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Der Traum vom Fliegen - ein Albtraum?

Der Preiskampf zwingt Billigflieger, zu sparen. Auch auf Kosten der Sicherheit ihrer Kunden? Selbst Vorzeige-Unternehmen müssen mehr in Sicherheit investieren.

Die größten Billig-Flieger Europas
Mit einer eigenen Billigfluglinie will die größte Airline Russlands nach finanziellen Turbulenzen 2014 wieder durchstarten. Für den umkämpften russischen Flugmarkt sind die Pläne von Marktführer Aeroflot eine Revolution. Dobroljot - zu Deutsch: guter Flug - heißt die neue Airline, die sich der vom Kreml kontrollierte Konzern allein in den ersten beiden Jahren rund 100 Millionen US-Dollar kosten lässt. „Nur ein großer Player wie Aeroflot ist in der Lage, mit Macht von Null ein Unternehmen aufzubauen“, sagt der Flugexperte Roman Gussarow der Zeitung „Iswestija“. Das Ziel: Die meist hohen Preise für Flugreisen im größten Land der Erde sollen um bis zu 40 Prozent sinken. Derzeit kosten Inlandsflüge oft deutlich mehr als vergleichbare Auslandsstrecken. Vorbild für die Pläne von Aeroflot-Chef Witali Saweljew ist der irische Billigflieger Ryanair. Wie bei anderen Linien sollen Gepäckaufgabe und Essen nur gegen hohe Aufschläge möglich sein. „Schnell, angenehm, günstig“ - so wirbt Dobroljot bereits im Internet. Schon ab Mitte 2014 will die neue Airline abheben, zunächst mit acht modernen Boeing 737-800. Später soll die Flotte auf 40 Maschinen wachsen. Als erstes stehen einige beliebte Ziele im westlichen Teil des Riesenreichs auf dem Flugplan wie die Touristenmetropole St. Petersburg oder die Millionenstadt Jekaterinburg. Tickets sind aber noch nicht zu kaufen. Quelle: dpa
Lettische Fluggesellschaft Air Baltic startet 1.200 Mal wöchentlich. Quelle: Pressebild
German Wings liegt auf Platz 9 der europäischen Billig-Airlines Quelle: AP
Die ungarische Airline Wizz belegt Platz 8 der europäischen Low-Cost-Airlines. Quelle: dpa/dpaweb
Aer Lingus belegt Platz 7 im Ranking der größten europäischen Airlines. Quelle: Pressebild
Norwegian Air Shuttle belegt Platz 6 im Ranking der größten europäischen Billig-Airlines Quelle: Pressebild
Die spanische Fluggesellschaft Vueling schafft es auf Platz 5 im Ranking der europäischen Billig-Fluglinien. Quelle: screenshot

Man liest es und traut seinen Augen nicht. An einem einzigen Tag im Juli mussten drei Maschinen der Billigfluggesellschaft Ryanair gleichzeitig in Valencia notlanden. Der Grund: Weil sie offenbar nicht genügend Kerosin getankt hatten, ist ihnen in der Warteschleife der Treibstoff ausgegangen. Denn je weniger Kerosin ein Flugzeug tankt, desto geringer sind Gewicht und Verbrauch. Die Piloten von Ryanair stehen angeblich unter erhöhtem Druck, möglichst wenig Kerosin an Bord zu nehmen.

Die Pilotenvereinigung Cockpit erhebt schwere Vorwürfe, das spanische Verkehrsministerium hat eine Untersuchung eingeleitet. Der spanische Verbraucherverband fordert gar den Entzug der Betriebserlaubnis. Ryanair dementiert alle Vorwürfe.

