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Weihnachtsmärkte „Für uns wäre eine Absage existenzbedrohend“

Bangen um die Weihnachtsmärkte: Kurz vor dem Start stehen viele Veranstaltungen aufgrund der dramatisch steigenden Coronazahlen auf der Kippe – für die Schausteller ein existenzbedrohender Albtraum. Quelle: imago images

Von München über Jena bis Bad Krozingen – viele Städte sagen angesichts dramatisch steigender Corona-Fallzahlen Weihnachtsmärkte ab. Unternehmen wie das Start-up Primoza aus Nürnberg fürchten eine generelle Absage durch die Länder. Mitgründer Orlando Zaddach nimmt die Politik in die Pflicht.

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Orlando Zaddach ist Mitgründer und Geschäftsführer des Nürnberger Start-ups Primoza.

WirtschaftsWoche: Herr Zaddach, Sie verkaufen Ihre „Wachsenden Kalender“, Postkarten und Produkte rund ums Gärtnern außer über Ihre Webseite auch auf Weihnachtsmärkten – welche Rolle spielt dieser Vertriebsweg für Ihr Unternehmen?
Orlando Zaddach: Das ist eine ganz wichtige Säule für uns. Wir haben Primoza 2018 gegründet, nachdem wir mit der Idee des einpflanzbaren Wachsenden Kalenders einen Gründerwettbewerb gewonnen hatten. Weihnachtsmärkte waren unser erster und wichtigster Absatzmarkt. Wir hatten erst eine Handvoll Mitarbeitende, aber haben 2019 schon eine Tour über 40 Weihnachtsmärkte auf die Beine gestellt. Über den wirtschaftlichen Faktor hinaus fühlen wir uns den Märkten auch emotional verbunden – sie haben uns geholfen, Primoza auf den Weg zu bringen.

Weihnachtsmärkte haben also dazu beigetragen, Ihr Start-up überhaupt erst breiter bekannt zu machen?
Ja, das ist der Kanal, über den wir ganz viele Menschen erreicht haben, die wir online nie erreicht hätten. Es geht aber nicht nur darum, unsere Produkte zu verkaufen, sondern auch darum, dass man mit den Menschen vor Ort ganz anders ins Gespräch kommen kann. Wir sehen Nachhaltigkeit weit über unsere Produkte hinaus als unsere Mission an und möchten in und mit unserem Unternehmen einen Mehrwert für Menschen und Umwelt schaffen. Das konnten wir auf den Weihnachtsmärkten immer ganz direkt kommunizieren.

Orlando Zaddach ist Mitgründer und Geschäftsführer von Primoza. Das Nürnberger Start-up vertreibt seine „Wachsenden Kalender“, Postkarten und Produkte rund ums Gärtnern vor allem auch auf Weihnachtsmärkten. Quelle: Presse

Welche Folgen hatte die Absage von Weihnachtsmärkten für Sie im vergangenen Jahr?
2020 ist ein echtes Katastrophenjahr für uns gewesen. Unsere Elektronik wurde gehackt und wir konnten wochenlang keine Werbung über unsere Social-Media-Kanäle aussteuern. Zudem gab es Probleme mit unserem Versanddienstleister. Die Absage der Weihnachtsmärkte hat uns dann richtig hart getroffen. Wir stehen ja immer noch erst am Anfang unserer Entwicklung als Unternehmen und konnte nicht auf Rücklagen zurückgreifen. Es war klar, dass wir mit der Absage der Weihnachtsmärkte substanziell bedroht waren und wir mussten überlegen, ob wir wirklich weitermachen können und sollen.

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    Konnten Sie den fehlenden Umsatz seither aufholen?
    Das ist uns glücklicherweise gelungen. Es hat uns viel Kraft gekostet – aufzugeben war allerdings auch keine Option. Also mussten wir uns aus dem Stand heraus umorientieren und unsere Strategie komplett verändern. Wir haben uns auf den Online-Shop konzentriert, Online-Marketing betrieben, eine englischsprachige Ausgabe des Wachsenden Kalenders entwickelt und uns getraut, zu expandieren. Während andere Unternehmen sich einschränken oder aufgeben mussten, haben wir neue Leute an Bord geholt, weil wir uns für die Zukunft breiter aufstellen wollten. Auch wenn dafür erst einmal neue Investitionen nötig waren.

