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Werbesprech

Werber: Im Kreis, gegen Windmühlen

Wenn von 12.000 Agenturen nur eine Handvoll die Branche laut infrage stellt, hat diese Branche ein Problem. Das Marketing wirkt dabei fatal gleichgültig. Zeit zu Handeln.

Die skurrilsten Markenstreitereien
Lindt vs HariboLindt wollte mit einem goldenen Schokobären das Herzen der Schokoladenliebhaber gewinnen. Doch die Schweizer Schokoladenhersteller Lindt & Spruengli zogen vor allem den Zorn des rheinischen Süßwarenherstellers Haribo an. Dieser verklagte die Schweizer auf Schadensersatz. Das Landgericht Köln untersagte zunächst Lindt & Spruengli den Vertrieb des Schokobären. Beim Anblick eines solchen Goldbären mit roter Schleife im Süßwarensegment würde unweigerlich eine Verbindung zu Haribo hergestellt, hieß es. Dieses Urteil hat das Oberlandesgericht Köln nun aufgehoben. Die Bärchen dürfen weiter verkauft werden. Quelle: dapd
Der Plüschtierhersteller Steiff hat im Streit um den „Knopf im Ohr“ eine juristische Schlappe erlitten. Steiff kann nicht für sich allein das Recht beanspruchen, bei seinen Teddys und Tieren mitten im Ohr einen Metallknopf oder ein Stofffähnchen anzubringen. Das hat das EU-Gericht in Luxemburg entschieden. Nach Ansicht der Richter fehlt die Unterscheidungskraft, da der Kunde daraus nicht den Hersteller des Tieres erkennen könne. Steiff hatte den europaweiten Schutz beim Europäischen Markenamt beantragt - die Behörde lehnte ab und bekam nun vor Gericht Recht. Bei dem Streit geht es nur um die Positionierung des Knopfs in der Mitte des Ohres, nicht aber um den „Knopf im Ohr“ selbst. Quelle: dpa
weltuntergangs-party Quelle: REUTERS
Ein Mann sitzt in Guadalajara, Mexiko, hinter Bierflaschen der Marke "Duff Beer" Quelle: dapd
iphone kopfhörer Quelle: REUTERS
Dr. Oetker Paula vs. Aldi FleckiAuf den ersten Blick ähneln sich Aldis Kinderpudding "Flecki" und Dr. Oetkers "Paula" natürlich. Doch sind die Gemeinsamkeiten ausreichend, um ein Verbot von "Flecki" zu rechtfertigen? Darüber hatte das OLG Düsseldorf zu befinden. Der Vorsitzende Richter referierte dazu über den „Kulminationspunkt des Puddings“ oder die Frage, ob Paula ein klassischer Kuhname sei, was das Gericht in einschlägigen Internetregistern prüfte. "An einer Nachahmung besteht kein Zweifel", erklärte das Gericht. Trotzdem unterscheide sich "Flecki" in vielen Details so sehr, dass Aldi den Pudding weiter verkaufen darf. Quelle: dpa
Kloster Andechs vs. Molkerei ScheitzMit der klösterlichen Frieden ist es im oberbayerischen Andechs seit geraumer Zeit vorbei. Schuld ist ein Streit zwischen den Klosterbrüdern und der ortsansässigen Andechser Molkerei Scheitz. Sie wirbt mit dem Slogan "Andechser Natur - seit 1908". Die Mönche wiederrum werben für ihr Bier mit "Kloster Andechs - Genuss für Leib & Seele". Die Mönche sehen ihre Markenrechte verletzt. Der Streit tobt seit sieben Jahren. Quelle: dpa/dpaweb

Vor kurzem beschrieb Thomas Koch, mein Co-Kolumnist, "Warum Werbeleute keinen blassen Schimmer haben". Hubertus von Lobenstein antwortete darauf letzte Woche mit einem Offenen Brief: "Schluss mit dem Werber-Bashing".

Was denkt das Marketing darüber? Was die anderen Agenturen? Weder bei Thomas, noch bei Hubertus (oder gar in w&v/Horizont, den Branchenblättern) gab es größere Diskussionen zum Thema. Kein Werber-Medium steckte die beiden in einen Raum und harrte der Dinge. Niemand lud sie ein, diese Kontroverse zusammen vor interessiertem Publikum auszutragen. Schweigen im Walde. Überall.

Hat die Branche keine Meinung? Oder keine Zeit?

Natürlich haben Werber "keinen blassen Schimmer", Thomas, und natürlich gibt es ein oder zwei Handvoll gute Werber da draußen, Hubertus. Und nun? Weitergehen? Hier gibt es nichts zu sehen? Eine ganze Branche schaut weg, schüttelt, zustimmend, den Kopf?

Was, liebe Marketer, nutzen solche Agenturen und Berater? Ihr Schweigen klingt nicht gerade leidenschaftlich, kreativ oder innovativ. Nicht aufmüpfig oder disruptiv. Aber erwarten wir nicht genau das von guten Werbern? Von guter Werbung?

Was nutzt eine Branche, in der niemand eine relevante Stimme hat? Niemand mehr mitreißt? In der auch kein relevantes Medium existiert, das nach vorne denkt, das Denkstrukturen einreißt und Neues gebiert? Oder ist der Einzelne so kreativ, dass man keine Inspiration von außen benötigt?

Was stellt man an mit einer Branche voller stumpfer Verbände, die sich hinter ihren teuersten (im doppelten Sinne) Mitgliedern verstecken, um den Status Quo zu wahren, so unerträglich kommerziell und langweilig er auch sei?

Was stellt man an mit Marketern, die sich über Rabatt- und Honorar-Diskussionen beim Controlling profilieren, statt der eigenen Marke im Kopfe und Herzen des Konsumenten zum Siege zu verhelfen? Marketer, denen die Qualität der Werbebranche, ihr Revolutionspotenzial egal zu sein scheint?

Wir sind inzwischen soweit - ich mag es gar nicht erzählen -, dass die aktuelle Ausgabe des Magazins „Business Punk“ Joko und Klaas auf dem Cover zeigt: mit der Headline "Unsere Kreativsten"! Joko und Klaas! Was muss noch alles passieren, bis Ihr wach werdet?

Die wenigen Werber, die noch ihre Stimme über das Branchengrundrauschen, ein bloßes leises In-sich-Hineingrummeln, erheben, erinnern mich immer öfter an Don Quixote, Sancho Panza und die gute, alte Rosinante. Und Ihr alle macht sie dazu! Gemeinsam einsam arbeiten sie sich an 12.000 Windmühlen ab - statt dass Ihr an ihrer Seite reitet und für Vielfalt, Kreativität und Innovation kämpft.

Längst sind ihre Worte stumpf wie ihre Schwerter. Zu oft hörte man schon den einsamen Amir in der Kreativ-Wüste.

Längst reichen ihre Kräfte nicht mehr zu jugendlichem Galopp in der Attacke, sondern nur noch zum rückenschonenden Trab den Berg hinunter. Ihr habt sie geschafft, mit Eurem gebetsmühlen-artigen Gleichmut. Es wird Zeit, nicht länger im Kommerzkreise sich zu drehen, sondern endlich den Kampf gegen die Windmühlen in den eigenen Köpfen aufzunehmen.

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