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Werner knallhart
Apps von ARD, Netflix und ZDF auf einem Smartphone Quelle: dpa

Gebt uns die deutsche Supermediathek!

Viele denken: Mit ihren deutschen Serien und Filmen können es unsere Fernsehsender nicht mehr mit Netflix, Amazon Prime, Apple TV+ und Disney+ aufnehmen. Aber das stimmt nicht. Es ist nicht der Inhalt, es ist die lineare Form der Darreichung. Gebt uns endlich die deutsche Supermediathek.

GoT läuft wieder! Mit dem Start der letzten Staffel von Game Of Thrones ist ein Raunen um den Globus gegangen. Weltweit sprechen die Fans darüber, welche Helden noch sterben werden, wer am Ende auf dem Thron sitzen wird und ob es besser für die Nerven ist, sich jede Woche die aktuelle Folge reinzuziehen oder lieber abzuwarten und die ganze Staffel am Stück mit Freunden bingezuwatchen. (Letzteres unterliegt während der Wartezeit natürlich einem dramatisch hohen Spoiler-Risiko.)

Eine globale Vorfreude. An so etwas hat das deutsche Fernsehen höchstens noch bei der Übertragung der Fußballweltmeisterschaften teil. Und nu?

Früher, da war mehr Wetten, dass…?, ich weiß, aber dem nachzutrauern, dafür besteht wirklich kein Grund. Einer Wird Gewinnen, Knoff-hoff-Show, Dalli Dalli, die Live-Übertragungen von der Internationalen Funkausstellung mit Thomas Gottschalk und Günther Jauch, Die Wicherts von nebenan, Die Schwarzwaldklinik, all das hatte seine Zeit. Die Fernsehwelt hat sich weitergedreht.

Und das Gute ist: Das deutsche Fernsehen hatte daran einen großen Anteil. Die aus meiner Sicht glückliche Kombination aus öffentlich-rechtlichem und privat finanziertem Programm hat dazu geführt, dass die beitragsfinanzierten Programme von der emotionalen, unterhaltsamen Machart der privaten Anbieter gelernt haben und die privaten wiederum von den menschenfreundlichen Fairness-Standards der Öffis.

Gucken Sie sich mal zum Vergleich das Programm unserer europäischen Nachbarn an, von der kunterbunten Billigberieselung im Süden des Kontinents bis zur gähnenden Langeweile im Norden. Da können wir hier echt froh sein.

Warum aber sind wir es nicht? Warum bezahlen viele gerne die rund 20 Euro monatlich für Netflix und Amazon Prime Video, schimpfen aber (wie auch Kollegen in der WirtschaftsWoche) über die „Zwangsgebühr“ von 17,50 Euro für ARD, ZDF und Deutschlandfunk mit ihren dutzenden Fernseh- und Radiosendern?

Antwort: Weil viele es mittlerweile gewohnt sind, ihr Programm selber zusammenzustellen. Sie fühlen sich bevormundet von einer Programmplanung in den Sendezentren in Mainz, Köln, München oder Hamburg, die liebevoll und akribisch für ihre Zuschauer entscheidet, wann sie was gucken können.
Und so meckern die Leute: Die einen wollen nicht für Sendungen mit Volksmusik zahlen oder empören sich über diese harmlosen, teils biederen Serien mit Nonnen und Förstern in den Bergen oder Polizisten an Hafenkanten und Ärzten auf der grünen Wiese, die anderen Zuschauern aber ein wohliger Heimathafen sind. Andere sagen, der Tatort sei okay, nur der aus Münster sei zu albern, warum der bloß so erfolgreich sei.

Die einen finden, das Neo Magazin Royal tue dem ZDF gut, andere finden die Heute-Show eigentlich ganz witzig, wenn auch oft zu plump, außerdem seien da die Winter- und Sommerpausen immer zu lang. Die Serie Charité sei echt ein Gewinn, weil da lerne man noch was, Babylon Berlin aber zu glatt und deshalb total überhyped. Und warum die kulturellen Leckerbissen immer erst um kurz vor Mitternacht laufen oder irgendwo versteckt in den Dritten. Und, und, und. Unterm Strich: Die 17,50 Euro lohnten sich nicht, wenn doch so viel läuft, was einen selber nicht anspricht.

