Unterhaltungskonzern als Feindbild: Wie Disney zum politischen Streitobjekt wurde
Plötzlich streitbar: Disneys Helden, hier vor dem Freizeitpark des Konzerns in Florida, sind längst nicht mehr unpolitisch.
Foto: APDie Beziehung zwischen dem Unterhaltungskonzern Disney und dem US-Bundesstaat Florida, sie erfüllte jahrelang fast alle Bedingungen dessen, was man gemeinhin als symbiotisch bezeichnet. Das galt zunächst auch unter dem amtierenden Gouverneur Ron DeSantis. Das Mickey-Maus-Imperium ist der größte private Arbeitgeber in Florida, gilt traditionell als eng verbandelt mit der Politik in der Hauptstadt Tallahassee, spendete großzügig an DeSantis – insgesamt rund 100.000 Dollar in den Jahren 2019 und 2021. Schon Jahre vorher heiratete DeSantis seine Frau Casey gar auf dem Gelände der Disney World bei Orlando, Florida. „Unsere ganze Hochzeit war wie aus einem Märchen“, schrieb DeSantis später in seinem Wahlkampfbuch „The Courage to be Free“.
Doch von dieser Magie ist schon seit einiger Zeit nicht mehr viel übrig. Seit Monaten führt der Republikaner einen Feldzug gegen das Unternehmen, entzog ihm jahrzehntealte Sonderrechte, drohte zeitweise, ein neues Gefängnis neben dem Vergnügungspark zu erreichten. Disney wiederum strich aufgrund des Ärgers mit dem Gouverneur geplante Investitionen in Höhe von einer Milliarde Dollar, die mehr als 2000 Jobs nach Zentralflorida gebracht hätten. Und der Konzern zog vor Gericht, beklagte eine „gezielte Vergeltungskampagne der Regierung“.
Im Kern geht es dabei um eine Frage, die für Unternehmen in den USA immer mehr zum wirtschaftlichen Dilemma wird: Wie viel „wokeness“ muss man zeigen, um den für Diversitätsanliegen sensiblen Teil seiner Kundschaft bei der Stange zu halten? Wann wird es zu viel, so dass darauf eine Kampagne von konservativen Aktivisten folgt? Und: Gibt es diesen Platz in der Mitte überhaupt noch?
Streit tobt seit mehr als einem Jahr
Im Falle von Disney sind es diesmal die ersten Bilder der für kommendes Jahr geplanten Realverfilmung des Märchens von Schneewittchen und den sieben Zwergen, die für Kontroversen sorgen. Denn die darin zu sehenden Zwerge sind politisch korrekt aus den verschiedensten Kulturkreisen gecastet – und zudem nicht kleinwüchsig. Und so beginnt die Debatte erneut, die Disney schon seit Monaten verfolgt: Ist das die überfällige Anpassung an den Zeitgeist – oder eine politische Kampagne für ein linkes Gesellschaftsbild, transportiert über die Plots und Figuren von Unterhaltungsfilmen?
Die Wurzeln des Konflikts reichen bis weit ins vergangene Jahr zurück. Im Frühjahr 2022 hatte Floridas von den Republikanern dominierte Legislatur ein Gesetz verabschiedet, das Gespräche über Themen wie sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität in Schulen bis zur dritten Klasse verbietet. Kritiker warfen der Partei daraufhin Diskriminierung der LGBTQI-Community vor. Das Gesetz versahen sie mit dem eingängigen Label „Don’t-Say-Gay“-Bill.
Disney hatte sich – trotz seines großen Einflusses auf die Politik in Florida – zunächst nicht zu dem Vorhaben geäußert. Daran regte sich Kritik unter den Mitarbeitern des Unternehmens. „Wir sind enttäuscht, verletzt, verängstigt und wütend“, schrieben Angestellte in einer Stellungnahme an den damaligen CEO Bob Chapek. Der sah sich zu einer Entschuldigung gezwungen, verurteilte das Gesetz öffentlich. Und er kündigte eine neue Spendenpraxis an. „Wir arbeiten hart daran, einen neuen Rahmen für unsere politischen Spenden zu schaffen, der dafür sorgen wird, dass unser Engagement unsere Werte besser widerspiegelt“, so Chapek – eine kaum verdeckte Drohung gegen die Unterstützer des umstrittenen Gesetzes.
Zentraler Aspekt von DeSantis' Kampagne
Das ließ in Tallahassee die Alarmglocken schrillen. Schließlich überwies Disney allein im Jahr 2020 4,8 Millionen Dollar an Kandidaten und politische Organisationen in Florida. Der Großteil ging an Republikaner. Dass Disney den Geldhahn nun dauerhaft zudrehen könnte, rief DeSantis auf den Plan. Der Gouverneur schoss zurück, erklärte Disney zu einem „woken“ Unternehmen und begann seinen Feldzug gegen den Konzern.
Seitdem läuft der Streit – sehr zur Freude des Gouverneurs und vieler anderer Republikaner, denen die Polarisierung zu nutzen scheint. DeSantis hat seinen Kampf gegen Disney zu einem zentralen Aspekt seines Präsidentschaftswahlkampfs gemacht. Der Republikaner positioniert sich der Parteibasis als entschlossener Kulturkämpfer, der sich dem vermeintlich linken Zeitgeist entgegenstellt. Und der Konflikt mit dem größten privaten Arbeitgeber seines Staates verleiht dieser Darstellung Glaubwürdigkeit. In seinem Buch widmete er der Auseinandersetzung deshalb ein ganzes Kapitel. Überschrift: Das magische Königreich des woken Korporatismus.
Applaus – aber nur von den Stammwählern
Unter Wählern kommt das an. Umfragen zufolge unterstützen große Mehrheiten von DeSantis‘ Parteigängern sein Vorgehen gegen Disney. Die breite Öffentlichkeit hingegen elektrisiert die Auseinandersetzung nicht. Dem Großteil der Amerikaner scheint der Konflikt schlicht egal zu sein, nur etwa ein Drittel der Bevölkerung verfolgt ihn halbwegs aufmerksam. Und Disneys Ansehen hat der Streit kaum geschadet. Zwar hat die Mehrheit der Republikaner mittlerweile ein negatives Bild von dem Konzern, wie eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov feststellte, doch insgesamt hat immer noch eine Mehrheit der US-Bevölkerung einen positiven Eindruck von der Marke. Die Zustimmungswerte von DeSantis wiederum sind – vorsichtig formuliert – ausbaufähig. Nur etwas mehr als ein Drittel der Amerikaner haben ein positives Bild von ihm. Die Zahl sinkt seit Monaten.
Angesichts dieser Entwicklung liegt der Verdacht nahe, dass sich der Gouverneur ein Stück weit verrannt hat. Das sehen mittlerweile auch eines woken Weltbilds Unverdächtige so. DeSantis werde „von Disney absolut zerstört“, schrieb etwa Ex-Präsident Donald Trump auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social. „Das ist alles so unnötig, ein politischer Stunt.“
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