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Vorbereitung aufs Medizinstudium Wie ein unseriöser Anbieter Medizinstudenten abzockt

Der Sitz der Prometheus Akademie in Berlin. Quelle: imago images

Auch Eignungstests entscheiden, wer Medizin studieren darf. Akademien werben mit teuren Vorbereitungskursen, ein Anbieter ließ Teilnehmer sogar Leichen sezieren. Experten bezweifeln, dass die Zulassungschancen so steigen.

Schon am ersten Tag fiel der Unterricht aus. Josephine Mark erhält noch am Tag zuvor eine E-Mail, andere Kursteilnehmer bekommen keine Benachrichtigung. An einem Montagmorgen im November stehen sie unschlüssig vor den Kölner Seminarräumen der Prometheus Akademie. „75 Prozent unserer Teilnehmer erhalten innerhalb eines Jahres einen Medizinstudienplatz“, wirbt die Prometheus Akademie auf ihrer Homepage. Deshalb haben sich für den Winterkurs in Köln 67 Teilnehmer angemeldet, auch Josephine Mark. Für sie klingt die Werbung der Akademie wie ein Versprechen auf ein Wunder.

Mark hat einen Abitur-Notendurchschnitt von 2,2 und damit kaum Chancen auf einen regulären Studienplatz in Medizin. Prometheus aber verspricht: Das Vorsemester Medizin bereite optimal auf Auswahlgespräche und Medizinertests vor, der Kurs werde auch von internationalen Universitäten angerechnet. „Auch für Sie kann das der schnelle Weg zum Medizinstudium sein.“

4000 Euro haben Marks Eltern an Prometheus gezahlt, um den Traum ihrer Tochter wahr werden zu lassen. Doch am Ende des Kurses ist die kaum schlauer als zuvor. Der Unterricht fällt immer wieder aus, oder wird nur von Studenten provisorisch übernommen. Mark hat nie das versprochene Anatomiepraktikum an der Charité in Berlin absolviert. Auf ihr Zeugnis musste sie monatelang warten, und selbst jetzt stimmen die Angaben darauf nicht. Und auch ausländische Universitäten erkennen anders als von Prometheus versprochen das Vorsemester nicht an.

Josephine Mark heißt eigentlich anders, weil es um ihre zukünftige Karriere geht, will sie ihren Namen nicht veröffentlichen. Junge Menschen wie sie gibt es Tausende in Deutschland. Sie wollen Medizin studieren, scheitern aber an den Hürden der Universitäten. 62.000 Bewerber kämpfen um 11.000 Studienplätze. Im vergangenen Jahr hat das Verfassungsgericht beschlossen, dass die Abiturabschlussnote nicht länger das einzige Kriterium für ein Medizinstudium sein darf. Abiturienten können etwa durch soziales Engagement ihr besonderes Interesse für die Medizin nachweisen. Die meisten Universitäten verlangen nun außerdem, dass Absolventen einen medizinisch-naturwissenschaftlichen Test schreiben, um ihre Eignung für das Medizinstudium nachzuweisen.

Auf diese Quote hoffen junge Abiturienten in ganz Deutschland. Unternehmen wie die Prometheus Akademie wittern darin ein lohnendes Geschäft. Bundesweit öffneten in den vergangenen Monaten zahlreiche Unternehmen dieser Art. Sie versprechen, Abiturienten so vorzubereiten, dass sie bessere Chancen auf einen Studienplatz haben.

Nur können die Anbieter dieses Versprechen nach Meinung von Experten nicht halten. Die Berliner Charité erklärt: „Für einen Studienplatz an der Charité ist ausschließlich die Note der Hochschulzugangsberechtigung in Verbindung mit dem Ergebnis des HAM-Nat-Tests ausschlaggebend.“ Das Absolvieren von Kursen habe keinen Einfluss auf die Vergabe von Studienplätzen. Auch der Medizinische Fakultätentag, in dem sich die medizinischen Ausbildungsstätten in Deutschland zusammengeschlossen haben, bezweifelt den Nutzen der Vorbereitungskurse. Man glaube nicht daran, „dass solche Kurse etwas an den Zulassungschancen ändern.“ Je nach Inhalt könne „es allenfalls helfen herauszufinden, ob einem das Studium liegen könnte.“

