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Walt Disney Bob der Baumeister

Was die Übernahme von 21Century Fox für Walt Disney und seinen Chef Bob Iger bedeutet. Quelle: dpa

Was die Übernahme von 21st Century Fox für Walt Disney und seinen Chef Bob Iger bedeutet, welche Folgen der Deal für Netflix hat und wie womöglich auch der deutsche Bezahlkanal Sky davon profitiert.

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Eigentlich sollte er den Job schon längst nicht mehr machen. Eigentlich wollte Bob Iger bereits im vergangenen Jahr  den Posten als Vorstandschef des Micky-Maus-Konzerns Walt Disney an einen geeigneten Nachfolger abgegeben haben. Allein – wer ist schon geeignet?

Stattdessen schraubt der frühere TV-Moderator, der seit 2005 an der Spitze des Medienriesen steht, nun ein noch mächtigeres Unternehmen zusammen. Damit setzt Iger nicht nur seiner eigenen bemerkenswerten Karriere die Krone auf. Womöglich löst er zugleich mit einem Schlag das Problem der eigenen Nachfolge.

Fakt ist, dass die insgesamt 66 Milliarden Dollar teure Übernahme der zahlreichen Assets von 21st Century Fox auf beeindruckende Weise demonstriert, wie sehr sich in den vergangenen Jahren durch Digitalisierung und Globalisierung die Machtverhältnisse im Mediengeschäft verschoben haben. Nicht einmal eine einstige Größe wie der begnadete Dealmaker und unerschrockene Strippenzieher Rupert Murdoch, der innerhalb von Jahrzehnten angefangen mit einer kleinen Zeitung in Australien ein beachtliches Imperium geschaffen hat, mag da noch mithalten. Murdoch, so viel dürfte ihm klar geworden sein, fehlt schlicht die Größe, um in Zukunft mit Internetgiganten wie Amazon und Facebook mitzuhalten, die sich in immer mehr Feldern breitmachen und immer mehr Werbegelder einsaugen.

Stattdessen geht ein großer Teil von Murdochs Reiches nun auf im noch größer werdenden Disney-Konzern. Für dessen Lenker Iger ist die Übernahme des größten Teils von 21 Century Fox – wozu Filmstudios, Kabelfernsehnetze, Anteile am Streamingdienst Hulu und der Pay-TV-Sender Sky gehören – der Höhepunkt einer beispiellosen Einkaufstour. Seit er die Konzernspitze von Michael Eisner übernahm, hat Iger eine ganze Reihe ebenso weitsichtiger wie teurer Zukäufe gestemmt.

Den Anfang machte der Kauf der Animationsspezialisten Pixar, als Iger auffiel, dass Mickey Maus und Co. doch einigermaßen in die Jahre gekommen waren und dringend neue Helden her mussten. Die Branche wunderte sich dann, als Iger ausgerechnet den Comicbuch-Verlag Marvel kaufte. Und schließlich brachte der smarte New Yorker auch Star Wars-Erfinder George Lucas dazu, ihm sein Sternen-Imperium samt Luke Skywalker und Prinzessin Lea zu verkaufen.

Iger hatte erkannt, dass es unabhängig von den sich verändernden Distributionswegen vor allem starke Medienmarken sein würden, die dem Disney-Konzern einen Vorteil im beinharten Geschäft verschaffen würden. Tatsächlich ging Igers Kalkül bislang auf: Dank Pixar gewann Disney neue Charaktere und Kreativität. Mit Marvel erschloss sich der Konzern, der bis dato vor allem für Familienprogramm und Kinderfilme stand, die neue Zielgruppe der Jungs und jungen Männer. Die tauchen seitdem in Scharen in ein komplettes Universum aufeinander verweisender Superhelden-Filme ab, das nicht unwesentlich zur um sich greifenden Langeweile in den Kinoprogrammen beiträgt.

