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Weihnachtsmann-Darsteller im Corona-Advent „Der Weihnachtsmann ist absolut systemrelevant“

Stefan Dößereck Quelle: Privat

Kommt der Weihnachtsmann auch in diesem Jahr, trotz Corona? Der Kölner Nikolaus- und Weihnachtsmann-Darsteller Stefan Dößereck meint: unbedingt! Handschuhe und Aerosol-filternden Rauschebart trägt er ohnehin schon immer.

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Für seinen ersten Auftritt in diesem Jahr, sagt Stefan Dößereck (52), fuhr er zu einer Familie am Niederrhein, in einem kleinen Ort an der niederländischen Grenze. In einer beheizten Garage stieg er in sein rotes Kostüm, streifte sich weiße Handschuhe über und klemmte sich den weißen Rauschebart an Mund und Nase. Währenddessen sprach er mit seinem Auftraggeber, dem Familienvater, und bat ihn, kurz vor dem Auftritt im Wohnzimmer noch einmal stoßzulüften. Sodann war er für eine Fünfjährige fast eine Stunde lang der Nikolaus. Die übrigen Zuschauer seiner Darbietung, Mutter, Vater, Oma und Opa, wohnten alle im selben Haushalt. Dößereck sagt, er sei nach einem Auftritt selten so glücklich nach Hause gefahren.

Selbst der Nikolaus kann sich nicht über Corona erheben. Und auch der Weihnachtsmann nicht. Dößereck kann das kompetent beurteilen, schließlich tritt er seit 26 Jahren in beiden Rollen auf. Familien buchen ihn, aber auch Unternehmen für die Firmen-Weihnachtsfeier. In diesem Winter hat er seinen 3.000sten Auftritt gespielt. Es ist kein rauschendes Jubiläum. Im Corona-Advent absolviert er nur ein Viertel von dem, was er vergangenes Jahr gemacht hat. Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte machen in normalen Jahren rund 60 Prozent seiner Auftritte aus – in diesem Jahr hat er weder das eine noch das andere. Und das, obwohl er allen Gewerblichen ein Sonderkündigungsrecht bis einen Tag vor dem Auftritt eingeräumt hat.

Er sagt, er finde das persönlich gar nicht schlimm, für ihn ist der Weihnachtsmann kein nennenswertes Geschäft. Er mache das nicht fürs Geld. Jeder bezahlt ihm den Betrag, den er oder sie für angemessen hält. Manchmal trete er auch ohne Bezahlung auf. Schlimm, sagt er, sei die Situation für die, die von Weihnachtsveranstaltungen ihren Unterhalt bestreiten. Ihm tue es sehr leid für Gastronomie und Hotellerie.

Stefan Dößereck ist nicht nur Weihnachtsmann, sondern auch Weihnachtsmann-Ausbilder. Doch Mitte August entschied er, in diesem Jahr keine Schulungen zu geben. Die acht Interessierten vertröstete er auf nächstes Jahr. Trotz der im Sommer relativ niedrigen Infektionszahlen, sagt er, sei ihm klar gewesen, dass es im Winter ein Chaos gebe. Er ist dann zu einem Netzwerk-Treffen mit anderen Weihnachtsmännern gefahren, Anfang Oktober in Augsburg. Die Weihnachtsmann-Darsteller diskutierten, wie man in diesem Jahr verantwortungsvoll überhaupt Auftritte absolvieren könne. Ganz einig waren sie sich nicht. Dößereck sagt, mittlerweile sei ja jeder ein kleiner Virologe. Einige seiner Kollegen machen in diesem Jahr gar keine Auftritte, und die könne er auch verstehen.

