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Werner knallhart

Coming Home for Christmas: Aerosol-isoliert im ÖBB-Nachtzug

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Guter Sekt, Stirnabdruckfett am Fenster und Wasserrinnsal aus der Klimaanlage

Zumindest betrat ich dann meine kleine Nachtresidenz im Jet. Obergeschoss, Panorama-Fenster (die im Winter auf einer Fahrt von abends bis halb sechs morgens allerdings natürlich nichts anderes sind als schwarz glänzende Flächen mit Stirnabdruckfett), zwei Stühle am Tisch, Garderobe, Badezimmer mit Dusche, Duschgel, zuschaltbarer, in die Wand eingelassener Heizfläche und sogar Fön.

Gerade war ich dabei, die Seele so richtig durchbaumeln zu lassen, da klopfte es an der Tür, und der dritte Mensch, dem ich auf dieser Reise begegnete, der (Maske tragende) Zugbegleiter, reichte mir am langen Arm eine eisgekühlte Flasche Sekt herein. Die würde mir später beim Einschlafen helfen. „Fürs Frühstück könnan Sie auf der Karte füünf Saachen an-kreuzan.“

Aber erstmal eine heiße Dusche. In der Duschwanne lag noch eine angebrochene Duschgeltube. Da mag der Reinigungsservice einen Augenblick durch irgendetwas Spektakuläres abgelenkt gewesen worden sein. Aber sauber war´s, und das Wasser kam in einem heißen, harten Strahl. Beeindruckend erfrischend. Augen zu, heiß im Nacken, und das leichte Schwanken des Zuges: Weihnachten, ich komme! (Jetzt lassen Sie mir bitte dieses kleine bisschen Chris-Rea-Gefühl in diesen Zeiten!).

Sektflasche
Heizknopf


Allein auf der ÖBB-Weihnachts-Nachtzug-Isolierstation

Der Fön war so ein vergilbtes 80er-Jahre-Hotelgerät mit Luftschlauch im Staubsaugerformat. Und kam nur auf Zimmertemperatur. Der Sekt war gut, die Einweg-Hotelpuschen groß genug für meine 46er, es gab nicht die Spur von WLAN, die Bettdecke war warm, das Kissen zu klein, zu weich, aber immerhin in Brotlaib-Größe knüllbar. Aber das Beste: Von der Wand neben dem Esstisch rann die ganze Zeit in dünnem Strahl das Wasser der Klimaanlage herab. Dies war für mich das gute Zeichen: Hier wird für mich unter Hochdruck gelüftet (denn regnen tat es nicht). Ich und meine Aerosole - wir waren unter uns. So konnte ich zumindest viereinhalb Stunden schlafen. Auf der ÖBB-Weihnachts-Nachtzug-Isolierstation.

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    Heute Morgen um 4 Uhr 58 kam das Frühstück. Huch! Es hieß doch 5. Meine Haare! Dann: Mein erstes Honigbutterbrötchen seit Jahren. Fast hätte ich beim Aussteigen die altmodischen Kurbeltürklinken nicht runter gewuchtet bekommen. Das waren noch Zeiten. Bei den ÖBB leben sie weiter – sage ich ohne deutsche Häme. Denn bei der DB gibt es nicht einen eigenen Schlafwagen. Schon irgendwie komisch, dass die da keine Ideen aufbringen, wie man die Kunden mit einem modernen Nachtzugkonzept aus den Hotels auf die Schiene locken kann.

    Auf dem Bahnsteig war ich einer von zwei Passagieren. Mein Zugbegleiter und ich winkten uns zum Abschied über zwei Wagenlängen hinweg zum Abschied zu.

    Auf meiner 600-Kilometer-Weihnachtszugreise durch ganz Deutschland über insgesamt fast zehn Stunden mit Wartezeit war ich in Lounge und Jet zusammengenommen insgesamt drei Menschen für jeweils rund zehn Sekunden auf zwei Meter nah gekommen. Mit FFP2. Diesen Vorzug des Nachtzugs in Pandemiezeiten konnte damals natürlich wirklich keiner ahnen, als man den CityNightLine und längst davor den InterCityNight aus dem Fahrplan geschmissen hat.

    Mehr zum Thema: Vier Staatsbahnen wollen die Nachtzüge in Europa wiederbeleben – etwa von Berlin nach Paris. Die Initiative hätte es wohl nie gegeben ohne das Engagement der Österreichischen Bundesbahnen.

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