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Verschieben oder verschmerzen? Coronavirus beeinträchtigt Messen weltweit

In Köln hätte ab Sonntag die internationale Eisenwarenmesse stattfinden sollen. Nun wurde sie wegen des Ansteckungsrisikos verschoben, wie die meisten anderen Messen, die für den kommenden Monat geplant waren. Quelle: IMAGO

Der neue Krisenstab der Bundesregierung soll die weitere Ausbreitung der Krankheit verhindern. Gerade in Menschenmassen ist die Ansteckungsgefahr erhöht – etwa auf einer Messe. Veranstalter haben zwei teure Optionen.

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Wegen der Corona-Risiken sind in China praktisch alle Messetermine bis Anfang April gestrichen worden. Darunter leiden auch deutsche Messeveranstalter. Markus Quint, Sprecher der Messe Frankfurt, bestätigte der WirtschaftsWoche, dass von den insgesamt 28 Messen, die die Frankfurter in China ausrichten, bereits zehn auf behördliche Anordnung hin verschoben und eine für dieses Jahr komplett abgesagt werden mussten. Und am Freitagvormittag verbot die Schweizer Regierung alle Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern bis mindestens Mitte März. Damit war die Absage auch für den für kommende Woche geplanten Genfer Autosalon gesetzt, die große, international viel beachtete Automobilmesse.

Auch in Deutschland spitzt sich die Lage zu: Um die Krankheit zu bekämpfen und weitere Infektionen zu verhindern, hat die Bundesregierung einen Krisenstab eingerichtet. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte der WirtschaftsWoche bereits Donnerstag zur internationalen Tourismus-Börse ITB in Berlin: „Ich persönlich bin der Meinung, dass man sie nicht durchführen sollte“. Am Freitagabend dann wurde die Reisemesse abgesagt – und viele weitere deutsche Messebetreiber reagieren ebenfalls. Denn gerade auf internationalen Veranstaltungen mit vielen Gästen aus stark betroffenen Ländern könnte sich das Virus verbreiten. So wird etwa die internationale Eisenwarenmesse, die alle zwei Jahre in Köln stattfindet und mit rund 70 Prozent einen hohen Anteil ausländischer Gäste hat, von 1. März dieses Jahres auf kommendes Frühjahr verschoben. Von rund 3000 Ausstellern, die auf der wichtigsten Innovations- und Geschäftsplattform der Hartwarenbranche erwartet wurden, wären rund 1200 aus China gekommen. „Am Dienstagnachmittag kamen zwei Dinge zusammen: Das Virus ist zum ersten Mal in Europa aufgetreten und viele Aussteller äußerten Sorgen um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Deshalb haben wir die Messe in Abstimmung mit der Branche auf einen Alternativtermin verschoben“, sagt Guido Gudat, Leiter der Unternehmenskommunikation der Messe Köln. Da die Veranstaltung auf einen neuen Termin verlegt wurde, behalten laut Gudat alle Verträge ihre Gültigkeit. Somit belaufe sich der wirtschaftliche Schaden vor allem auf den Aufwand für die Umplanung.

Wie hoch die wirtschaftlichen Schäden in so einem Fall sind, lässt sich derzeit nicht seriös beziffern. Zum einen entsteht für Messebetreiber ein zusätzlicher Aufwand, selbst wenn die Veranstaltung später mit allen erwarteten Ausstellern doch noch stattfindet und auch die üblichen Besucherzahlen erreicht. Faktisch dürften jedoch selbst zum Nachholtermin nicht mehr alle Aussteller dabei sein und womöglich auch viele Besucher fernbleiben.

Epidemien und Seuchen sind schwer versicherbar

Wird eine Messe hingegen vollständig abgesagt, hat das weitreichende Konsequenzen. Wer dann letztendlich die Kosten trägt, lässt sich laut Silvia Bauermeister, der Referentin für Recht des Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (AUMA), noch nicht beantworten. „Die Frage ist, ob es sich um einen Fall höherer Gewalt handelt. Ist das so, werden die Verträge normalerweise rückabgewickelt, sodass keine gegenseitigen Schadensersatz-Ansprüche bestehen“, erklärt die Juristin. Da sich die Einschätzung der Lage sehr schnell und häufig ändert, sei das allerdings schwierig zu beantworten, denn dafür müsse geklärt werden, ob die Einschätzung der Lage zum Zeitpunkt der Absage akkurat war. Ein Anzeichen, dass es sich um einen Fall höherer Gewalt handeln kann, ist laut Bauermeister eine Warnung der Gesundheitsbehörden. 

Versicherbar sind die Risiken aus Epidemien für Veranstalter wie die Messebetreiber laut Guido Gudat vom Messebetreiber KölnMesse faktisch nicht. Der Industrie-Versicherungsmakler Marsh bestätigt zwar, dass es für Unternehmen Veranstaltungsausfall- und Betriebsausfallversicherungen gebe, Schäden durch Epidemien und Seuchen aber üblicherweise vom Versicherungsschutz ausgeschlossen seien. Nur gegen einen Aufpreis wäre dieser Schutz zu bekommen. Von einem deutschen Messebetreiber war hinter vorgehaltener Hand allerdings zu erfahren, dass man sich vor einiger Zeit um eine Generalversicherung bemüht habe, die Schäden durch Verschiebung oder Absage einer Veranstaltung aufgrund von Epidemie, Seuchen, Naturkatastrophen und ähnlichem abdecken würde. Die Versicherungsbeiträge seien aber gemessen am Nutzen einer solchen Police viel zu hoch gewesen.

