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Veranstaltungsbranche Trotz Maske ein Gefühl der Normalität

Konzerte unter Corona-Bedingungen müssen ganz anders laufen. Quelle: imago images

Die Veranstaltungsbranche leidet stark unter Corona. Nun aber wollen die Unternehmen die Chance zum kontrollierten Neuanfang nutzen. Wie die großen Veranstalter die Zukunft unter Pandemie-Bedingungen planen.

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Als Ende Juni zum ersten Mal seit Monaten wieder Musik durch die Kölner Lanxess-Arena schallte, da war die Sehnsucht nach der alten Zeit nicht zu überhören. Vom „Gefühl, wenn wir nachts durch die Straßen ziehen, uns nach Ewigkeiten mal wieder sehen“, sang Wincent Weiß auf einer lila angestrahlten Bühne, 900 Zuschauer in separaten Plexiglasboxen versuchten so etwas wie Atmosphäre aufkommen zu lassen. Und tatsächlich waren mit dem Ereignis, dass noch ein halbes Jahr zuvor wie eine dystopische Vision gewirkt hätte, am Ende alle Beteiligten zufrieden. Die 900 Zuschauer hätten sich angefühlt wie 9000, sagt Thomas Fasshauer, der das Hygienekonzept für die Kölner Arena mitentwickelte. Trotz Abstandsregeln und Plexiglasboxen. Martina Ponath, eine der 900 BesucherInnen, meint gar: „Es war eine Bombenstimmung und alle haben mitgefeiert und auch gesungen und auf den Plätzen getanzt.“

Die Kölner Lanxess-Arena ist eine der ersten Spielstätten, in denen Künstler im Zuge der Coronakrise wieder live vor Publikum auftreten können. Seit März wurden alle Veranstaltungen – Messen, Konzerte, Theater – erst einmal komplett gecancelt. Seither stehen tausende Unternehmen und Jobs auf dem Spiel. 2018 erzielten Musikveranstaltungen in Deutschland laut Angaben des Bundesverbands für Veranstaltungswirtschaft 3,7 Milliarden Euro Umsatz. Betroffen sind nicht nur die Musiker selbst, sondern auch die Veranstalter, Ordnungskräfte, Getränkeverkäufer, Busfahrer.

Die ersten Monate konnten viele der Unternehmen noch mit Kurzarbeit irgendwie überstehen. Ob sie aber langfristig überleben, wird nun davon abhängen, ob sie eine wirtschaftlich tragbare Corona-Normalität finden. In Leipzig soll dieser Tage ein von der Uni Halle überwachtes Großkonzert mit dem Sänger Tim Bendzko im besten Falle beweisen, dass das Infektionsrisiko bei Veranstaltungen doch nicht so arg ist, wie bisher gedacht. Und ab Anfang September sind dann Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern zumindest grundsätzlich möglich. 

Wacken digital statt Wacken Open Air

Die Veranstalter des Elektrofestivals Parookaville haben einen eher defensiven Ansatz gewählt. Statt Live-Musik gab es ein Live-Streaming-Event. „Pro Tag konnten zudem 100 glückliche Gewinner vor Ort sein und unter entsprechenden Hygienebedingungen feiern und Stimmung für die auftretenden DJs machen“, sagt Bernd Dicks, Mit-Gründer und Geschäftsführer des Festivals. Das Konzept ging auf: Das Online-Parookaville habe weltweit eine Reichweite von acht Millionen erreicht, darunter Fans aus den USA, Australien oder Japan – vor Ort ist in normalen Zeiten Platz für 210.000 Festivalbesucher. Dicks wollte seinen Fans „in diesem tristen Sommer ein echtes Highlight bieten“. Er gibt aber auch zu, dass das Festival unter dem wirtschaftlichen Aspekt so eigentlich nicht tragbar ist. Bei einem kostenlosen Live-Stream kommt eben auch kein Geld in die stark gebeutelte Künstlerkasse.

Der „heilige Acker“ der Metal-Fans in Wacken blieb in diesem Jahr zwar ebenfalls leer, doch auch für Metal-Heads gab es einen Live-Stream, den insgesamt 11 Millionen Zuschauer verfolgten. Die 40 Künstler, die dort spielten, seien froh gewesen, „endlich wieder auf der Bühne und vor einem großen Publikum zu stehen“, sagt Thomas Jensen, Gründer des beliebten Festivals. Über digitale Lösungen konnten die Künstler in Echtzeit die Reaktionen ihrer Fans sehen, die „Energie und Freude der Fans vor den Bildschirmen“ habe man spüren und miterleben können, so Jensen. „Mit einem Wacken Open Air Festival vor Ort kann man das digitale Ereignis aber natürlich nicht vergleichen“, gibt der Veranstalter zu.

