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Unkraut im Gleisbett Deutsche Bahn will ab 2023 auf Glyphosat verzichten

Unkraut im Gleis: Die Deutsche Bahn will auf das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat verzichten und sucht nach umweltfreundlichen Alternativen. Quelle: dpa

Vor drei Jahren entschied die Deutsche Bahn, auf den Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat verzichten zu wollen. Nun erklärt die Bahn, den Zeitplan einhalten zu wollen – und nennt Alternativen für die Gleispflege.

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Heißes Wasser hat unbestrittene Vorteile: beim Tee machen etwa, beim Duschen – oder schlicht zur Bekämpfung von Unkraut. Die Schweizer Bundesbahnen (SBB) testen den Einsatz von Heißwasser auf den Gleisen seit einiger Zeit, um ungewünschtem Pflanzenwuchs den Garaus zu machen. Es sei „eine der vielversprechendsten alternativen Methoden“ zu Glyphosat, heißt es bei den SBB. Ein spezielles Spritzfahrzeug verfüge über einen Sensor, der Pflanzen erkennt und unerwünschte Pflanzen zur gezielten Vernichtung mit Heißwasser besprüht.

Zusammen mit der Deutschen Bahn und den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) hat das Trio schon vor einigen Jahren der Chemiekeule den Kampf angesagt. Die SBB wollen bis 2025 auf den Einsatz von Glyphosat verzichten, die Deutsche Bahn sogar schon 2023. Damit setzen sich die drei europäischen Eisenbahnen ehrgeizige Ziele – und verhindern, dass sie unter politischen Druck geraten.

Denn weltweit nehmen die Pestizide zu – und damit auch die Kritik von Naturschützern. Eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung und des Naturschutzbundes BUND kam gerade zu dem Ergebnis, dass die Menge an Pestiziden seit 1990 um 80 Prozent zugenommen habe. Auch in der EU liege der Einsatz laut selbst ernannten Pestizid-Atlas „mit rund 350.000 Tonnen auf hohem Niveau“. In Deutschland würden „zwischen 27.000 und 35.000 Tonnen Pestizidwirkstoffe pro Jahr verkauft“, heißt es. 

Die Deutsche Bahn will künftige Kritik im Keim ersticken und den Einsatz umstrittener Mittel nun stark eindämmen. Der Staatskonzern hält daher weiter daran fest, ab 2023 auf Glyphosat zu verzichten. Die Deutsche Bahn habe sich „2019 verpflichtet, bis spätestens Ende 2022 aus der Anwendung von Glyphosat für die Vegetationskontrolle auszusteigen“, heißt es auf Anfrage. Daran wolle man festhalten – „unabhängig von der verlängerten Zulassung auf europäischer Ebene“.

Die EU erlaubt den Einsatz von Glyphosat selbst nur bis Ende 2022, aber wegen einer einjährigen Übergangsfrist de facto bis Ende 2023. Hersteller wie Bayer haben auf eine Verlängerung der Zulassung gedrängt und sich in der Glyphosate Renewal Group (GRG) organisiert. Eine Entscheidung dazu in Brüssel und den Mitgliedsstaaten wird in der zweiten Jahreshälfte 2022 erwartet.
(Lesen Sie auch: Ein Urteil im Glyphosatstreit in den USA lässt auf sich warten. Bayer fühlt sich „bestärkt“ – für den Konzern stehen Milliarden im Feuer.)

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    Bei der Deutschen Bahn heißt es, man habe „bereits im Jahr 2020“ den Einsatz des Herbizids „halbiert“. Weite Teile des deutschen Streckennetzes würden seither nicht mehr mit dem Herbizid behandelt. „Auch die präzisere Ausbringung von Glyphosat in den genehmigten Streckenabschnitten mit Hilfe von modernen Kamerasystemen zur Pflanzenerkennung hat zur Reduzierung beigetragen.“ 2020 lag die Ausbringungsmenge von Herbiziden im deutschen Schienennetz bei insgesamt 1,3 Tonnen.

    Damit liegt die Menge sehr weit unter den früheren Rekordmengen. So wurden 2018 knapp 60 Tonnen Glyphosat gespritzt. Außerdem würden inzwischen nur rund vier Prozent der 61.000 Kilometer Gleise behandelt. Die ausgebrachte Menge entspreche rund 0,5 kg je Kilometer. „Mit Flazasulfuron, Flumioxazin und Glyphosat kamen dabei ausschließlich Wirkstoffe zum Einsatz, die vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) speziell für den Gleisbereich zugelassen sind.“

    In Zukunft setzt die Deutsche Bahn auf Alternativen – in Zusammenarbeit und intensivem Austausch mit den ÖBB und SBB. „Nach heutigem Stand werden im Jahr 2023 über erste alternative Verfahren verfügen“, heißt es bei der Bahn. Optionen seien laut SBB etwa „aufwuchshemmende Materialien“, also bauliche Maßnahmen zur Reduktion des Pflanzenwachstums. 20 Möglichkeiten seien geprüft worden, sechs davon würden weiterverfolgt und ab 2020 eingebaut und überwacht. Möglich sei auch ein „grüner Teppich“, also der gezielte Einsatz von Bodenbedeckungspflanzen, um das Wachstum von schädlichem Unkraut im Randbereich zu verhindern. Denkbar, aber teuer, sei auch der Einsatz von Robotik – aber „frühestens ab 2025“.



    Auch der Einsatz von (Bio-)Herbiziden werde geprüft. Sollten chemische Stoffe – egal ob biologischen Ursprungs oder nicht – zum Einsatz kommen, so sei deren Umweltverträglichkeit nachzuweisen, etwa ihr Einfluss auf das Grundwasser. Die Deutsche Bahn schreibt, dass sie den Gleisbereich „dort, wo es zulässig ist, auch weiter mit zugelassenen (Bio-)-Herbiziden“ bearbeiten werde. „In anderen Bereichen setzen wir auch weiter verstärkt auf mechanisch-manuelle Verfahren.“

    Mehr zum Thema: Die Deutsche Bahn will schon seit Jahren den Unkrautvernichter Glyphosat nicht länger nutzen und sucht Alternativen. Doch die könnten das Ökosystem am Eisenbahndamm stören.

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