„Da es hier um hohe Schadensummen gehen kann, haben die Policen ihren Preis“, sagt auch Gunther Kraut, Leiter Epidemic Risk Solutions beim Rückversicherer Munich Re (Münchener Rück). Bereits vor zwei Jahren haben die Versicherer der Versicherungen diesen neuen Geschäftsbereich eingerichtet, der auch das Risiko durch Epidemien und Pandemien adressiert. „In diesem Segment bieten wir individuell auf den einzelnen Kunden zugeschnittenen Versicherungsschutz. Zusätzlich erhalten Unternehmenskunden aber auch Zugang zu auf Epidemierisiken spezialisierten Experten, die zu akuten Maßnahmen und zur Risikominderung beraten“, erklärt Kraut. Aktuell werde die Versicherung von Anfragen überrannt – besonders gefragt seien Policen gegen Epidemien in der Tourismus- und Hotelbranche, bei Infrastrukturbetrieben und Luftfahrtgesellschaften.

Wirtschaftliche Schäden sind nahezu unvermeidbar

Noch trotzen einige Messeveranstaltungen dem gefährlichen Lungenvirus. Die internationale Handwerksmesse soll von 11. bis 15. März wie geplant stattfinden. „Derzeit sehen wir keinen Anlass zur Einschränkung des Messebetriebs, genau wie die lokalen Gesundheitsbehörden“, sagt Nina Gassauer, Pressesprecherin der Gesellschaft für Handwerksmessen (GHM), die das Event veranstaltet. „Wir sind sehr national geprägt, es kommen zum Beispiel keine Aussteller aus China und die meisten Besucher sind aus Deutschland“. Zwar herrsche bei einigen Ausstellern aus Italien Unsicherheit, ob sie wie geplant an der Messe teilnehmen können, größere Absagen gibt es laut Gassauer aber nicht.

Aussteller und Gäste müssen sich jedoch auf einige Vorsichtsmaßnahmen gefasst machen. So sollen etwa Oberflächen, Ein- und Ausgänge, Touchscreens, Handläufe und ähnliche Hotspots häufiger desinfiziert werden. Zudem wird mehr Reinigungs- und Desinfektionsmaterial zur Verfügung stehen und auch das Personal wurde im Vorfeld für den Umgang mit der besonderen Situation geschult. „Weil ständig neue Informationen zu Corona kommen, haben wir beide Ohren bei den Behörden. Die Sicherheit aller Beteiligten steht natürlich an erster Stelle. Wir gehen aber nach derzeitigem Kenntnis- und Entwicklungsstand davon aus, dass wir die Messe wie geplant durchführen können“, sagt Gassauer.

Harald Kötter, Sprecher des Messeveranstalter-Verbands AUMA, sieht das Gelingen einer Messe jedoch nicht nur über die bloße Ausrichtung gesichert: „Letztendlich liegt die Entscheidung, ob Messen stattfinden dürfen, bei den Gesundheitsbehörden. Doch auch wenn es von dieser Seite keine Beschränkungen gibt: Der Erfolg einer Messe hängt in erster Linie von der Präsenz der Aussteller und Besucher ab“.

Auf der Messe „Embedded World 2020“, die diese Woche wie geplant in Nürnberg ausgerichtet wurde, machte sich das bemerkbar. Die Veranstaltung, die sich unter anderem mit der Sicherheit elektronischer Systeme, dem Internet der Dinge und E-Mobilität befasst, blieb nicht von der Angst vor dem Virus verschont. Bereits im Vorfeld sagte Geschäftsführer Roland Fleck: „Wir haben noch nie eine Messe unter solch komplexen, globalen Voraussetzungen durchgeführt“. So zogen etwa 200 Unternehmen ihre Teilnahme kurzfristig zurück, die Besucherzahl lag mit 13.800 nicht halb so hoch wie im Vorjahr. „Die Diskussion rund um Ausstellerabsagen und das Coronavirus hat zahlreiche Aussteller und Besucher überall auf der Welt verunsichert und sich stark auf die embedded world ausgewirkt“, sagt Geschäftsleitungsmitglied Thomas Preutenborbeck. Das Fazit zur Fachmesse sei daher ambivalent: „Auf der einen Seite erreichten uns Nachrichten von Ausstellern, die den Messeverlauf als eher unbefriedigend für sich bewerteten, auf der anderen Seite gibt es positive Resonanz von Unternehmen, die viele wertvolle Gespräche während der drei Tage führen konnten“.

Ob durch weniger Besucher oder eine Verschiebung: Finanzielle Schäden scheinen bei den Messebeteiligten nahezu unvermeidbar. Die Messe Frankfurt sieht nun eine große Herausforderung darin, Ausweichtermine für verschobene Messen zu finden. Gerade in China ist die Kapazität offenbar ausgereizt – und auch in Europa dürften die Kapazitäten und Terminlücken der Messebetreiber rasch zusammenschrumpfen.

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