Die Probleme der europäischen Airlines
Problem 1: Fehlende KonsolidierungEine der größten Hürden der europäischen Luftfahrtbranche ist die starke Fragmentierung. Nach wie vor werden die nationalen Fluggesellschaften in den meisten Ländern Europas als Symbol des Nationalstolzes angesehen. So gibt es auch heute noch in fast allen Ländern klare Vorgaben, dass ausländische Investoren nicht die Mehrheit an dem nationalen Anbieter übernehmen dürfen. Quelle: dpa
Problem 1: Fehlende KonsolidierungZwar hat es auch in Europa in den vergangenen Jahren Übernahmen und Fusionen gegeben. So gingen die französische Air France und die niederländische KLM zusammen, vor kurzem erst British Airways und die spanische Iberia. Gleichwohl hat fast jeder Staat in Europa seinen eigenen nationalen Anbieter. Quelle: dpa
Problem 1: Fehlende KonsolidierungWie es besser geht, zeigen die USA. Dort fusionierten 2008 Delta und Northwest, im vergangenen Jahr dann United Airways und Continental. Derzeit gibt es Gespräche zwischen US Airways und der insolventen American Airlines. Aus einst sechs großen Linienfluggesellschaften, die in ganz USA und weltweit fliegen, könnten am Ende nur drei übrig bleiben. Je größer die Flugzeugflotte, desto effizienter kann sie eingesetzt werden, und desto günstiger ist auch der Kerosineinkauf. So konnte Delta im vergangenen Jahr ein Nettoergebnis von 845 Millionen Dollar einfliegen. Quelle: ap
Problem 2: Die Kosten sind zu hochLufthansa-Chef Christoph Franz (Foto) hat es schon vor mittlerweile drei Jahren erkannt, damals war er noch Chef der Passagiersparte: Lufthansa, aber auch die anderen europäischen ehemaligen Staatsairlines produzieren zu teuer. Wie teuer, das zeigt der Vergleich von Lufthansa mit dem Anbieter Emirates. Bei diesem machen die Kosten 85 Prozent des Umsatzes aus. Bei Lufthansa werden 96,6 Prozent der Erlöse durch die Kosten wieder aufgezehrt. Quelle: dpa
Problem 2: Die Kosten sind zu hochDas hat mehrere Gründe. Zum einen kämpfen alle ehemaligen Staatsairlines mit "Altlasten". Denn die etablierten Airlines sind deutlich älter als etwa die beiden Newcomer Emirates und Etihad. Weil aber die Anbieter vom Golf noch so jung sind, fallen hier auch weniger Aufwendungen beispielsweise für Pensionszusagen an. Quelle: dpa
Problem 2: Die Kosten sind zu hochHinzu kommt: Die Arbeitskosten sind in Dubai oder Abu Dhabi deutlich niedriger. Auch gibt es hier keine Gewerkschaften. Dagegen haben sich die Gehälter bei den etablierten Airlines in Europa über die Jahre immer mehr in die Höhe geschraubt. Doch ein Zurück ist schwer. Ein Arbeitskampf etwa der Piloten oder des Kabinenpersonals legt schnell den gesamten Betrieb lahm, die Kosten werden dann noch mehr steigen. Auch andere Kosten - wie etwa die für die Flugsicherung - sind hierzulande höher. Quelle: dpa
Problem 3: Die politische Unterstützung fehltEs ist ein Satz, der alles sagt. Gesagt hat Thierry Antinori (links im Bild), ein ehemaliger Lufthansa-Manager und seit einiger Zeit Top-Manager bei der Golfairline Emirates. "Dubai erklärte die Luftfahrt vor 25 Jahren zur strategischen Schlüsselindustrie, und damit wurden die Rahmenbedingungen für Wachstum geschaffen." Rahmenbedingungen, von denen eine Air France-KLM, eine Lufthansa oder eine British Airways nur träumen können. Quelle: dpa

Sparen auf Kosten der Kunden?
Gleichgültig, wie die Untersuchungen ausgehen, stärken diese Vorwürfe nicht gerade das Vertrauen in die Billflieger. Zumal ihre Angebote sich oftmals nicht günstiger erweisen als die der traditionellen Fluggesellschaften. Gefährdet also die unter einem aktuell schmerzhaften Gewinneinbruch leidende Ryanair die Sicherheit ihrer Passagiere, nur um Kosten zu sparen und das Betriebsergebnis zu verbessern?
Auch Air Berlin fliegt immer tiefer in die roten Zahlen. Auch sie ist nicht bekannt für einen besonders entgegenkommenden Service. Erst kürzlich machte ein Familienvater in einem Blogbeitrag seinem Ärger Luft, weil Air Berlin nicht bereit war, einen beschädigten Buggy zu ersetzen, obwohl er das geforderte Gutachten eingereicht hatte. Kundenorientierung sieht anders aus. Muss Air Berlin an das Debakel erinnert werden, das United Airlines vor einigen Jahren wegen einer zerbrochenen Gitarre erlebte?
Sparen die Fluggesellschaften also auf Kosten der Kunden? Ist das die letzte Antwort der Fluglinien und ihres Marketings auf die Zeichen unserer Zeit? Auf mündige, erwachsene und kritische Verbraucher, die für ihr Geld verständlicherweise einen adäquaten Gegenwert fordern. Die für Werte wie Sicherheit, Pünktlichkeit und Bequemlichkeit bereit sind, ihnen ihr Geld zu geben und ihnen ihre Loyalität zu schenken.

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