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Unterwegs mit einem Eismann-Fahrer „Schatz, ich glaub, ich hab‘ zu viel bestellt“

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Ausgerechnet die Vorweihnachtszeit ist nun nicht stärker nachgefragt als sonst

Bis Mittag hat Nicola Staiti bereits mehr verkauft als im Vergleichszeitraum auf seiner letzten Tour durch Erftstadt-Liblar. Er hat einer Mutter in einer Doppelhaushälfte mit Tortellini „den Tag gerettet“, hat einen Neukunden zum ersten Mal beliefert und auch bei den wenigen Spontankäufen alle zufrieden gestellt. Eine Kundin droht, ohne den Brokkoli-Salat dürfe Staiti nicht mehr wiederkommen: „Der geilste Salat auf der Welt!“ Sie nimmt vier Packungen. Nur bei der Asia-Hähnchen-Pfanne „Teriyaki“ muss er einmal passen. Und dann ist da noch das große Drama mit der Ente: Die ist bereits ausverkauft. Dabei sind es doch noch sechs Wochen bis Weihnachten! Eine Kundin erzählt, an Weihnachten werde sie sich „einigeln“, wisse aber noch nicht, mit wem aus der Familie sie sich wann treffe: „Wir sind drei Haushalte. Mal schauen, was da noch kommt.“

Nur zwei Kundinnen bitten den Fahrer ins Haus

Staitis Kunden wohnen fast ausnahmslos in großen Einfamilienhäusern. Oft freistehend und mit Gärten. Man schaut in gepflegte, teilweise glänzende Dielen. Eine Kundin beschwert sich, Eismann-Produkte seien „zu teuer“, das solle man ruhig mal schreiben. „Aber so lange ich es mir leisten kann, mache ich das.“ Es bleibt unklar, ob sie es ernst meint. Als sie außer Hörweite ist, murmelt Staiti: Die bestellt auch bei Bofrost. Bis auf zwei Ausnahmen sind alle Kunden im Rentenalter. Nur eine Minderheit zahlt in bar. Auffällig: Nur zwei Kundinnen bitten ihn ins Haus; einer Frau, über 80 Jahre alt, trägt er die Tüten in den Gefrierschrank im Keller und bringt ihr anschließend den Kellerschlüssel wieder hoch.

Um 14 Uhr, als Staiti gerade aus dem Haus einer Kundin kommt, parkt ein gelber DHL-Wagen auf der anderen Straßenseite. Staiti bleibt stehen und wartet, bis der DHL-Fahrer ausgestiegen ist, dann hebt er die Hand. „Wie viele Pakete hast Du?“, ruft er. „217“, antwortet der Post-Mann auf der anderen Straßenseite. „217?“, fragt Staiti mit gespielter Ungläubigkeit, „das ist ne Hausnummer.“ Er lacht. „Gut, dass ich gewechselt bin. Willst Du ein Eis?“

Bevor Nicola Staiti 2017 selbständiger Eismann-Fahrer wurde, arbeitete er auch bei der Post: rund sechs Jahre fuhr er Pakete aus in Köln-Hahnwald, einem Villenviertel im Süden Kölns. Als die Post ihm wegen angeblich zu vieler Krankheitstage seine Route wegnahm, ging Staiti. Ein Ex-Kollege war da schon zu Eismann gewechselt und hatte Gutes erzählt. Staiti sagt, er verdiene nun mehr als bei der Post. „Jetzt bin ich sehr zufrieden.“ Ihm gefalle, dass er es selbst in der Hand habe: „Je mehr ich mich anstrenge, desto mehr lohnt es sich.“ Geboren und aufgewachsen ist Staiti in Köln. Seine Eltern sind Sizilianer, genauso wie der Vater seiner Freundin. Staiti hat zwei Kinder. In den Sommerferien fliegt die Familie fast immer nach Catania. Nach der Schule jobbte er in italienischen Restaurants in Köln, zapfte Kölsch, backte Pizzen. Ein Jahr baute er als Leiharbeiter bei Rimowa die Koffer zusammen, bis ihn seine Freundin auf ein Stellengesuch der Post aufmerksam machte.

In diesem Jahr schon 70 neue Eismann Fahrer – viele aus der Gastronomie

Und nun, seit dreieinhalb Jahren, selbständig – für Eismann. Den aktuellen Corona-Aufschwung kann Eismann gut gebrauchen. Denn eigentlich befindet sich das Geschäft im Niedergang. Lag der Deutschland-Umsatz 2014 noch bei 196 Euro, war er zuletzt, vor Corona, auf 163 Millionen Euro gesunken. Und zu allem Überfluss ist der Konkurrent Bofrost, wenngleich vor Corona ebenfalls mit leicht sinkenden Umsätzen kämpfend, immer noch deutlich größer: 2018 erwirtschaftete die Firma allein in Deutschland knapp 713 Millionen Euro. Dank Corona kann Eismann endlich mal wieder steigende Zahlen verkünden. In diesem Jahr, teilt das Unternehmen mit, verzeichne man schon 70 neue Fahrer; und „durch die hohe Nachfrage ist noch Potenzial für mindestens genauso viele Handelsvertreter.“ Gerade aus der Gastronomie habe man zahlreiche „gute Leute“ für das Geschäftsmodell gewinnen können. Und um noch mehr Fahrer überzeugen zu können habe Eismann „das Provisionsmodell verändert und insbesondere in der Startphase deutlich mehr Geld draufgepackt“. Dank der hohen Nachfrage zahle man in diesem Jahr „die höchsten Provisionen der Firmengeschichte“.

Nach rund fünf Stunden gönnt Staiti sich eine Zigarette. Es ist seine erste Pause – wobei er das Fahren zwischen den Kunden auch als indirekte Pause versteht. Was ist anders in diesem Jahr? Viel Kundenzuwachs, mehr Umsatz, sagt er. „März, April und Mai waren drei sehr gute Monate.“ Dann sei es im Sommer wieder etwas runtergegangen, aber auf höherem Niveau als in den Vorjahren. Und die aktuelle Vorweihnachtszeit sei ohnehin mit die stärkste Zeit des Jahres für Eismann, aber ausgerechnet diese Zeit, mit dem zweiten Teil-Lockdown, sei nun kaum stärker als sonst. Warum? „Die Leute können ja nicht planen.“ Man könne schließlich nicht drei Enten bestellen – und dann stelle sich heraus, die Familie dürfe an den Weihnachtstagen nicht kommen: „Was machen die denn dann?“


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Um 19 Uhr kommt Staiti wieder in der Niederlassung in Troisdorf-Spich an. Er steckt den Starkstromstecker in den Gefrierschrank seines Transporters und setzt sich in sein Auto, um nach Köln zu seiner Familie fahren. Sein Tagesumsatz: 1.437 Euro. Fast derselbe Betrag wie am Tag zuvor – und mehr, als er beim letzten Mal in Erftstadt-Liblar verkauft hat. Staiti ist zufrieden. Jetzt hat er Hunger. Eigentlich, sagt er noch, esse er gar nicht so viele Eismann-Produkte selber. Er sei es gewohnt, Pasta zu essen, die koche er selbst. Aber heute macht er sich zum Abendessen ein Kräuterlachsfilet von Eismann. Artikel-Nummer 2929.

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