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Werner knallhart

Leitungswasser im Restaurant: gratis und ohne Gemoser?

Ein Glas Leitungswasser kostet den Gastronom rund 0,1 Cent. Trotzdem ist es in Deutschland immer wieder Grund für Knatsch zwischen Gast und Kellner. Langsam ändert sich was – doch nicht immer zugunsten der Gäste.

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Das Glas Leitungswasser: Immer wieder Grund für Knatsch zwischen Gast und Kellner. Quelle: dpa

Einige Atheisten sagen ja so flapsig: Der ärgste Feind der Religion ist das Gehirn. Man könnte auch sagen: Wer sieht, wie viele Menschen auch ohne Religion wunderbar durchs Leben kommen, macht sich schnell mal seine Gedanken.

Insofern verhält es sich mit der Religion unter einem Aspekt exakt genauso wie mit teurem Mineralwasser im Restaurant. Weil wir Deutschen seit Jahrzehnten bei unseren europäischen Partnern erleben, dass man im Restaurant ohne Gemurre wie selbstverständlich Leitungswasser serviert bekommt, sitzen uns die sechs Euro für eine Flasche Markenwasser lange nicht mehr so locker.

Schließlich bekommt man in Frankreich meist ungefragt Wasser aus dem Hahn zum Menü dazugestellt. Und in Großbritannien ist der Betreiber der Gaststätte sogar verpflichtet, zum Alkohol kostenlos Wasser anzubieten, selbst wenn man nichts isst. Der Gesundheit des Gastes zuliebe. Verdünnt schlagen die Spirituosen nicht so auf den nüchternen Magen.

Als gute Europäer solidarisieren wir uns da gerne und fangen auch damit an:

Gast: "Und dann hätte ich gerne noch ein Glas Wasser."

Kellner: "Mja, gerne. Wir haben da San Pele..."

Gast: "Ach, nö. Einfach aus der Leitung ist wunderbar. Danke."

Hohoho, wie wird der Kellner auf diesen Wunsch nun wohl reagieren? Wir sind hier schließlich in Deutschland.