    Wie konkret hatten Sie in diesem Jahr damit geplant, dass Weihnachtsmärkte wieder stattfinden dürfen?
    Sehr konkret. Wir hatten uns auf die Aussagen der Politik verlassen, dass es keinen weiteren Lockdown geben wird und hatten vor, auf über 80 Märkten mit einem Stand vertreten zu sein. Wir haben 500.000 Euro investiert, um mit ganz viel Energie und vielen zusätzlichen Helfern und Helferinnen quer durch die Republik Weihnachtsmärkte bespielen zu können – und haben uns schon riesig darauf gefreut, das endlich wieder tun zu können. Wir wissen von vielen Kundinnen und Kunden, wie schön es für sie ist, die Produkte nicht nur als Foto im Online-Shop zu sehen, sondern beim Einkaufen vor Ort tatsächlich anschauen und anfassen zu können.

    Welche Folgen hätte eine erneute Absage-Welle für Primoza?
    Für uns wäre eine Absage – komplett und zu so einem späten Zeitpunkt – existenzbedrohend. Den Verlust des Geldes, das wir investiert haben, könnten wir nicht kompensieren. Deshalb appellieren wir an die Politik, dass wir genau wie alle anderen betroffenen Händlerinnen und Händler, Schaustellerbetriebe und Unternehmen nicht auf den Kosten sitzengelassen werden, sollte es zu einer Absage kommen. Wir sind irgendwann am Ende unserer Möglichkeiten und sehen die Gefahr, dass demnächst nicht mehr viele Gewerbetreibende übrig sind, um die Weihnachtsmärkte in der Zukunft am Leben zu erhalten.

    Waren Sie bei Ihrer Planung womöglich zu optimistisch?
    Es hat die konkrete Aussage seitens der Politik gegeben, dass es 2021 nicht noch einmal zu einem Lockdown kommen würde. Man muss mit Optimismus in seine Planungen gehen. Ein gewisses Risiko ist mit allem verbunden, was man angeht – natürlich ganz besonders in Zeiten einer andauernden weltweiten Pandemie. Zu optimistisch kann man also eigentlich gar nicht sein. Dass wir zu blauäugig oder zu naiv gewesen wären, kann ich uns nicht vorwerfen. Die Weihnachtsmärkte waren wie gesagt zu Beginn unser Hauptabsatzmarkt, auf den wir angewiesen sind und es sah so aus, als könnten sie in diesem Jahr wieder stattfinden.



    Was erwarten Sie nun von den Ministerpräsidenten und der Politik?
    Ich hoffe sehr, dass es eine Entscheidung für die Weihnachtsmärkte geben wird und zumindest die Veranstaltungen draußen doch stattfinden können – da unterstützen wir natürlich alle Vorsichtsmaßnahmen, die für die Sicherheit von Besucherinnen und Besucher und Mitarbeitenden nötig sind. Sollte es allerdings zu einer Absage kommen, erwarte ich, dass die Politik auch die Verantwortung für diese Entscheidung übernimmt und betroffene Unternehmen finanziell entschädigt. Dafür brauchen wir Konzepte, die auch tragfähig sind.

    Was hieße das konkret?
    Die Überbrückungshilfe, die man im vergangenen Jahr beantragen konnte, würden wir zum Beispiel nicht bekommen, da wir unseren Umsatz im Vergleich zu 2019 gesteigert haben – den Verlust der halben Million, die eine Absage jetzt für uns bedeuten würde, fände keinerlei Berücksichtigung.



    Hält sich Primoza in Zukunft von Weihnachtsmärkten als Vertriebsweg vorsichtshalber lieber fern?
    Wenn wir dieses Jahr überstehen, werden wir auf jeden Fall trotzdem wieder auf Weihnachtsmärkte setzen – dieser Vertriebsweg ist für uns elementar. Weihnachtsmärkte gehören zu unserem Selbstverständnis und wir glauben fest daran, dass es sie wieder geben wird. Die Vorweihnachtszeit ist die Hauptsaison zum Kaufen und Verschenken von Kalendern, insofern ist ein Weihnachtsmarkt eigentlich der ideale Ort, um unsere Wachsenden Kalender zu verkaufen. Wir fühlen uns den Märkten zu eng verbunden, um uns von ihnen abzuwenden.

    Mehr zum Thema: Es gibt so viele Corona-Infektionen wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Rufe nach einer flächendeckenden 2G-Regel werden laut.  Doch die Wahrheit ist: Ein nur halbherzig durchgesetztes 2G kann das Problem nicht lösen.

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