In Plexiglasboxen in der Kölner Lanxess Arena

Eher an das „echte“ Konzerterlebnis kommen die Veranstaltungen in der Kölner Lanxess-Arena ran. Wobei, nur fast: Denn dass Konzerte mit Tausenden Leuten, die vor der Bühne tanzen, springen und singen, in Corona-Zeiten so stattfinden können, ist undenkbar. „Es ist natürlich ein ganz anderes Gefühl als die Konzerte vor Corona“, sagt Franziska Huber, die drei der vier Shows von Wincent Weiß in Köln besucht hat. „Für die Situation jetzt wurde das bestmögliche gemacht, aber es kommt eben nicht die Stimmung auf, wie wenn man mit 3000 Leuten vor der Arena steht“. Und doch: „Während des Konzerts konnte ich endlich mal wieder abschalten. Trotz Maske hatte ich das Gefühl von Normalität, klar nicht so wie bei normalen Konzerten, aber das ist einfach gerade nicht machbar.“

In die Arena, die normalerweise bis zu 20.000 Konzertbesucher fasst, dürfen laut Hygienekonzept höchstens 2400 Menschen – bei den ersten Konzerten mit Wincent Weiß war bei 900 Leuten Schluss. Die Halle ist aufgeteilt in fünf Zonen, „die werden alle unabhängig voneinander bespielt mit eigenem Einlass, eigener Theke, eigener Toilette und eigenem Personal“, erklärt Thomas Fasshauer, der das Konzept mitentwickelt hat. Selbst bei maximaler Auslastung von 2400 Menschen kommen sich dann nicht mehr als 500 Menschen nahe. Doch von Wirtschaftlichkeit ist man auch in der Lanxess-Arena unter diesen Bedingungen weit entfernt. Über gute Deals mit Dienstleistern, Künstlern und Sponsoren hoffe man, am Ende bei Null rauszukommen. Doch die Motivation hinter dem Konzept waren auch nicht die Einnahmen: „Die Krise hat uns kreativ gemacht und außerdem wollten wir uns von Corona nicht komplett stoppen lassen.“ Vernünftige, praktikable Lösungen ohne Risiko sollten erarbeitet werden und sind entstanden. So erfolgreich, dass das Team rund um das Arena-Now-Konzept derweil in Gesprächen mit der Münchner Olympiahalle und einer Veranstaltungsstätte in Frankfurt ist, wie das Konzept – an die jeweilige Halle angepasst – adaptiert werden kann. Konzertbesucherin Ponath könnte sich prinzipiell an das Konzept gewöhnen: „Ich fand es sehr angenehm, dass es kein Gedränge gab.“

Picknick-Konzerte und Open-Air-Veranstaltungen

Auch weitere Konzertveranstalter geben nicht auf und setzen auf innovative Konzepte. So beispielsweise die Agentur Landstreicher Booking, die in mehreren deutschen Städten sogenannte Picknick-Konzerte ins Leben gerufen hat. Live-Konzert draußen, Picknick darf sich jeder selbst mitbringen. Frischluft garantiert, Mindestabstand auch. Open-Air-Konzerte finden auch am Kölner Tanzbrunnen wieder statt, im Düsseldorfer Rheinpark steht ebenfalls eine Open-Air-Bühne – die Zuschauer sitzen in abgetrennten Boxen-Bereichen, höchstens so viele direkt beieinander, wie auf eine Bierzeltgarnitur passen. 

Doch Düsseldorf polarisiert derzeit mit einer anderen Veranstaltung: Anfang September sollen 13.000 Besucher zu Sarah Connor, Bryan Adams und The BossHoss im Stadion abfeiern. Unvernünftig, sagen die einen. Mit dem vorliegenden Hygienekonzept machbar, sagen die anderen. Vorerst ist das Konzert vom Land genehmigt, ein paar Tage vor dem Termin soll die Lage aber noch einmal neu bewertet werden. Sollte der Konzertabend stattfinden, er  dürfte eine Art Prüfstein für die ganze  Branche werden: Wenn er gelingt, wäre vieles andere wieder denkbar, was bisher tabu ist. Und wenn nicht, wäre der nächste Veranstaltungs-Lockdown kaum anzuwenden.

Zumindest der erste Testballon in der Kölner Lanxess-Arena hat viele in der Branche Hoffnung schöpfen lassen, dass mit vernünftigem Hygienekonzept einiges möglich ist. Oder, wie es Wincent Weiß auf der lila angestrahlten Bühne ausdrückte: „Hier mit dir, das ist der beste Ort der Welt.“  Die Veranstaltungsbranche dürfte da kollektiv genickt haben.

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