Zehn Tipps zum richtigen Trinken
Warum ist Wasser so wichtig?Wasser ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Lebenselixier. Wir bestehen zu etwa 60 Prozent aus Wasser und können ohne Flüssigkeitszufuhr gerade einmal drei Tage überleben. Wasser schützt unseren Körper vor Überhitzung und ist an vielfältigen, lebensnotwendigen Stoffwechselprozessen beteiligt – etwa der Ausscheidung von Salzen über den Urin. Allein dafür brauchen wir mindestens 700 Milliliter Wasser täglich. Im Durchschnitt gibt ein Erwachsener pro Tag 1440 Milliliter Wasser über den Urin, 160 Milliliter über den Stuhl, 550 Milliliter über die Haut und noch einmal 500 Milliliter über die Lunge ab. Quelle: REUTERS
Die richtige MengeWie viel Wasser der Mensch benötigt, ist individuell verschieden. Es hängt unter anderem mit den klimatischen Bedingungen, der körperlichen Aktivität und der Nahrungszusammensetzung zusammen. Mediziner nennen die Faustregel: Erwachsene sollten 30 bis 40 Milliliter Flüssigkeit pro Kilogramm Körpergewicht zuführen. Das kann in Form von Getränken oder flüssigkeitshaltiger Nahrung geschehen. Ein 60 Kilogramm schwerer Erwachsener sollte also mindestens 1,8 Liter (30 ml mal 60 Kilogramm) Flüssigkeit am Tag zu sich nehmen. Im Durchschnitt beziehen wir 800 Milliliter davon allein aus der Nahrung. So liefert etwa ein Apfel von 125 Gramm rund 106 Milliliter Wasser, ein 150-Gramm-Becher Joghurt hat etwa 119 Milliliter Wasser. Besonders wasserhaltig sind auch Gurken, Tomaten oder Wassermelonen. Das kann Trinkmuffeln helfen, ihren Bedarf zu decken. Herzkranke Menschen sollen nicht mehr als zwei Liter am Tag trinken, um den Kreislauf nicht unnötig zu belasten – sie sollten die richtige Trinkmenge unbedingt mit dem Arzt besprechen. Quelle: AP
Was sollte man trinken?Unsere Getränke sollten möglichst wenig Zucker enthalten, denn der liefert nur überschüssige Kalorien. Das kann leicht zu Übergewicht und Diabetes führen, denn wer ist schon nach ein paar Gläsern Cola satt und isst entsprechend weniger? Kalorientechnisch schlägt ein Liter aber mit rund 430 Kilokalorien zu Buche – das ist mehr als eine Portion Hühnerfleisch (200 Gramm). Purer Saft ist da übrigens auch nicht besser. Deshalb sollte man vor allem Wasser und ungesüßte Früchte- oder Kräutertees trinken. Ein Spritzer Zitrone, eine Scheibe frischer Ingwer oder Minzblätter peppen den Sprudel auf. Fruchtsäfte sollten vor allem zu Schorlen (ein Teil Saft, zwei Teile Wasser) gemixt werden. Quelle: dpa
Zählt Kaffee als Getränk?Von Kaffee dachte man lange, dass er dem Körper Flüssigkeit entzieht. Tatsächlich kann er aber zur Flüssigkeitsbilanz des Körpers beitragen. Zwar hat Kaffee harntreibende Wirkung – wer regelmäßig Kaffee trinkt, wird aber eine Abschwächung des Effekts bemerken. Gerade bei älteren Menschen, die häufig zu wenig trinken, kann die gewohnte Tasse Kaffee am Morgen einen wichtigen Beitrag zur Flüssigkeitsversorgung leisten. Wegen der anregenden Wirkung des Koffeins ist Kaffee aber zum Beispiel für Kinder nicht geeignet – ebenso wenig wie grüner oder schwarzer Tee. Quelle: dpa
Bier als Durstlöscher?Bier hat fast genauso viele Kalorien wie Limonaden und Säfte. Was bei Letzteren aus dem enthaltenen Zucker kommt, liefert das Bier über den Alkohol – Starkbier bringt entsprechend mehr Kalorien mit. Dass Alkohol ein Energieträger ist, wird gern vergessen. Alkoholfreies Bier, sogenanntes Diät- oder Leichtbier, hat im Schnitt immer noch 260 bis 300 Kilokalorien pro Liter. Das sind zwar rund 40 Prozent weniger als bei „normalem“ Bier, sollte aber dennoch nicht vernachlässigt werden. Weil die meisten alkoholfreien Biere viel Kalium und Kalzium enthalten, sind sie – in Maßen genossen und keineswegs für Kinder – ein guter Durstlöscher. Quelle: dpa
Light-Cola und –LimonadenÜber die gesundheitlichen Auswirkungen von Süßstoffen wird in der Wissenschaft nach wie vor viel gestritten. Zwar sparen sie die Kalorien, die Zucker liefert, ein. Aber Studien zeigen, dass gerade Kinder so an den Geschmack „süß“ gewöhnt werden und sich nach und nach die Reizschwelle erhöht. Außerdem stehen manche Süßstoffe im Verdacht, krebserregend zu sein (zum Beispiel Cyclamat und Saccharin) – andere führen bei übermäßigem Genuss zu Blähungen und Durchfall (zum Beispiel Maltit oder Xylit). Quelle: REUTERS
Woran man einen Wassermangel erkenntVerliert der Körper mehr Wasser, als zugeführt wird, spricht man von einer Dehydratation. Schon bei einem Wasserdefizit von etwa 0,5 Prozent (bezogen auf das gesamte Körperwasser) entsteht normalerweise ein Durstgefühl. Fehlt dieses, gibt es noch andere Anzeichen: -          Mundtrockenheit, trockene Schleimhäute, eine rissige Zunge -          presst man die Haut, etwa des Handrückens zusammen, bleibt die Hautfalte stehen -          allgemeine Schwäche und auch geistige Eintrübungen: Reaktionsvermögen und Konzentrationsfähigkeit sind schon bei Flüssigkeitsverlusten von zwei Prozent herabgesetzt -          Kopfschmerzen und Müdigkeit -          der Urin ist dunkel und verströmt einen intensiven Geruch, weil er stark konzentriert ist. -          eventuell Fieber, schneller, flacher Puls und niedriger Blutdruck Eine starke Austrocknung von mehr als 20 Prozent der Körperflüssigkeit kann schließlich zu einem lebensbedrohlichen, akuten Kreislauf- und Nierenversagen führen. Quelle: dpa

Nun ja, so ist es mir einst tatsächlich wieder bei der Bestellung eines Abendessens zu zweit in Berlin passiert:

Ich: "Einfach aus der Leitung ist wunderbar. Danke."

