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Werner knallhart
Sekt Quelle: Marcus Werner

Coming Home for Christmas: Aerosol-isoliert im ÖBB-Nachtzug

Das war die Idee des Jahres unseres Kolumnisten: Statt mit dem unkalkulierbar vollen ICE mit dem österreichischen Nightjet von Hamburg in den Schwarzwald. Einsamer und aerosolfreier war Zugfahren vor Weihnachten nie.

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Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich nach vollgepackten Arbeitswochen auf einer Weihnachtsreise nach Hause so geborgen und sicher gefühlt habe. Und so zufrieden mit der eigenen Entscheidung gegen das Auto.

Denn das hätte mir gerade noch gefehlt. Sieben Stunden allein auf der Autobahn von Nord nach Süd. Danach hätten Sie mich unter oder in den Weihnachtsbaum werfen können, ich hätte nichts mehr gemerkt. Fünfeinhalb Stunden mit dem ICE allerdings bedeutet fünfeinhalb Stunden FFP2. Die Maske dann ausnahmsweise mal abnehmen zu dürfen, um etwas zu essen und zu trinken, ist ja kein Trost, sondern schürt die Unbehaglichkeit. Denn Experten sagen ja: Zwar werden die von den Anderen tief aus ihren Lungenverästelungen rausgehauenen Aerosole von der Klimaanlage nicht kreuz und quer durch die Waggons gepustet, aber doch von links nach rechts in Bereichen von zwei, drei Reihen vor einem und hinter einem. Das sind in der zweiten Klasse, wenn es hochkommt, Aerosole von 24 Menschen. Lassen Sie es in diesen Zeiten zehn Leute sein. Und wenn man im Zug sitzt, hat man mangels Internet oft viel Zeit, sich die herum wabernden Aerosole dieser mindestens zehn wildfremden Menschen bildlich vorzustellen. Ekel statt Vorfreude. Das alles spricht gegen eine schöne Weihnachtsheimreise im ICE.

Doch dann kam mir vor einigen Tagen eine geniale Idee: Beende die Dienstreise doch mit dem Nachtzug. Das Gute: Weil dort ja auch Corona-Alarm herrscht, muss man selbst in den noch verfügbaren Doppelkabinen nicht damit rechnen, dass plötzlich ein anderer reingestolpert kommt, sich irgendwann einmal versonnen räuspert und man selber denkt: Okay, das war’s. Jetzt hast du das Virus auch.

Weil der Deutschen Bahn vor längerem ja der Spaß an echtem klassischen Eisenbahngefühl flöten gegangen war, gibt es ja keine DB-Nachtzüge mehr. Die Österreicher sind dort allerdings mit Leidenschaft dabei – und die Deutsche Bahn übernimmt das, was sie nach eigenen Angaben besser kann als Eisenbahn-Nostalgie: Sie vertreibt auf dem deutschen Markt die Fahrkarten. Die BahnCard 100 habe ich schon, der Aufschlag für eine nur von mir belegte Doppelkabine lag bei 144 Euro. Was allerdings daran lag, dass ich mir selber die Weihnachtsvorfreude hochpeitschen wollte, indem ich mir eine Kabine mit eigenem Klo und einer Dusche gönnte. Denn nur so konnte mein Plan aufgehen, nach dem Einsteigen die Kabine bis zur Ankunft nicht für eine Sekunde zu verlassen. Für maximale Corona-Isolation – für mein gutes Gefühl. Und meiner Familie zuliebe.

Der ÖBB-Nightjet startete um 20 Uhr 50 am Hamburger Hauptbahnhof. Vorher hatte ich noch eine Stunde Zeit. Aber wohin in dieser Stadt, in der nicht mein Zuhause ist? Cafés sind zu, Restaurants auch, Fastfood-Buden haben am Bahnhof alle Sitzplätze abgeklebt. Was bleibt einem da, wenn man im Winter sitzen und ein Dach über dem Kopf haben will? Eine Sitzbank in einem U-Bahnhof (Aerosole!), in einer Kirche (zu kalt!) oder in der DB-Lounge. Und was soll ich sagen: Die Lounge hatte auf! Und in aller Bescheidenheit: Sie hatte geöffnet nur für mich. Denn außer den zwei freundlichen und augenscheinlich gelangweilten Lounge-Mitarbeiterinnen war nur ich da. In einer Lounge, die sonst geschätzt von gut und gerne vierzig, fünfzig Leuten gleichzeitig besucht wird, die dann herumwuseln, um sich kostenlose Kaffees und Lifts abzapfen. Aber das ist gerade alles nicht erlaubt. Die DB-Lounge ist dieser Tage nicht mehr als warm, hell und hell und trocken mit WC. Aber es war eben meine Lounge. Die Mitarbeiterinnen waren Luftlinie von meinem Warteplatz am geöffneten Fenster gute 20 Meter entfernt. Corona-Abstand deluxe.

Doch dann kamen die Österreicher mit ihrem Nightjet vorbei. Der Name des Zuges ist – zugegeben – abschreckend blöd, denn ein Jet ist eben ein düsenbetriebenes Flugzeug. Wie muss das bei so einer Produktmanager-Marketingmanager-Konferenz bei den ÖBB wohl zugehen?

„Was haltets davon, wenn wir unsere Nachtzüge Nightjet nennan?“
„Dös passt wie die Faast aufs Auge, tät ich eimal sagen: Night für Nacht, Jet für Zug.“

So, als würde die Lufthansa eine Flugverbindung nach Mallorca Holidaytrain nennen. Aber gut, ich schweife ab.

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