen lassen“, spricht der Chef eines norddeutschen Hightech-Unternehmens vielen Managern aus der Seele.

Zumal ein mögliches Ende der Linie auch die Mitarbeiter der anderen deutschen Fluglinien träfe. „Geht Air Berlin unter, kommen andere Billigflieger wie Ryanair und gefährden mit ihren fragwürdigen Arbeitsbedingungen Jobs in der Lufthansa-Gruppe“, so ein Pilot eines Konkurrenten.

Die Chronik von Air Berlin

Und was Leute wie ihn am meisten ärgert: „Das alles geschieht aus purem Eigennutz“, so ein Pilot der Air Berlin. Nicht nur, dass von einem Job-Abbau im neuen Verbund Air Berlin//Etihad/Tuifly noch keine Rede ist. Im Vergleich zu Air Berlin und erst Recht zum Lufthansa-Billigableger Eurowings gehören besonders die Tuifly-Flugzeugführer zu den Privilegierten der Branche. „Die haben nach der Lufthansa die besten Gehälter, weil sie anders als Leute bei anderen Airlines trotz anhaltend roter Zahlen noch keine ernsthafte Sanierung mit größeren Abstrichen durch machen mussten“, so ein Kenner des Tui-Fluggeschäfts.

Leisten konnte sich das der Tui-Konzern nicht zuletzt dank Air Berlin, wenn auch unfreiwillig. Aus Geldmangel nahm die Berliner Linie vor Jahren der Tui weite Teile des einst als HLX betriebenen Billiggeschäfts ab. Air Berlin bekam damals eine ordentliche Überweisung der Tui. Doch seitdem muss sie überhöhte Leasingraten für die 14 Maschinen mit Besatzung zahlen. „Mit uns verdient die Tui jedes Jahr bis zu 15 Millionen Euro“, sagt ein Air-Berlin-Insider.

Wann das am Ende dazu führt, dass die verdächtigen Krankmeldungen der Tui-Besatzungen nachlassen, bleibt abzuwarten. „Doch nicht zuletzt die kritische Stimmung der Kollegen aus der Branche und deren aktive Hilfe für Air Berlin sollte bald die Gesundung fördern“, so ein Pilot.

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