Seriöse Anbieter arbeiten mit Universitätsdozenten zusammen, die Akademieleiter sind oft selbst Mediziner und können aus Praxisalltag und den langen Jahren des Medizinstudiums berichten. Hinter der Prometheus Akademie aber steht kein Arzt, sondern der ehemalige Radiomoderator und Rettungsassistent Dr. Markus W. Den Doktortitel will er einer rumänischen Universität zu verdanken haben, die ihm die Ehrendoktorwürde verliehen haben soll. Die Prometheus Akademie habe er aus Frust gegründet, erzählte W. vor einigen Jahren in einem Podcast. Er habe selbst viele Bekannte gehabt, die Medizin studieren wollten und jahrelang warten mussten. Markus W. habe diesen Menschen helfen wollen. „Daraus ist ein Business geworden.“

Tatsächlich hat sich W. bislang eher als dubioser Geschäftsmann einen Namen gemacht. So legte das Gesundheitsamt schon einmal den Betrieb seiner Akademie teilweise lahm. Er ließ Kursteilnehmer Leichenteile sezieren. Mit weißen Kitteln und blauen Handschuhen durften sich die Abiturienten an Unterschenkeln samt Fuß oder einem Torso mit Kopf versuchen. Doch laut Behörden fehlten der Akademie die hierfür nötigen Genehmigungen. Prometheus hatte dies stets bestritten und erklärte, die Leichenteile seien legal und mit Genehmigung des Zolls aus den USA importiert worden. Der Polizei lägen alle Unterlagen vor.

Doch die Behörden untersagen der Akademie weitere Anatomie-Kurse mit importierten Leichenteilen. Seitdem bietet die Prometheus Akademie ihren Studenten Anatomie- und Sezierungskurse an der Charité Berlin an – zumindest auf dem Papier. Auch Josephine Marks sollte an einem solchen Praktikum teilnehmen, so steht es in ihren Unterlagen. Es war einer der Gründe, warum sie den Kurs an der Prometheus Akademie wählte. „Ich wollte sichergehen, dass das was für mich ist.“ Doch das Praktikum findet nie statt. Die angekündigte Schulwoche in Berlin wird erst verschoben und dann abgesagt.

Die Charité bestreitet, dass es je eine Kooperation mit der Prometheus Akademie gegeben habe. „Demnach gibt es für die Kursteilnehmer auch keine Anatomiepraktika an der Charité“, erklärt eine Sprecherin.

Die Prometheus Akademie steckt zu diesem Zeitpunkt längst in tiefen finanziellen Schwierigkeiten. Dozenten berichten, dass sie über Monate kein Geld erhalten hätten. 50 Euro die Stunde hätte er erhalten sollen, berichtet ein Chemiedozent der Akademie. „Für einen Doktoranden ein sehr gutes Gehalt. Gesehen habe ich jedoch keinen Cent“.

Im Februar stellt eine Krankenkasse Insolvenzantrag, weil Prometheus die Beiträge für seine Mitarbeiter nicht entrichtet haben soll. Der vorläufige Insolvenzverwalter könne den Geschäftsführer Markus W. nicht erreichen. „Es ist unklar, wo er sich aufhält“, sagt die Rechtsanwältin Stephanie Hotopp von der Kanzlei Voight Salus, die das Verfahren betreut. Auch auf Fragen der WirtschaftsWoche reagiert Geschäftsführer Markus W. nicht.

Das Anwerben neuer Studenten lief dennoch über mehrere Wochen ungehindert weiter: Für das Sommersemester 2019 gebe es noch „freie Plätze“, steht auf der Homepage. Anmelden und bezahlen können Interessierte ganz bequem online. Starten sollten die Kurse am 13. Mai 2019.

Am 13. Mai jedoch stehen die Kursteilnehmer vor verschlossenen Türen, wieder einmal. Für sie wird kein Wunder geschehen. Wahrscheinlich sehen sie nicht einmal ihr Geld wieder.

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