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Werner knallhart
Quelle: imago images

Corona-Aerosole drinnen: Stirbt im Winter unsere Gastronomie?

Schon im Hochsommer kommt es immer wieder zu Corona-Ausbrüchen, wenn Leute drinnen feiern. Wie soll das erst im Winter werden, wenn kein Mensch mehr draußen sitzt? Wegen der Aerosole nutzen auch die 1 Meter 50 nicht genug. Ohne gute Open-Air-Ideen droht doch wohl der große Niedergang.

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Wie soll unsere Gastronomie bloß die kalte Jahreszeit überstehen? Wenn wir nichts tun, wird es bestimmt grausam.

Dank Corona haben wir ja alle besser verstanden, wie Naturwissenschaft funktioniert. Sie robbt sich eben voran. Und wer sich nun über die Wissenschaftler empört und deshalb keine Maske tragen will, weil die Forscher nicht immer gleich unumstößlich gültige Eins-plus-eins-ist-zwei-Ansagen machen, die sich in den ersten sieben Sekunden eines Instagram-Videos vermitteln lassen, der soll bitte zu Hause bleiben, sich im Bett verkriechen und sich ärgern und solange nicht in die Zivilisation treten bitte!

Aber bei allem Voranrobben scheint eins für die Virologen, Epidemiologen und Hygieniker klar: Die lange von der WHO vernachlässigten Aerosole sind neben den größeren Tröpfchen die zweite große Corona-Gefahr.

Wissenschaftler verweisen im Fachmedium „Science“ darauf, dass Zigarettenrauch gut vergleichbar mit Aerosolen ist. Und leider ist es ja so: Raucht einer heimlich in einem ICE-Klo, riecht man es schnell im ganzen Wagen. Kommt einer im Büro aus der Raucherpause und atmet beim Reingehen im Foyer aus, kann man es noch Minuten danach riechen. Und jetzt stellen wir uns vor, statt Rauch wäre das mit Corona verseuchtes Aerosol. Virenbeladene Aerosole sind sogar kleiner als Rauchpartikel und verteilen sich noch besser.

Wie sollen da im Winter unsere Restaurants und Kneipen weitermachen können?

Jetzt im Hochsommer sitzen die Gäste an weit auseinander gestellten Tischen auf dem Gehweg. Dort, wo drinnen Partys gefeiert werden, knallt Corona direkt wieder durch. Eine Verlobungsfeier in Bielefeld vor drei Wochen: Von dreißig Gästen waren am Ende 26 corona-positiv. Das Berliner Brauhaus namens „Neulich“ Ende Juli: Undisziplinierte Gäste bescheren uns mindestens 18 neue Corona-Fälle. All das im warmen Sommer.

Aber denken wir uns in die kalte Jahreszeit hinein, wenn wir dann ein Restaurant betreten. Was für ein Dunst uns da nicht selten entgegenschlägt und die Brillengläser trübe werden lässt, wenn wir uns zwischen mit dick gefütterten Winterjacken behängten Stühlen durchwinden. Wie in Bars das Kondenswasser von innen die Fensterscheiben herunterläuft. Und uns nach einer halben Stunde der Drang überkommt: Ich muss mal kurz an die frische Luft. Was haben wir bis dahin dann wieder und wieder an Aerosolen tief in unsere Lungen eingesogen, die dutzende andere Gäste gerade selber noch in sich hatten und raus geplaudert, gelacht und gehustet haben? Die Vorstellung, einer der Gäste verströmte in seinen Mini-Tröpfchen das lebensgefährliche SARS-CoV2, ist einfach widerlich. Auch, wenn sich das infektiöse Aerosol im Raum verdünnt: Für die Gastronomie ist dieses mögliche Szenario als Image-Killer im schlimmsten Fall verheerend.

Selbst Klimaanlagen können kontraproduktiv sein, wenn die Maschinen die Luft zu lange im Raum verwirbeln, bis sie sie austauschen. Bekannt geworden ist das allein schon durch den Fall im chinesischen Guangzhou, wo ein Gast mehrere Tische infiziert hat. Dank der zuverlässigen Hilfe der Klimaanlage.

Aber welcher gemütliche Italiener, welcher elegante kleine Franzose, welche zünftige Bauernstube ist schon vertikal belüftet und reinigt die Luft mit Hepa-Filtern wie ein Flugzeug?

Nach Ansicht von Experten sind wir Menschen noch umwälzender als Belüftungsanlagen selber. Als wandelnde auf 37 Grad eingestellte Heizkörper. Die gefährlichen Partikel steigen in der Wärme an die Decke, schweben in alle Ecken und sinken dort wieder runter.

