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Werner knallhart

Leitungswasser im Restaurant: gratis und ohne Gemoser?

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Ein Frage der Philosophie

Lobbyisten, die es gut meinen mit den Gastronomen, argumentieren ernsthaft: Es geht nicht um den Materialwert des Wassers, sondern sozusagen um die Beschaffungskosten. Der Service sei ja durch die Personalkosten und die genutzte Infrastruktur (das Glas) so teuer.

Überlegen wir mal: Okay, der Kellner muss ja schließlich nach dem Glas im Regal greifen (5 Sekunden), den Wasserhahn öffnen (1 Sekunde), das Glas drunter halten (4 Sekunden) und das gefüllte Glas mit auf das Tablett zu den anderen Getränken stellen (3 Sekunden). Durch das Servieren gemeinsam mit dem Wein geht keine zusätzliche Zeit auf dem Weg zum Tisch verloren. Danach muss das Glas gespült werden. Vielleicht passiert das nicht in der Maschine, sondern manuell (circa 10 Sekunden). Macht zusammen 23 Sekunden Arbeit.

Wenn Schlürfen zum guten Ton gehört
ChinaDie Essstäbchen sollten nie senkrecht in den Reis gesteckt werden, das bringt Unglück und ist ein Totenritual. Verboten ist ebenfalls: Nase schnäuzen. Dafür geht man in der Volksrepublik auf die Toilette. Nehmen Sie auch nie die Speisen, die für den ganzen Tisch gedacht sind in die Hand - auch nicht, wenn Sie dadurch besser ans Essen kommen. Alles sollte dort stehen bleiben, wo es steht.
ItalienSpaghetti mit Löffel und Gabel aufrollen - das machen nur Menschen, die es nicht besser wissen. Eigentlich wird die Nudel ausschließlich mit der Gabel aufgerollt. In Italien werden sie außerdem meist nicht als Hauptgang, sondern als Vorspeise gegessen. Quelle: dpa
ÖsterreichIn einem Kaffeehaus sollte unbedingt ein sehr gutes Trinkgeld gegeben werden. Der Kellner muss außerdem gerufen werden. Er wird kommen, dabei aber wenig gesprächig sein. Quelle: dpa
EnglandEs gibt ein paar Sitten an die sich der Deutsche gewöhnen muss: Ein gediegenes Frühstück mit Brötchen, Käse und Wurst, gibt es in England kaum. Stattdessen werden Bohnen, Würstchen, Speck, Black Pudding, Kartoffelecken, Tomaten, Rührei und Champignons aufgetischt. Tee-Zeit ist immer 17 Uhr, wobei es auch hier eine komplette Mahlzeit dazu gibt. Quelle: dpa
JapanSuppe darf ausdrücklich geschlürft werden, die Köche werden es wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Denn es wird davon ausgegangen, dass das Aroma der Nudeln erst durch das laute Aufsaugen aus der Suppe zur Geltung kommt. Bei anderen Speisen sollte es hingegen unterlassen werden - es gilt auch dort als unhöflich. Quelle: REUTERS
GriechenlandDas kleine Häppchen, was da auf dem Teller liegt, wird gewiss nicht alles gewesen sein: Die Griechen zelebrieren ihr Essen und dehnen es über mehrere Stunden aus. Deshalb gibt es immer kleine Gänge bzw. viele Gerichte, die sich alle gemeinsam teilen. Kleckern ist übrigens ausdrücklich erlaubt. Quelle: dapd
SchwedenIn schwedischen Cafés ist Selbstbedienung angesagt: Dort wird nicht nur bestellt, sondern auch bezahlt. Nach dem Bezahlen dürfen sich die Restaurantgäste so oft Kaffee nachschenken wie sie möchten. Köttbullar und Stockfisch sind also nicht die einzigen Besonderheiten der schwedischen Küche. Quelle: dpa

Erledigt das eine Kraft mit Mindestlohn von 8 Euro 50, dann kostet das Glas Wasser den Gastronomen 5,4 Cent. Plus die Kosten für das Wasser selber: 5,5 Cent. Und noch das Spülwasser und das Spülmittel anteilig obendrauf: sagen wir 1 Cent.

6,5 Cent. Das sind die Kosten für den Service, dem Gast ein Glas Leitungswasser zu servieren. Und da diskutieren wir noch?

Aber natürlich. Denn die Klage über die hohen Kosten, die der Service verursacht, ist natürlich vorgeschoben. Aufrichtig wäre es zu sagen: Fünf Euro für eine Flasche San Pellegrino zu kassieren, die bei Metro 76 Cent netto kostet, ist angenehmer, als 6,5 Cent zu investieren für nix. Wer Leistungswasser kostenlos trinkt, bestellt kein Markenwasser.

Und weil immer mehr Gäste dank ihrer Auslandserfahrung ihre Skrupel abgelegt haben und Leitungswasser ordern, wagen einige Gastronomen den Gegenschlag und berechnen für Leitungswasser von 1 Euro 50 fürs Glas bis gut und gerne 6 Euro für die Karaffe. Und müssen für die Ware noch nicht einmal mit dem Lieferwagen los. Damit wird das Leitungswasser aus der Perspektive der Restaurants sogar sensationell lukrativ mit einem Gewinn von 9000 Prozent der Investition.

Die zehn Knigge-Basics

Letztendlich ist es eine Frage der Philosophie. Die Inhaberin des gemütlichen kleinen Kreuzberger Cafés Kombrink, in dem ich in dieser Sekunde sitze und schreibe, hat mir gerade gesagt: "Ja, vielleicht bestellen dafür einige Leute weniger Mineralwasser. Aber meine Güte, wenn ich irgendwo Kaffee trinke, erwarte ich selber ein Gläschen Wasser dazu. Die Leute stehen hier ja nicht Schlange, um nur kostenlos Wasser zu trinken."

Viele Gastronomen haben längst begriffen: Kostenloses Wasser setzt sich langsam durch. Selbst zum Cappuccino. Und wenn die modernen Café-Häuser ihren jugendlichen Gästen Wasserkaraffen mit Minzblättern, Zitrone oder eisgekühlt an die Kasse neben den Zimtstreuer stellen, dann erwartet diese Generation diesen Service bald überall. Auch im Restaurant.

Ich bin für folgenden Kompromiss: Wer etwas anderes zu trinken bestellt - sei es Wein oder eine Cola - der soll auch zusätzlich Anspruch auf ein Glas Wasser haben. Wer sich das Geld für Getränke komplett sparen will, muss eben durstig bleiben oder heimlich auf der Toilette am Waschbecken auftanken.

Und sollten die Restaurants befürchten, durch diesen Extraservice an den Kosten zugrunde zu gehen, sollen sie doch einfach die Preise für das Essen anheben. Dann kostet das Schnitzel in Zukunft eben nicht mehr 9 Euro 90, sondern 9 Euro 96 fünf.

Aber komm, runde Summe: mit Trinkgeld 10 Euro.

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