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Werner knallhart
Quelle: dpa

Gemecker über E-Tretroller: Wartet auf die Kauf-Versionen!

Typisch deutsch: Da kommt was Neues und natürlich ist es „Chaos“, „Unsinn“, „lebensgefährlich“. Die Ersten rufen nach Verboten. Aber für vernichtende Urteile ist es viel zu früh. Das Beste kommt doch erst noch: der eigene E-Roller zum Mitnehmen nach Hause und in Bus und Bahn.

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Ich hatte mich schon gewundert: Da wird eine neue Technologie eingeführt, die nicht Auto ist, und Deutschland ist nicht explodiert. Aber natürlich gärt es. Jeder Redakteur in seiner Großstadtredaktion, der auf seinem Heimweg schon mal irgendwo einen umgekippten Elektro-Tretroller gesehen hat, schreibt von unerträglichem Chaos in unseren Innenstädten. Weil die Mobilitätswende ja jetzt gescheitert ist.

Und wenn ein Roller mit 20 km/h vorbeigerollt kommt (beziehungsweise gerast/gedonnert/geschossen kommt, wie man es bei 20 Sachen jetzt nennt), herrscht nun offenbar überall Panik.

Spiegel Online schrieb gerade noch Anfang des Monats: „E-Scooter-Plage. Ohne Helm und Verstand. Sie sollten den Verkehr erträglicher machen, stattdessen sind Elektroroller in Städten eine tödliche Gefahr.“ Und: „Scheuer wollte mit dem E-Scooter beweisen, wie modern er ist.“ BÄNG! Genau das ist das deutsche Problem! Exakt das! Menschen, die Freude am Fortschritt haben, werden von den ewigen Bremsern zu albernen Idioten erklärt. Wer Spaß an Neuem hat, muss aus Sicht der Reizgesättigten im Innern ein naives Kind geblieben sein. Und die, die Fortschritt gestalten, ernten Verachtung statt Unterstützung. Gott, so weit ist es schon, dass ich hier einen CSU-Mann verteidige.

Die Taz macht auch einen Haken an die Innovation und zitiert einen Unfallforscher: „Das war das Risiko nicht wert.“ War. Weil wir ja nach ein paar Wochen schon alles wissen. Haben damals 1886, als Carl Benz mit dem ersten Motorwagen vorgefahren kam, auch schon im Spätsommer alle gewusst, wie das alles ausgeht mit dem Auto?

Der Tagesspiegel hat übrigens auf seiner Seite ein Video von zwei Herren verlinkt, die mit E-Tretrollern im Tiergartentunnel umhergurken, was natürlich aus gutem Grund nicht erlaubt ist. Und zitiert den Taxifahrer, der das Video gemacht hat: „Ich finde das sehr gefährlich.“ Na, wenn der das sagt. Der Taxifahrer hat übrigens augenscheinlich wohl eine Ordnungswidrigkeit begangen, als er bei der Fahrt mit dem Handy das Video drehte. Das erwähnt die Zeitung allerdings nur nebenbei. Was ist jedoch gefährlicher: Ein Autofahrer mit einem tonnenschweren Geschoss unterm Hintern, der lieber rechtswidrig Filmchen dreht, statt sich aufs Autofahren zu konzentrieren? Oder zwei Rollerfahrer, die rechtswidrig in einem Tunnel fahren, nur weil es ein Tunnel ist?

Bereits gefühlt 48 Stunden nachdem E-Tretroller auf deutschen Straßen erlaubt worden waren, zogen die ersten Medien schon Bilanz: Mobilitätswende gescheitert. Next!

Mittlerweile fordert nun auch der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Andreas Gassen: „E-Tretroller sollten komplett verboten werden. (…) Aus medizinischer Sicht sind sie einfach zu gefährlich, also weg damit.“ Alles, was aus medizinischer Sicht zu gefährlich ist, einfach verbieten. So gesehen müsste Herr Gassen auch für ein Verbot von Kerzen sein. Gesundheitlich sind Kerzen im Zweifel nur von Nachteil.

Immerhin widerspricht in der Neuen Osnabrücker Zeitung direkt ein Unfallforscher (die sind sich also auch nicht einig). Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Versicherer sagt: „Ein Verbot der E-Tretroller so kurz nach der Einführung zu fordern ist Quatsch. (…) Wir stellen auch schwere Unfälle unter Beteiligung von Radfahrern fest – aber es würde niemand auf die Idee kommen, sie im Straßenverkehr zu verbieten.“

Danke, danke, danke! Leute, die klar an der Logik entlang argumentieren, schließe ich sofort in mein Herz. Es ist doch so:

  1. Das sicherste Verkehrsmittel ist immer das, das es nicht gibt. Mit dem verunglückt keiner.
  2. Wenn man die Roller an touristischen Hotspots in Reihe abstellt, darf man sich nicht wundern, wenn sie vor allem von denen genutzt werden, die zu Gast in der Stadt sind: Leute in Urlaubsstimmung aus aller Welt, die die neuen Verkehrsregeln in Deutschland nicht kennen und die Roller als Spaßmobil verstehen. Wer beim Sightseeing in Berlin oder Köln drei- oder viermal mit dem E-Tretroller durch den warmen Sommerwind fährt, schafft zuhause in Ratzeburg, Schwäbisch Gmünd oder Aix-en-Provence nicht gleich seinen privaten Pkw ab. Wie soll das also den Autoverkehr reduzieren?
  3. Das Preismodell der Roller-Vermieter ist nicht auf Dauernutzung ausgelegt. Mit 1 Euro Startkosten plus 15 Cent pro angefangene Minute kostet das Pendeln zur nächsten U-Bahnstation und zurück für Berufstätige pro Monat gut und gerne 80 Euro. Dazu kommt: Man kann sich nicht darauf verlassen, dass jeden Morgen und nach Feierabend immer ein Roller um die Ecke steht. Pendler werden deshalb nicht massenhaft auf die Mietroller umsteigen.

Was aber die meisten vergessen, die den positiven Einfluss der E-Roller auf unseren Stadtverkehr locker aus der Hüfte geschossen abschreiben: Könnten wir nur Fahrräder für 3 Euro pro Fahrt mieten, gäbe es hierzulande wohl keinen eigenen Radweg.

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