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Verspätungen und Ausfälle in der Luftfahrt „Das gesamte System ist am Limit“

Flug-Chaos München Quelle: imago images

Die Bilder von langen Warteschlangen und gecancelten Flügen auf der Anzeigetafel sind noch vielen Urlaubern im Gedächtnis. Nun soll an den Flughäfen der nächste Chaos-Sommer drohen. Sind die Befürchtungen berechtigt?

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Die begehrteste Urlaubszeit des Jahres steht vor der Tür, viele Reisen sind schon seit Monaten gebucht. Kurz vor Beginn der Sommerreisezeit veröffentlicht nun AirHelp, eine Organisation für Fluggastrechte, eine Analyse, die manche Urlauber bange werden lässt. Zumindest solche, die nicht mit dem Auto in den Urlaub fahren, sondern auf das Flugzeug setzen.

Denn die Analyse weckt Erinnerungen an den Chaos-Sommer an vielen deutschen Flughäfen im vergangenen Jahr und prognostiziert gar noch schlimmere Szenarien. Zur Erinnerung: Unter anderem aufgrund von massiven Störungen durch Personalmangel bei der Flugsicherung oder Streiks an den Sicherheitskontrollen kam es 2018 bei vielen Airlines zu Verspätungen und Ausfällen. Infolge dessen berieten gar Vertreter aus Politik und Wirtschaft auf Luftfahrtgipfeln, wie solche Zustände in Zukunft verhindert werden können.

Dass AirHelp gerade jetzt eine solche Analyse veröffentlicht, kommt nicht von ungefähr: Immerhin macht das Flugrechte-Portal mit den Verspätungen und Ausfällen Geschäft. Denn wer sich von AirHelp bei der Durchsetzung seiner Flugrechte unterstützen lässt, zahlt bei erfolgreicher Entschädigung für Verspätungen oder Ausfälle eine Gebühr an AirHelp. Und dennoch lohnt sich ein Blick in die Zahlen. Die sagen tatsächlich ein Chaos hervor.

Flughäfen in Europa sind überlastet

„Deutsche Fluggäste müssen vor einem noch schlimmeren Flugchaos in diesem Sommer bangen“, prophezeit Laura Kauczynski, Expertin für Fluggastrechte, in einer Mitteilung von AirHelp. Woran das liegen würde, zeigt AirHelp an dem Gesamtaufkommen an Passagierflügen. Das sei im Vergleich zum Vorjahr im ersten Drittel 2019 nämlich um 1,8 Prozent gestiegen. Gleichzeitig habe es allerdings zwölf Prozent mehr Flugausfälle und fünf Prozent mehr Verspätungen gegeben als noch im letzten Jahr. Für AirHelp selbst sind das gute Aussichten – für Reisende selbstredend nicht.

„Der Luftverkehr ist in den letzten Jahren unerwartet stark gewachsen und tut das immer noch. Deshalb arbeitet die gesamte Luftfahrt unter einer hohen Belastung“, sagt Luftfahrt-Experte Heinrich Grossbongardt. Sowohl die Flughäfen als auch die Flugsicherung in Europa seien überlastet. „Das gesamte System ist am Limit.“

Tatsächlich ist ein wesentliches Problem ungelöst, denn bei der Flugsicherung herrscht nach wie vor Personalmangel. Das beklagte auch Klaus-Dieter Scheurle, Chef der Deutschen Flugsicherung, im März gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: Nach Scheurles Einschätzung würden demnach im Sommer rund 90 Lotsen in den deutschen Centern für die erwarteten Verkehrsmengen fehlen. Im vergangenen Jahr war dieser Personalmangel eine der Hauptursachen für die massiven Störungen im Betrieb. Und dennoch glaubt Experte Grossbongardt nicht, „dass es so chaotisch wird wie im vergangenen Jahr.“ Denn: „Das war vor allem den Folgen der Air-Berlin-Pleite geschuldet.“ Diese habe die Branche mittlerweile kompensiert.

Gerade Eurowings hatte damit zu kämpfen, Maschinen und Besatzungen von Air Berlin zu übernehmen – viele Flüge musste die Lufthansa-Tochter streichen. Auch wenn das nun gelöst sei, geht Grossbongardt davon aus, „dass auch dieser Sommer an den Flughäfen sicherlich alles andere als reibungslos verlaufen wird“.

Wie die Airlines vorbeugen

Damit sich das Chaos nicht wiederholt, treffen Flughäfen und Airlines seit Monaten Vorkehrungen: „An den Flughäfen sind Verbesserungen bereits deutlich sichtbar. Insbesondere in den Sicherheitskontrollen wurden Abläufe verbessert und Kapazitäten erhöht“, erläutert Luftfahrt-Experte Grossbongardt.

Auf Anfrage der WirtschaftsWoche teilten Eurowings und Condor mit, dass sie die Anzahl der Reserveflugzeuge deutlich erhöht hätten. TUIfly stellt die Reservekapazität nun selbst, vorher hatte die Fluggesellschaft die Reservemaschinen lediglich gechartert. Auch bei der Taktung des Flugplans habe Eurowings mehr Puffer eingeplant und Condor habe zusätzlich Personal am Boden und in der Luft eingestellt, wie die Unternehmen mitteilten. „Im Vorjahr war gerade der Zeitplan der Eurowings viel zu eng getaktet – und eine einfache Verspätung hatte da schon weitreichende Folgen“, sagt Grossbongardt. Tatsächlich würde sich das bessern: „Die Airlines wiegen die Kosten für zum Beispiel Entschädigungen bei Ausfällen schon deutlich besser gegen die Ticketpreise auf und planen bedachter.“ Die Lufthansa wollte sich nicht zu der Analyse von AirHelp äußern.

Eine gute Nachricht: TUI-Fluggäste können offenbar auch jetzt schon ein wenig aufatmen. Denn die Krise beim Flugzeugbauer Boeing mit seiner Unglücksmaschine 737 Max drohte auch TUIfly im Sommer in Bedrängnis zu bringen. Die Airline hatte Maschinen geordert und somit fest für die Urlaubsmonate eingeplant. „Diese Kapazitäten wurden einfach hinzugechartert, was für das Unternehmen sicherlich kostspielig ist, aber zur Entlastung beiträgt“, sagt Luftfahrt-Experte Grossbongardt.

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