Ukraine schließt Luftraum Rückflug in den Kalten Krieg?

„Fast wie im Kalten Krieg“: Eine Sperrung des russischen Luftraums als Gegenmaßnahme zu den EU-Sanktionen würde fast den kompletten Verkehr zwischen Europa und Ostasien treffen. Um die Routen weiter zu bedienen, müssten die Airlines dann große Umwege fliegen. Quelle: imago images

Mit verschärften Russland-Sanktionen drohen Europas Fluglinien höhere Kosten und Flugverbote, am schlimmsten wären russische Gegenmaßnahmen. Nutzen könnte das arabischen Airlines – und eventuell der Lufthansa.

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Gedanken an Russland brachten Lufthansa-Chef Carsten Spohr bisher oft in gute Stimmung. So landete der 55-Jährige vor der Jahrtausendwende als erster Pilot der deutschen Fluglinie auf dem damals noch kleinen Flughafen der Millionenstadt Nischni Nowgorod östlich von Moskau. „Es ist eine der schönsten Erinnerungen in meiner Luftfahrtkarriere“, schwärmte der Manager vor ein paar Jahren auf einer Veranstaltung für russische Kunden in einem Moskauer Hotel.

In den vergangenen Tagen hat sich die Stimmung dagegen eher eingetrübt. Der Einmarsch Russlands in der Ukraine dürfte für deutlich härtere Sanktionen gegen Russland im Ukraine-Konflikt sorgen, was wiederum die Lufthansa wie die ganze Flugbranche hart treffen würde. Derzeit beschert die Krise Europas Airlines nur höhere Spritkosten und Umsatzeinbrüche durch weniger Buchungen. Doch bald könnte es wie im Fall von Weißrussland Flugbeschränkungen der EU geben – und vielleicht sogar russische Gegenmaßnahmen wie eine Schließung des Luftraums. „Dann wird es extrem unangenehm“, sagt ein führender Airline-Manager. Bereits jetzt hat die Ukraine als Reaktion auf die russische Militäroperation im Donbass ihren gesamten Luftraum geschlossen. Das berichtete das öffentlich-rechtliche Fernsehen am frühen Donnerstagmorgen. Auf Dauer aber könnten die Sanktionen für Linien aus dem Mittleren Osten wie Turkish Airlines oder Emirates aus Dubai, aber auch für die Lufthansa auch etwas Gutes haben.

Bereits die bestehenden Beschränkungen treffen die Airlines empfindlich. Im dritten Coronajahr zeichnet sich zwar ein Aufschwung ab, weil die Kundschaft nach dem absehbaren Ende der Reisewarnungen im kommenden Sommer wieder ähnlich viel Fernweh zeigen dürfte wie vor der Pandemie. Manche Regionen wie Griechenland, Ägypten oder die Dominikanische Republik sind laut einer Analyse des Online-Reiseunternehmens Skyscanner sogar deutlich besser gebucht als vor zwei Jahren. Doch weil der Flugbranche in diesem Jahr trotzdem wohl rund ein Drittel der Vorkrisen-Kundschaft fehlen wird, drohten bereits vor der Ukraine-Krise fast allen Airlines auch für 2022 Verluste.

Nun dürften sich diese ausweiten. Dafür sorgt bereits jetzt der steigende Spritpreis. Flugbenzin ist seit Dezember um rund ein Viertel teurer geworden und kostet auch deutlich mehr als im Boom vor der Krise. Weil angesichts der hohen Schulden in der Coronakrise nur wenige Fluglinien das Geld für umfangreiche Preissicherungsgeschäfte hatten, treibt das die Betriebskosten um bis zu zehn Prozent.

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Dazu verlieren die Linien durch den Konflikt in Osteuropa zunehmend Geschäft. Das weitgehende Ende der Flüge in die Ukraine kostete die Lufthansa zwar nur gut ein halbes Prozent ihrer Passagiere. Doch ein großer Teil der Reisenden sind Umsteiger auf andere Verbindungen in Europa oder die Langstrecke. Ihr Fehlen sorgt nun dafür, dass diese Verbindungen weniger Geld bringen, weil sie schlechter ausgelastet sind.

Der Effekt wäre deutlich stärker beim Verkehr nach Russland. Zwar gehört das Land für Lufthansa nicht mehr zu den Topmärkten. Das war vor zehn Jahren anders, als die Linie hier noch gut ein halbes Dutzend Ziele im Programm hatte und besonders die Flüge am Freitagabend oder Montagmorgen weitgehend zum Höchstpreis füllen konnte. Heute stehen die vier Flugziele Moskau, St. Petersburg, Krasnodar und Rostow nur noch für rund zwei Prozent des Verkehrs. Doch in den Maschinen sitzen immer noch überdurchschnittlich viele gut zahlende Privatkunden, Geschäftsreisende und Umsteiger. Wenn wegen des Konflikts weniger Kunden buchen und besonders falls die EU – wie zuvor im Konflikt mit Weißrussland – die Flüge beschränkt, könnte das Lufthansa laut Schätzungen gut drei Prozent vom Umsatz kosten.

Neben dem Rückgang im Passagierverkehr drohen Ausfälle in der Fracht. Rund fünf Prozent der deutschen Ladungen stammt derzeit von russischen Flughäfen. Hier hat die Lufthansa nur einen kleinen Anteil, weil sie auf den Routen vor allem kleinere Maschinen einsetzt, die deutlich weniger Container mitnehmen können als Großraumjets. „Doch weil fliegender Frachtraum auch von und nach Russland immer noch knapp ist und wir viele Hightechprodukte laden, lohnt sich das fast immer, selbst wenn nur wenige Passagiere an Bord sind“, so ein führender Lufthanseat. Zusammen mit dem Passagiergeschäft könnte ein Flugverbot die Lufthansa laut Schätzungen pro Woche mit mehr als zehn Millionen Euro belasten.

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