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So macht Konsum keinen Spaß (mehr)

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Aus Apple wird Fallobst

Zur weltweiten Lachnummer geriet Apple mit der Einführung des iPhone 6. Die nach Google zweitwertvollste Marke der Welt schafft es offenbar nicht, ein Telefon herzustellen, das normalem Gebrauch standhält: Das Smartphone, das zum stolzen Preis von €700 angeboten wird, verbiegt sich offenbar in der Hosentasche. Es kann nur unfreiwillige Komik sein, dass Apple sein Paradeprodukt in diesen Tagen ausgerechnet auf einem gekrümmten Plakat am Berliner Hauptbahnhof bewirbt. Vollends zum Fiasko geriet ihr jüngstes Software-Update iOS 8, das zu Problemen bei Tausenden von Usern führte. So machen auch Smartphones keinen Spaß.

Dass die Deutschen nicht in der Lage sind einen Flughafen (BER) zu bauen oder Züge mit WLAN und funktionierenden Klimaanlagen, ist hinlänglich bekannt. Nun gibt sich Berlin auch städtebaulich mit der Eröffnung der „Mall of Berlin“ der Lächerlichkeit preis. „Die Zeit“ nennt die neue Einkaufspassage einen rosafarbenen „Kotzbrocken“. So wird Einkaufen zur „Konsumhölle“.

Das sagen Experten zum iPhone 6
Walt Mossberg (Re/code)„Das iPhone 6 ist ein tolles Update für aktuelle iPhone-Nutzer. Es enthält ein größeres Display, ist aber immer noch klein genug, um es gut in der Hand zu halten. Es ist aktuell das beste Smartphone, das Sie kaufen können.“ Quelle: dpa
David Pogue (Yahoo Tech)„Die Bildschirme sind unglaublich. Andere Handys haben mehr oder kleinere Bildpunkte, aber aktuell jagen sie alle Einhörner. Diese Bildschirme haben schon seit langem die Grenze von dem überschritten, was unsere Augen wahrnehmen können.“ Quelle: dpa
Darell Etherington (TechCrunch)„Die abgerundeten Ecken rund um das Display helfen dabei, die nahtlose Optik zu realisieren, die Apple vorgesehen hat. Zudem erfüllen sie einen ergonomischen Zweck. Wischgesten fühlen sich auf dem neuen Display viel einfacher und natürlicher an.“ Quelle: dpa
Joshua Topolsky (Businessweek)„iPhone 6 und 6 Plus wurden im Vergleich zu iPhone 5S und 5C deutlich umgestaltet. Einige Details fühlen sich aber seltsam an. Die breiten Antennenlinien auf der Rückseite der Geräte und die hervorstehende Kameralinse machen das Gerät etwas weniger streng als die bisherigen Produkte des Unternehmens.“ Quelle: REUTERS
Jim Dalrymple (The Loop)„Ich konnte in meiner Testwoche mit beiden iPhone 6-Modellen nichts finden, das mich zu einer anderen Schlussfolgerung bringt, als beide zu empfehlen. Wählen Sie das Modell, das am besten zu ihrem Leben passt und seien Sie glücklich.“ Quelle: AP
Molly Wood (New York Times)„Die Gesprächsqualität der neuen Telefone ist großartig, außerdem ist die Akkulaufzeit des kleinen iPhone 6 beeindruckend. Ich kam fast zwei ganze Tage ohne Aufladen aus. Beim iPhone 6 Plus reicht der Akku für einen Tag, bei einem Handy dieser Größe ist das aber nichts Ungewöhnliches.“ Quelle: REUTERS
Tim Stevens (Cnet)„Das iPhone 6 Plus ist ein tolles Gerät – aber es ist nicht für jeden geeignet. Ich mag das Wort „Phablet“ nicht, aber man kann nicht bestreiten, dass das iPhone 6 Plus genau das ist. Das 6 Plus ist für all jene, die ein bisschen Tablet in ihrem Smartphone suchen.“ Quelle: REUTERS

Wo bleibt das Marketing, wenn man es braucht?

Wenn Konsum jemals Freude machen sollte, ist es damit endgültig vorbei. Das wäre jedoch auch das Ende der Markenwelt, wie wir sie kennen. Um diesen Qualitäts- und Service-Verfall aufzuhalten, braucht es jetzt starke Marketingleute. Sie müssen diese katastrophale Entwicklung aufhalten - sie als letzte Einladung verstehen, endlich einmal innezuhalten und nachzudenken.

Sie müssen sich gemeinsam mit ihren Kollegen aus Entwicklung, Produktion und Vertrieb hinsetzen und nachdenken: Über Verantwortung, über die Gesundheit ihrer Kundschaft, über Produktqualität und Serviceversprechen:

  • Wofür soll die Marke in Zukunft stehen?
  • Worin soll sie sich qualitativ von Wettbewerbern unterscheiden?
  • Wie kann man das Qualitätsversprechen halten und steigern?
  • Wie will man das Vertrauen der Endverbraucher zurückgewinnen, die im Zeitalter digitaler Medien und öffentlicher Transparenz lange nicht mehr glauben, was ihnen die Marken erzählen?

Die Verbraucher haben einfache Wünsche, die jede Marke erfüllen kann, wenn sie nur will. Sie wünschen sich Kindernahrung ohne Zucker, sichere Neuwagen, funktionierende Software und Bahn-Verbindungen - und ja: Hühnersuppe mit Hühnerfleisch. Die Liste ließe sich endlos erweitern.

Als der Comedian Jerry Seinfeld vergangene Woche in New York mit einem der begehrtesten Werbepreise, dem CLIO-Award geehrt wurde, rief er den verblüfften Werbe-Promis in seiner ironischen Dankesrede zu, er fände es großartig, dass Werber ihr Leben damit verbringen, unschuldigen Leuten sinnlose, minderwertige Produkte und Dienstleistungen für ihr ehrlich erworbenes Geld anzudrehen. Er brachte auf den Punkt, was Menschen heutzutage von Werbung halten.

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Kein Mitleid

Das erklärt auch die Sinn- und Vertrauenskrise, in der die Werbung seit Jahren steckt. Der Verein der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) befragte Bürger aus 15 Ländern zum Ansehen verschiedener Berufsgruppen. Das bittere Ergebnis: In Deutschland belegen Werbefachleute, zusammen mit Versicherungsvertretern und Politikern, die letzten Plätze.

Wer soll das ändern, wenn nicht die Marketing- und Werbefachleute selbst? Der US-Werbe-Papst David Ogilvy sagte vor über 40 Jahren: „Gute Produkte können durch ehrliche Werbung verkauft werden. Wenn Sie von der Qualität eines Produktes nicht überzeugt sind, sollten Sie dafür auch nicht werben.“ Wenn die Werber sich dieses Anspruchs besinnen und danach handeln, würden Konsum und Markenwerbung wieder Spaß machen. Tun sie es nicht, haben sie und die weitere Erosion ihren Markenwelten unser Mitleid nicht verdient.

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