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    Viele seiner Stammkunden, sagt Dößereck, hätten sich in diesem Jahr nicht gemeldet. Und einige hätten angerufen und abgesagt. Doch er habe auch eine Menge neuer Anfragen erhalten. Menschen, die sagen: Sie wollen gerade in diesem Jahr auf keinen Fall auf den Weihnachtsmann verzichten. Deshalb hat Dößereck sich Regeln überlegt. Wobei das Wesen des Weihnachtsmannes beziehungsweise die Umstände seines Auftritts es mit sich bringen, dass es kaum großer Änderungen bedarf. Handschuhe trägt er beim Auftritt ja schon immer, sagt Dößereck. Und der dichte Vollbart halte bestimmt nicht weniger Aerosole fern, als die meisten Stoffmasken. Abstand halte er auch schon immer ein; diese Sitte, dass die Kinder beim Weihnachtsmann auf dem Schoß sitzen, gebe es nur in amerikanischen Filmen, nicht aber in deutschen Wohnzimmern. Einzig das gemeinsame Foto mit dem Weihnachtsmann, das manche Kinder nach dem Auftritt wünschen, könne er in diesem Jahr nicht erfüllen. Und den Bart wäscht er nun jeden Abend aus.

    Es gab auch Anfragen für Auftritte, bei denen er vor fünf oder sechs Familien auf einmal aus dem Goldenen Buch vorlesen sollte. Er habe dann appelliert: Machen Sie sich mal Gedanken, ob das in der aktuellen Situation wirklich angebracht ist. Dann sei entweder eine Absage gekommen, oder man habe es in mehrere Einzel-Auftritte geteilt. Einmal trat der Nikolaus Dößereck auf einer Gartenparty auf, ein anderes Mal verlegte man seinen Auftritt in den Carport, wo man größere Abstände einhalten konnte. Bei einem anderen Kind stand er eine halbe Stunde vor der Haustür.

    Er hatte sogar zwei Anfragen, als Weihnachtsmann vor einem Monitor zu agieren, für eine digitale Feier; es sei dann aber doch nicht dazu gekommen. Ich bin bereit, sagt er, alles mitzumachen, damit wir uns nicht weiter anstecken. Daran sehe man aber, dass man mit vernünftigen Appellen an die Leute rankommt. Warum, fragt Dößereck, schaffe er das als Weihnachtsmann? Und manche Minister schaffen das nicht.

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    Stefan Dößereck ist studierter Maschinenbauer und lebt in Köln. Hauptberuflich arbeitet er als selbstständiger Managementberater für Einkaufszentren. Auch dieser Beruf ist durch Corona nicht einfacher geworden. Gewiss, vor den Zwangsschließungen hatten die Einkaufszentren Auflagen zu erfüllen, etwa eine Maximalzahl an Kunden pro Quadratmeter, oder zu überprüfen, ob sich alle Kunden an die Maskenpflicht halten. Dößereck erzählt von der 80-jährigen Kundin, die sich ärgert, warum die Bänke abmontiert wurden, auf denen sie sich sonst ausruhen konnte. Auch das: eine behördliche Auflage. Und allein die ganzen neuen Aufkleber und Warnschilder – auch das kostet ein Einkaufszentrum viel Geld. Aber die Coronakrise ist deshalb für den Managementberater Dößereck kein Gewinn. Im Gegenteil: Projekte wurden abgesagt.

    Im Mai, erzählt er, hat er Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Brief geschrieben. Er hat ihr die Frage gestellt, ob der Weihnachtsmann systemrelevant sei. Dieser von der Bundesregierung benutzte Begriff, sagt er, sei eine Unverschämtheit. Sind also nicht alle Menschen gleich viel wert? Man habe offenbar nicht begriffen, was diese Gesellschaft ausmacht. Einige Menschen erwarten so sehnsüchtig den Nikolaus und den Weihnachtsmann, sagt er, es sei eine Sehnsucht nach ein bisschen Normalität. Stefan Dößereck hat keine Antwort der Bundesregierung erhalten. Er hat sich dann die Antwort selbst gegeben: „Der Weihnachtsmann ist absolut systemrelevant.“

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