Themenwelt Star Wars

Und schließlich erschloss sich Disney dank Star Wars eine weitere vollständige Themenwelt samt einer treuen Anhängerschaft. Die wird nun nach der Marvel-Methode mit strategisch geplanten neuen Streifen versorgt, mit Ablegern und Ablegern von Ablegern, in denen auch noch die Geschichten von früheren Nebenfiguren erzählt werden; dazu füttert Disneys über Jahrzehnte perfekt choreographierte Merchandising- und Spielzeugsparte die Fans mit Spielfigürchen und sonstigem Tinnef, ein bereits vom Gründer Walt Disney in seinen Grundzügen ersonnenes mediales Perpetuum Mobile.

Murdochs Medienmarken kommen Iger da nur zupass. Denn in den vergangenen Monaten hat er etwa bei seinem Sportsender ESPN zu spüren bekommen, wie sehr sich die Sehgewohnheiten der TV-Konsumenten ändern. Immer mehr von ihnen verabschieden sich im Heimatmarkt USA von teuren Kabelverträgen. Stattdessen schließen sie preiswerte Abos bei Netflix oder Amazon ab, die sie mit einem wachsenden Angebot an Filmen, Serien, Comedy locken.

Um hier mitzuhalten und den Angreifern mehr entgegenzusetzen, kündigte Iger bereits an, die bestehenden Lieferverträge mit Netflix zu beenden. Neue Streifen sollen ab 2019 nur noch auf Disneys eigenen Streamingkanälen laufen. Stimmen die US-Wettbewerbshüter zu, kann Iger die neuen Kanäle künftig mit noch mehr Inhalten füllen, Murdochs Kinosparte steckt unter anderem hinter Erfolgsstreifen wie „Titanic“ und „X-Men“.

Damit dürfte zugleich der Druck auf den Angreifer Netflix steigen, denn Iger wird sich genau überlegen, was für ihn und seinen Konzern einträglicher ist: Weiter filme an Netflix zu lizensieren. Oder sie lieber exklusiv der eigenen zahlenden Kundschaft vorzubehalten. Bereits jetzt steckt Netflix mit acht Milliarden Dollar im Jahr sehr viel Geld in Eigenproduktionen. Wie lange der Newcomer das Spiel noch durchhalten kann, wird auch davon abhängen, wie gut es ihm gelingt, seine Kunden an sich zu binden, ehe Disney sie mit seinem neuen Angebot ködert.

Hinzu kommt, dass Disney mit Sky ein weiteres Schwergewicht zu seinem Portfolio addiert. Sky steckt seinerseits im Wandel, weg von der reinen Abspielstation für Hollywoodware, hin zu einem eigenständigen Medienunternehmen, das immer mehr eigene Inhalte in Auftrag gibt. Jüngstes Beispiel war in Deutschland die Koproduktion „Babylon Berlin“. Auch diese Reihe gehört dann bald unter das Disney-Dach. Hinzu kommt, dass eine engere Verbindung mit dem noch immer mächtigen Sportsender ESPN auch für Sky nicht von Nachteil sein dürfte, wenn es künftig um den Einkauf von Sportrechten geht. Und auch am Netflix-Konkurrenten Hulu gehört Disney bald ein größerer Anteil - Netflix-Chef Reed Hastings dürfte das noch Kopfschmerzen bereiten, er wird nun von noch mehr Seiten in die Zange genommen.

Bob Iger dagegen hat sich für 66 Milliarden Dollar womöglich auch noch seinen eigenen Nachfolger ins Haus geholt haben. Denn schon seit einiger Zeit halten sich die Gerüchte, mit der Übernahme trennten sich die Wege der Murdoch-Familie. James Murdoch, heißt es, könnte nun in den Disney-Vorstand einziehen. So könnte aus einem Ex-Punk und Gründer eines Hiphop-Labels ein ernsthafter Anwärter auf die Nachfolge von Bob, dem Baumeister werden, wenn der sich nun 2021 endgültig verabschiedet. Eine Geschichte, fast so schön wie aus einer Disney-Schmonzette.

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