Tische auseinanderzurücken reicht nicht. Aerosole vernebeln die 1,5-Meter-Regel. Aber einfach mal die Fenster zu öffnen, genügt offenbar auch nicht. Martin Kriegel ist Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts an der Technischen Universität Berlin und wahrer Aerosol-Experte. Und er hat dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gesagt: „Selbst wenn man das Fenster nur fünf Minuten öffnen würde, reicht es nicht aus, um die Verunreinigungen in den Innenräumen herauszutransportieren.“

Stoßlüften reiche für einen ordentlichen Luftaustausch nicht aus, sagt auch Prof. Christian Drosten – über Schulen. Und in denen kommen meist die selben Menschen zusammen. Anders als im Restaurant: Dort herrscht ein Kommen und Gehen. Mit leider häufig obendrein auch noch anonymen Gästen, denen das Schicksal der anderen ziemlich Wurscht ist. In besagtem Berliner Brauhaus „Neulich“ haben dutzende Gäste falsche Angaben zu ihrer Identität gemacht. Und können nun von den Behörden nicht kontaktiert werden.

Retten wir also unsere bunte Gastro-Szene!

Wäre dauerhafter Durchzug die Lösung? Wie soll das dann im Winter in Restaurants funktionieren? Schnell essen, bevor alles auf dem Teller gefriert, im Daunenmantel in schneidendem Wind und vom Aperitif bis zum Espresso die Angst im Nacken, dass das alles doch nicht reicht, weil da irgendjemand hinten wieder die Tür zu gemacht hat? Zudem bekommt nicht jeder Gastronomiebetrieb kräftigen Durchzug hin. Der Luftaustausch hängt auch von der Geometrie des Raumes ab.
Und die Virenlast in der Luft lässt sich nicht mit Geräten vor Ort messen. Höchstens CO2-Messgeräte könnten hier eine Referenz sein. Je mehr CO2, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, dass viele Aerosole in der Luft liegen, die obendrein Corona-Viren in sich tragen können. Ausgelassen essen und trinken und hoffen, dass der Wirt wegen Corona CO2-Alarm schlägt: Selbst wenn die Hälfte darauf vertraut – und nur die andere Hälfte zu Hause bleibt, wäre das ein Schlag für die Branche.

Unterm Strich: Ohne eine Studie zur deutschen Gastronomie im Winter zu Corona-Zeiten in Händen (die es noch nicht geben kann) prophezeie ich anhand des Einsatzes von gesundem Menschenverstand: Wenn nicht schon jetzt Konzepte zur Rettung entwickelt werden, droht ohne Impfstoff oder wirkungsvolle Medikamente vielen kleinen inhabergeführten Gastronomiebetrieben im Winter großflächig der Untergang. Entweder wegen neuer gesetzlicher Beschränkungen oder allein deshalb, weil die meisten Menschen freiwillig zu Hause bleiben. Unsere Städte wären im Frühling eine andere Welt. Retten wir also unsere bunte Gastro-Szene!

Die Bundesregierung hat schon das Phänomen verpennt, dass Ferienrückkehrer das Virus wieder einschleppen. Jetzt sollte sie an unsere eigenen Gastronomen denken: Wie können Restaurants, Cafés und Bars im Winter funktionieren, ohne zu massenhaften Hotspots zu werden? Es muss draußen gemütlich werden. Dass es uns Spaß machen kann, beweisen die Weihnachtsmärkte (die so voll gestopft 2020 sicherlich auch nicht mehr stattfinden werden).

Wie wäre es mit der Erlaubnis, auf breiten Gehwegen Zeltpavillons ohne Seitenwände als Schutzdach aufzustellen? Wie wäre es mit einer Förderung von mit echtem Ökostrom betrieben Heizstrahlern vor dem Restaurant, indem sich der Staat an der Ökostrom-Rechnung beteiligt? Wie hübsch wären doch Feuertonnen vor dem Café zum Aufwärmen! Was, wenn der Staat Heizdecken und Heizkissen für die Gäste bezahlt? Oder mehr Straßensperrungen hier und da erlaubt – für kleine Pop-up-Winterbiergärten der umliegenden Gastronomen zusätzlich zu den großen offiziellen Weihnachtsmärkten. Wem es auf Dauer zu kalt ist, der nimmt den ersten Drink am Heizstrahler und das Menü mit ins warme Zuhause. Das Geld bleibt dann trotzdem beim Gastronom.

Die engagierten Betreiber der Läden werden selber am besten wissen, was ihnen am meisten hilft. Ich meine ja nur: Ausgehen muss gemütlich UND gesund sein. Für gemütlich allein sind die meisten in unserem Land sicherlich einfach zu schlau und vorsichtig. Dann kommen am Ende nur die Corona-Leugner. Und ohne Impfung und wegen ineffektiver Lüftungssysteme kann „gemütlich und gesund“ nach meiner Überzeugung im kommenden Winter nur draußen klappen. Was sagen die Gastronomen? Wie finden Sie die Ideen? Ich wünsche mir, dass alle über die kalten Monate kommen.

Wenn wir jetzt schon drüber nachdenken, entsteht ja vielleicht eine ganz neue Art von Winter-Gastro. Es wäre nicht die erste Errungenschaft aus Corona-Zeiten, die aus der Not heraus das Leben in Zukunft besser macht.

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