Die teuersten Abenteuer des Streaming-Königs
Daredevil / Jessica Jones / Luke Cage – 40 Millionen Dollar pro StaffelGut 400 Millionen Dollar Budget soll Netflix für Serien über die Superhelden des Marvel-Imperiums bereitgestellt haben. Dafür gab es gleich sechs Serien mit bislang einem Dutzend Staffeln. Als teuerste gelten „Daredevil“, „Jessica Jones“ und „Luke Cage“. Sie kamen mit jeweils 40 Millionen Dollar pro Staffel auf bis zu 3,5 Millionen pro Folge. Am Ende führt allerdings die Schlussfolge der Miniserie „Defenders“ mit acht Millionen den Marvel-Serien-Reigen an. Quelle: Netflix/Patrick Harbron
Hemlock Grove – +40 Millionen pro StaffelDie Geschichte über merkwürdige Vorkommnisse in einer fiktiven Stadt im US-Bundesstaat Pennsylvania bewies vor allem eines: Viel Geld garantiert weder Top-Qualität noch Erfolg. Nach einem pompösen Start mit gut 50 Millionen Dollar Produktionskosten für die erste Staffel regnete es für Online-Pionier Netflix ungewohnt negative Kritiken sowie dem Vernehmen nach mäßige Quoten. Also gab es in der zweiten Staffel nur noch zehn Folgen, was aber für keine bessere Resonanz sorgte. Nach der dritten Staffel war dann Schluss. Quelle: Netflix/Brooke Palmer
Orange Is The New Black – 50 Millionen pro StaffelDie Serie um den Aufenthalt einer bisexuellen Managerin in einem von exzentrischen Charakteren bevölkerten Frauenknast dürfte mit ihrem Erfolg Netflix selbst überrascht haben. Beste Kritiken und mehrere Emmy-Auszeichnungen machen die Serie zu einem Paradebeispiel für den Grundsatz von Netflix, den der Internetdienst „The Verge“ so beschreibt: „Noch wichtiger als Klickzahlen sind Aufmerksamkeit, Aufregung und im Zentrum der kulturellen Diskussion bleiben.“ Quelle: Netflix/Cara Howe
House of Cards – 60 Millionen pro StaffelDie Geschichte um ein machtgeiles Politikerpaar erdachte zwar das britische Staatsfernsehen BBC. Doch sie wurde das Aushängeschild von Netflix. Zuerst weil „House of Cards“ mit Robin Wright und Kevin Spacey Topstars hatte, die alle Vorurteile über Politiker bestätigten. Die Produktionskosten stiegen von 4,5 Millionen Dollar auf zuletzt geschätzte sieben Millionen – pro Folge. Als Spacey nach einem Skandal um sexuelle Belästigung rausflog, zeigte sich aber: Das Publikum verliert nach größeren Veränderungen auch bei eingespielten Serien das Interesse. Quelle: imago images
Altered Carbon – 70 MillionenNichts reizt Filmemacher mehr als ein Stoff, der wegen zu gewagter Inhalte als unverfilmbar galt. Das Science-Fiction-Epos um einen Rebellen, der 250 Jahre nach seinem Tod in einem neuen Körper einen Mord aufklären soll, überraschte mit einem ausgefeilten Szenenbild. Das sorgte für ein Budget, das Hauptdarsteller Joel Kinnaman „größer als die beiden erste Staffeln von Game of Thrones“ nannte. Das wären rund sieben Millionen pro Folge. Quelle: Netflix
Marco Polo – 90 Millionen pro StaffelNetflix-Inhalte-Chef Ted Sanrandos wollte mit der Serie um die Zeit des venezianischen Abenteurers am Hof des sagenhaften Mongolen-Herrschers Kublai Khan Maßstäbe beim Erfolg setzen. Leider fiel die Serie trotz vieler teurer Kulissen und extrem aufwändiger Kostüme beim Publikum durch. Die zweite Staffel bekam sogar noch weniger Aufmerksamkeit. Quelle: Netflix/Phil Bray
Sense8 – 108 Millionen pro StaffelDie ambitionierte Fantasy-Serie über acht telepathisch verbundene Menschen aus aller Welt entstammt der Feder der erfolgreichen Wachowski-Geschwister (u.a. Matrix). Am Ende war der Mix aus Magie, Liebesgeschichte und Action zwar visionär, aber wohl zu vertrackt, um eine große Fangemeinde zu finden. Sie geriet zum finanziellen Flop. „Eine große teure Show für ein großes Publikum ist toll“, so Netflix-Programmchef Ted Sarandos. „Aber für ein kleines Publikum ist das selbst in unserem Modell schwer durchzuhalten.“  Quelle: Netflix/Murray Close

Dass wir aber von den tausenden Serien und Filmen bei Netflix und Konkurrenten auch nur einen kleinen Bruchteil konsumieren, fällt oft unter den Tisch. Das Meiste bei den Streamingdiensten interessiert uns doch auch nicht mal einen feuchten Kehricht. Und dennoch finanzieren wir all die Teenie-Grusel-Serien, chinesischen Koch-Dokumentationen und internationalen Standup-Comedy-Produktionen mit unseren monatlichen „Streaming-Gebühren“ mit. So gesehen auch ein Zwang. Der viele nicht stört. Weil wir selber Programmplaner spielen dürfen.

Was viele Kritiker des Rundfunkbeitrags oft übersehen (oder gar nicht wissen): Auch das Angebot von ARD und ZDF ist gigantisch und gut. Auf ihre deutsche Art.

Allerdings sind die vielen Unterhaltungs- und Doku-Hochkaräter in all den Mediatheken von NDR über ZDF bis BR vergleichsweise schwer zu finden. Es fehlt das übersichtlich aufbereitete Angebot aus einer Hand. Da gibt es die erste Staffel von Charité auch bei Netflix, die zweite nur in der ARD-Mediathek und das nur zeitlich befristet, von der ersten Staffel gibt es nur Trailer und den Hinweis auf daserste.de, dass sie im vergangenen Februar beim Spartensender ONE wiederholt wird (also eigentlich wurde).

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