Verdi Der Streik-König

Verdi-Boss Frank Bsirske bekommt trotz Stimmenverlusten seine fünfte Amtszeit – und bleibt auf Krawall gebürstet. Mitte Oktober zieht er wieder ins Feld. Dann droht eine erneute Eskalation in der Kita-Tarifrunde.

Das verdienen die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst
Einen "der besten Tarifabschlüsse dieses Jahres“ nennt Verdi-Chef Frank Bsirske das Ergebnis des von Warnstreiks begleiteten Streits um die Gehälter im öffentlichen Dienst. Rückwirkend zum 1. März 2014 steigen die Monatsgehälter der Angestellten von Bund und Kommunen um drei Prozent, mindestens aber um 90 Euro. Im kommenden Jahr gibt es nochmals 2,4 Prozent mehr. Besonders Angestellte, deren Gehalt eher im unteren Bereich liegen, profitieren von dem Abschluss. Wer wie viel mehr bekommt, zeigt die folgende Übersicht. Quelle: Verdi Quelle: dpa
Müllwerker* (Gruppe: EG 3 Stufe 4) erhielten bis zum 28. Februar 2014 2227,26 Euro. Seit dem 1. März bekommen sie 90 Euro mehr und damit 2317,26 Euro (+ 4,04 Prozent). Ab dem 1. März 2015 steigt das Gehalt um 55,61 Euro auf 2372,87 Euro. * Die Übersicht zeigt die Tarifergebnisse an ausgewählten Beispielberufen ab 7. Berufsjahr. Die Stufenzuordnung gilt laut Verdi nur dann, wenn keine Berufserfahrung mitgebracht wird. Verfügt die oder der Beschäftigte über eine einjährige Berufserfahrung wird bei der Einstellung 1 Jahr, bei 3 Jahren Berufserfahrung werden 3 Jahre bei der Stufenzuordnung angerechnet. Bei den hier aufgeführten Fällen wäre daher bei 3 Jahren Berufserfahrung statt der Stufe 4 die Stufe 5 für die Stufenzuordnung maßgeblich. Quelle: dpa/dpaweb
Krankenschwestern (Gruppe: Kr 7a Stufe 4) erhielten bis zum 28. Februar 2014 2746,57 Euro. Seit dem 1. März steigt auch Gehalt um den Sockelbetrag von 90 Euro auf 2836,57 Euro (+ 3,28 Prozent). Ab dem 1. März 2015 gibt es zusätzlich 68,08 Euro mehr und damit insgesamt 2904,65 Euro. Quelle: dpa
Freuen können sich auch die Erzieherinnen (Gruppe: S 6 Stufe 3). Sie erhielten bis zum 28. Februar 2014 2613,20 Euro. Dank des Sockelbetrags bekommen sie seit dem 1. März 2703,20 Euro (+ 3,44 Prozent). Ab dem 1. März 2015 gibt es zusätzlich 64,88 Euro mehr. Das Gehalt beläuft sich dann auf 2768,08 Euro. Quelle: dpa
Verwaltungsangestellte (Gruppe: EG 5 Stufe 4) erhielten bis zum 28. Februar 2440,75 Euro. Seit dem 1. März 2014 bekommen sie 2530,75 Euro (+ 3,69 Prozent). Ab dem 1. März 2015 steigt das Gehalt um 60,74 Euro auf 2591,49 Euro. Quelle: dpa/dpaweb
Busfahrer (Gruppe: TV-N NRW / EG 5 Stufe 3) erhielten bis zum 28. Februar 2014 2349,47 Euro. Seit dem 1. März gibt es 2439,47 Euro (+ 3,83 Prozent). Ab dem 1. März 2015 gibt es zusätzlich 58,55 Euro und damit insgesamt 2498,02 Euro. Quelle: dpa
Für Facharbeiter (Gruppe: EG 5 Stufe 4) gab es bis zum 28. Februar 2440,75 Euro. Seit dem 1. März bekommen sie dank Sockelbetrag 2530,75 Euro (+ 3,69 Prozent). Ab dem 1. März 2015 gibt es zusätzlich 60,74 Euro und damit insgesamt 2591,49 Euro. Quelle: dpa

Diesmal musste Frank Bsirske ziemlich lange warten. Gleich 37 Delegierte wollten auf dem Verdi-Bundeskongress am Rednerpult ihre Statements und Sorgen loswerden,  niemand scherte sich auch nur ansatzweise um die vereinbarte Redezeit von drei Minuten und dann gab es auch noch eine schier endlose Debatte über die Frage, ob man den personell opulent ausgestattenen Bundesvorstand um einen Sitz verkleinern solle.

Die mit Spannung erwartete Vorstandswahl fand daher erst am späten Nachmittag statt. Das Ergebnis fiel hingegen wie erwartet aus: Die 1000 Delegierten in Halle 3 der Leipziger Messe bestätigten den seit 2001 amtierenden Vorsitzenden erneut im Amt. Die 88,5 Prozent Ja-Stimmen für den gelernten Politologen waren allerdings ein deutlich schlechteres Ergebnis als bei seiner Wahl vor vier Jahren. Damals hatte Bsirske 94,7 Prozent der Stimmen erhalten.

Verdis Forderungen an die Post im Detail

Wo er die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft in den kommenden Jahren (tarif)politisch hinführen will, hatte  Bsirske, der zu den wenigen guten Rednern unter deutschen  Gewerkschaftsbossen zählt, bereits gestern in seiner Bewerbungsansprache unmissverständlich klar gemacht: „Wir sind fest entschlossen, noch stärker zu werden!“ In der Praxis sieht das so aus: Angesichts der Konkurrenz  durch Spartengewerkschaften und einer im Vergleich zu früheren Jahren ordentlich  gefüllten Streikkasse setzt die Gewerkschaft voll auf den Arbeitskampf.  Noch nie seit der Fusion von fünf Einzelgewerkschaften zu Verdi  im Jahr 2001 hat Verdi so viel und so ausgiebig gestreikt wie 2015.

Allein im ersten Halbjahr zählten die Statistiker 1,5 Millionen Streiktage. 80 Prozent aller Streiks in Deutschland entfallen mittlerweile auf den Dienstleistungssektor. Auf jeder Bundesvorstandssitzung würden derzeit 10 bis 20 neue Streikmaßnahmen  geschlossen, berichtet Bsirske und wie es scheint, betrachtet er dies als gewerkschaftlichen Leistungsnachweis. Insgesamt hat Verdi im laufenden Jahr bereits über 100 Millionen Euro für Streiks bereitgestellt. In den ersten Verdi-Jahren waren es nur fünf Millionen Euro jährlich gewesen. Zum Schaden der Gewerkschaft ist das offenkundig nicht, allein im Sozial- und Erziehungsdienst hat es  in den vergangenen Monaten im Verlauf der Kita-Streikwelle 27.000 Neueintritte gegeben.  Insgesamt haben von Januar bis August rund 99.000 Menschen einen Verdi-Mitgliedsantrag unterschrieben. Nachdem die Mitgliederzahl 2014 einmal mehr absackte, könnte es im laufenden Jahr zum zweiten Mal in der Verdi-Geschichte  (nach 2013) ein Plus geben.

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