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Viva eingestellt Das endgültige Aus einer deutschen Popkultur-Ikone

Mola Adebisi, Viva-Moderator, hält im Sendegebäude das bekannte Logo des Musiksenders in Händen. Quelle: dpa

Kaum ein Sender verkörperte so das Lebensgefühl der Neunzigerjahre wie der Musiksender Viva. Jetzt wurde die deutsche Antwort auf MTV eingestellt. Mit Viva stirbt mehr als ein Sender.

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In den Neunzigerjahren hatte man als Jugendlicher bisweilen einen recht geregelten Tagesablauf: Schule aus, Discman an, nach Hause, essen, Fernseher an - Viva gucken. Kaum ein Sender verkörperte das Lebensgefühl zwischen Backstreet-Boys-Poster, Inlineskates und Tamagotchi so sehr wie der Musikkanal aus Köln, auf dem Stefan Raab Ukulele spielte, Mola Adebisi moderierte und Heike Makatsch zu dem wurde, was später irgendwer „Girlie“ nannte. Viva war bunt, knallig, laut. Eine Emotion weckte Viva nie: Melancholie. Am 31. Dezember 2018 um 14 Uhr hat sich das geändert.

Denn nach etwas mehr als einem Vierteljahrhundert auf Sendung ist der deutsche Musikkanal Viva Geschichte. Am Montagmittag wurde der Sender, der einst Moderatoren wie Stefan Raab hervorbrachte, endgültig abgeschaltet. Der letzte Musiktitel, den Viva spielte, war symbolisch: „Zu geil für diese Welt“ von den Fantastischen Vier. 1993 war genau dieses Lied als erster Videoclip auf dem damals neuen Sender gezeigt worden. Viva endete so, wie es einst begann.

Viva feierte kurz zuvor, am 1. Dezember, seinen 25. Geburtstag, zugleich der letzte. Träger Viacom hatte das Aus bereits im Sommer angekündigt. Warum? Die Antwort lässt sich am besten an der Reaktion des Rappers Smudo ablesen: „Ich wusste gar nicht, dass es Viva noch gibt.“ Viva - einst Sprungbrett für junge Moderatoren wie Stefan Raab, Charlotte Roche, Sarah Kuttner, Oliver Pocher, Matthias Opdenhövel und Heike Makatsch - hat ausgedient.

Trotz des Falls in die Bedeutungslosigkeit rumorte es gewaltig in den sozialen Netzen, als das Aus feststand. Tenor: Mit Viva stirbt mehr als ein Sender - es stirbt auch ein Teil der Jugend. „Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender, denn wir sind euer Sprachrohr und euer Freund“, hatte Moderatorin Makatsch zum Start 1993 versprochen.

Viva war damals als deutsche Antwort auf die globale Coolness-Marke MTV angetreten und die Betonung lag durchaus auf deutsch. Auf Viva sollte deutsche Musik einen Platz haben, auch zur besseren Vermarktung. MTV sitze „auf einer Insel hinter dem Ärmelkanal“, erklärte Viva-Gründer Dieter Gorny. „Viva sitzt in Köln, mittendrin.“ Als Macher des neuen Senders stieg Gorny zum „Paten der Popmusik“ auf, auch weil er das dazu passende barocke Erscheinungsbild hatte.

Das Geheimnis war allerdings, dass Viva auf andere Art gar nicht deutsch war: Perfektionismus gehörte nicht zu den Sender-Tugenden. Fast betont unprofessionell plapperten die Moderatoren in die Kamera. Damit traf man den Nerv des Publikums, das zu Hause mit Zahnspange herumlümmelte und sich auch alles andere als perfekt fühlte. „Es gab keine Moderatoren-Schulung oder so. Das war Trial and Error - und es war auch sehr viel Error dabei“, sagt Moderatorin Milka Loff Fernandes (38). Genau das bedeute aber ja Erwachsenwerden. „Heute traut sich ja keiner mehr, einen Fehler zu machen“, sagt sie.

Stefan Raab sprang durch die Sendung „Ma' kuck'n“, Charlotte Roche zeigte in „Fast Forward“ Achselhaar. Wenn eine angesagte Band zu Viva in den Kölner Mediapark kam, belagerten Teenager das Areal. Den Moderatoren wurden zwar ein paar Anweisungen gegeben, im Grunde ließ man sie aber einfach machen. „Wenn eine Girlgroup kam, sollte man sie zum Beispiel keinesfalls live singen lassen“, erinnert sich Oliver Pocher (40) heute. „Oder beim Alter. Da sollte man auch nicht nachhaken, weil die Sängerin offiziell 19 war, aber aussah wie 32.“ Er habe dagegen natürlich regelmäßig verstoßen. „Viva war damals das, was heute YouTube ist“, sagt Pocher. Unter 20 hätten es alle geguckt.

Unter anderem mit YouTube fing auch der Niedergang an. Im Internet entstand neue Konkurrenz, Musik wurde anders konsumiert. Auf Viva lief plötzlich sehr viel nervige Klingeltonwerbung - Stichwort „Crazy Frog“ („A Ring Ding“). 2004 übernahm der amerikanische Medienriese Viacom, Eigner von MTV, Viva. Aus Konkurrenten wurden nun Schwestern. Eine Vorzeige-Sendung wie „Interaktiv“ wurde gestrichen.

„Viva ist heute in etwa so, wie Harald Juhnke in den 90ern war. Der war auch eine ganz wichtige Figur für das deutsche Fernsehen, aber irgendwann wurde er nur noch belächelt“, sagt Marcus S. Kleiner, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH Hochschule der populären Künste in Berlin. „Viva war irgendwann nur noch eine Lachnummer, von der man nicht wusste, ob es noch lebt.“

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