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Werner knallhart
Zug von FlixTrain Quelle: imago images

Geschäftsreise im FlixTrain: Powernapping im Hochbett

FlixTrains sind noch richtig beinharte Eisenbahn: Es rumpelt, es zischt, es zieht. Für DB-BahnCard-100-Vielfahrer wie unseren Kolumnisten ein Sprung zurück in gute alte InterRail-Zeiten. Viele im ICE längst verloren gegangene Bahn-Gimmicks existieren im FlixTrain noch.

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Da merkt man mal, wie schnell man im Tunnel ist. Also im Tunnel der eigenen Beschränktheit. Als ich mir überlegte, mit einem FlixTrain auf seiner Jungfernfahrt von Berlin nach Köln mitzufahren, hüpfte in mir direkt der Gedanke hoch: Aber ich habe doch eine BahnCard 100.

Ich bin seit Jahren Stammkunde der Deutschen Bahn. Wenn ich zum Beispiel sehe: Ah, da fährt ein ICE 2 ein, dann weiß ich auswendig, in welchem Wagen die BahnComfort-Plätze sind – exklusiv freigehalten für Vielfahrer wie mich. Wenn im Bordrestaurant die neue Speisekarte ausgelegt wird, stöbere ich sie neugierig durch, wie damals den Kühlschrank, wenn Mama und Papa samstags vom Großeinkauf kamen.

Im ICE ist alles gedämpft. Gedämpft leise (sogar die Passagiere raunen meist nur gedämpft), das gedämpfte Licht ist nicht zu hell, nicht zu dunkel und nur Wenigfahrer regen sich über Verspätungen auf; bei Vielfahrern ist selbst die Erwartung an die Pünktlichkeit gedämpft. Naja.

Persönliche Eindrücke aus dem grünen Zug
Die neue Route ins Rheinland. Dank FlixTrain mit dem unschlagbaren InterRail-Urlaubs-Gefühl auf der Fahrt zum Geschäftstermin. Quelle: Marcus Werner für WirtschaftsWoche
FlixTrain lässt auch Personal vom Konkurrenten an die Hebel. Steht da zumindest. Quelle: Marcus Werner für WirtschaftsWoche
Da versteht FlixTrain keinen Spaß. Fernzugtickets im Bordverkauf gibt es ganz regulär nur bei der Deutschen Bahn. Quelle: Marcus Werner für WirtschaftsWoche
Das ist der Beweis: Defekte Toiletten sind kein exklusives DB-Problem. Quelle: Marcus Werner für WirtschaftsWoche
Mit Schuhen aufs Polster. Wenn, dann nur mit Zehenspitzen. Der Mitarbeiter macht es vor. Quelle: Marcus Werner für WirtschaftsWoche
Urig mit frei beweglichen Stühlen. Das Bordrestaurant. Quelle: Marcus Werner für WirtschaftsWoche
Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen. Nach Köln. Statt nach San Francisco in zerrissnen Jeans. Quelle: Marcus Werner für WirtschaftsWoche

Und jetzt also FlixTrain. Der mit den Billigtickets und den Nostalgie-Wagen aus Zeiten, in denen es noch hieß „Türen schließen selbsttätig“. Der in Flixbus-Farben quietschgrün lackierte Zug steht am Berliner Südkreuz bereit für seine erste Fahrt von Berlin nach Köln über die bekannte ICE-Route. Nur eine Stunde langsamer. Weil die Waggons nur bis 200 Stundenkilometer zugelassen sind. Früher war das mal schnell.

Vor der dröhnenden modernen Lokomotive verbreitet der Geschäftsführer von FlixTrain Fabian Stenger am Bahnsteig kurz vor dem Aufbruch noch Aufbruchstimmung. Und der Chef von Greenpeace Energy Nils Müller erklärt uns Journalisten, warum FlixTrain anders als die Deutsche Bahn mit wirklichem, echten Ökostrom fahre.

Ich klettere die eingelassenen Gitterstufen hoch und rein in den Zug. Stimmt ja, so sahen Eisenbahnen damals aus. Es fühlt sich an wie Deutsche Bundesbahn. Neben Messingdrehknöpfen mit daumendicken Knaufen (zu/auf) im Gang steht auf einem verkratzten Schild: „Betätigung nur durch Berechtigte und DB Personal“. Das kann nicht stimmen, es wäre sonst ein sehr umständliches Geschäftsmodell.

Wer beim FlixTrain von einem Wagen zum anderen laufen möchte, muss viele alte Dinge anfassen. Die erste Tür geht mit einem Hebel auf, der sich bewegen lässt wie ein hochkant gestellter Bürolocher. Es zischt, die Tür prescht zurück, es riecht nach Dichtungsgummi und Schmierfett, um einen herum hängen Schläuche. Tageslicht fällt durch die Lücken im Boden des düsteren Zwischenraums. Die nächste Tür lässt sich nur an einer winzigen abgegrabbelten gelben Taste im Griff öffnen. Zisch! Schnell weiter. Der Zug zuckelt schon los.

Im FlixTrain ist die alte 1. Klasse der Deutschen Bahn nun auch 2. Klasse. Mit den legendären rosafarbenen breiten Sesseln und mit den rund geschwungenen Kopfstützen. In den neuen ICE 4 kommen diese gerade wieder. Der FlixTrain hat sie noch.

Und im Toilettenraum kleben noch die legendären Schilder in vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch und – es ist sowas von InterRail: „Vogliate lasciare questo luogo nello stato in cui lo vorreste trovare. Grazie!“ Damit auch die Italiener wissen, dass sie das Klo bitte nicht eingesaut zurücklassen sollen.

Aber das Einzige, was FlixTrain bislang neben WLAN an der Innenausstattung angepasst hat: Sie haben überall eigene Hinweis-Aufkleber hingeklebt. Keine schlechte Idee, denn die Art der Ansprache der Kunden verleiht dem alten DB-Zug mit wenig Aufwand FlixTrain-Charakter. Man versteht sofort den Start-up-Spirit. Denn so steht neben dem DB-Nostalgie-Aufkleber: „Bitte halte die Toilette sauber und wirf keine Papierhandtücher ins WC.“

AHA! Beim Austreten merkt der aufmerksame FlixTrain-Passagier: Hier weht ein anderer Wind. Wir werden geduzt. Und das allein ist schon eine Revolution auf Schienen. Denn anders als eine unprätentiöse Fernreise mit dem Bus, der das Image von Klassenfahrt mit Schuhe-Werfen und Mezzo-Mix-Rumspritzen anhaftet, hat eine Zugfahrt grundsätzlich etwas Einschüchterndes. Das schwerfällige gigantische Gespann, das Procedere mit „Vorsicht an den Türen“, die Kelle, das Pfeifen – und dann sind einige der Zugchefs bei der Deutschen Bahn ja sogar noch Beamte. Mit Zugchef-Mütze und ganz viel klimpernden Schlüsseln und Geräten an der Uniform sind sie die Autorität an Bord.

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