Kellnerin: "Oh, das machen wir aber nicht".

Ich legte kurz meine Strategie zurecht: devot-beschämter Rückzug oder die höfliche aber bestimmte Kunde-ist-König-Replik. Ich wählte B:

"Hmm, das ist aber schade. Wir haben gerade Vorspeisen und Hauptgänge bestellt, trinken einen Aperitif und haben uns schon eine Flasche Wein ausgesucht."

"Leute, sorry, aber das machen wir nicht."

(Zur Erinnerung: Es ging nicht um die Herausgabe des Aktivierungscodes für das Atombomben-Arsenal, sondern um zwei Gläser Leitungswasser im Wert von zusammen 0,2 Cent.)

Diese Regeln gelten bei einem Geschäftsessen

Selten war ich mir mit meiner Begleitung so einig:

"Gut, dann bezahlen wir jetzt die Aperitifs und gehen."

Die Gastgeber und wir: Es harmonierte einfach nicht. Wegen 0,2 Cent.

"Haben Sie noch eine Serviette für mich? Meine ist mir runtergefallen."

"Könnten Sie uns noch eine Kerze bringen? Die vor uns ist ausgebrannt."

"Sie haben nicht zufällig ein paar Zahnstocher da?"

All diese Extrawünsche wären selbstverständlich kostenlos erfüllt worden. Obwohl sie mindestens so hohe Extra-Kosten verursacht hätten. Eine Kerze kostet gut und gerne 50 Cent und damit das 2500-fache vom Wasser. Doch wegen der Bitte um das verdammte Wasser ließ sich der Gastro-Profi dazu hinreißen, die Kunden zu düpieren.

Aber hat er vielleicht sogar recht? War nicht er der Geizhals, sondern wir?

Ein Frage der Philosophie

Lobbyisten, die es gut meinen mit den Gastronomen, argumentieren ernsthaft: Es geht nicht um den Materialwert des Wassers, sondern sozusagen um die Beschaffungskosten. Der Service sei ja durch die Personalkosten und die genutzte Infrastruktur (das Glas) so teuer.

Überlegen wir mal: Okay, der Kellner muss ja schließlich nach dem Glas im Regal greifen (5 Sekunden), den Wasserhahn öffnen (1 Sekunde), das Glas drunter halten (4 Sekunden) und das gefüllte Glas mit auf das Tablett zu den anderen Getränken stellen (3 Sekunden). Durch das Servieren gemeinsam mit dem Wein geht keine zusätzliche Zeit auf dem Weg zum Tisch verloren. Danach muss das Glas gespült werden. Vielleicht passiert das nicht in der Maschine, sondern manuell (circa 10 Sekunden). Macht zusammen 23 Sekunden Arbeit.

Wenn Schlürfen zum guten Ton gehört
ChinaDie Essstäbchen sollten nie senkrecht in den Reis gesteckt werden, das bringt Unglück und ist ein Totenritual. Verboten ist ebenfalls: Nase schnäuzen. Dafür geht man in der Volksrepublik auf die Toilette. Nehmen Sie auch nie die Speisen, die für den ganzen Tisch gedacht sind in die Hand - auch nicht, wenn Sie dadurch besser ans Essen kommen. Alles sollte dort stehen bleiben, wo es steht.
ItalienSpaghetti mit Löffel und Gabel aufrollen - das machen nur Menschen, die es nicht besser wissen. Eigentlich wird die Nudel ausschließlich mit der Gabel aufgerollt. In Italien werden sie außerdem meist nicht als Hauptgang, sondern als Vorspeise gegessen. Quelle: dpa
ÖsterreichIn einem Kaffeehaus sollte unbedingt ein sehr gutes Trinkgeld gegeben werden. Der Kellner muss außerdem gerufen werden. Er wird kommen, dabei aber wenig gesprächig sein. Quelle: dpa
EnglandEs gibt ein paar Sitten an die sich der Deutsche gewöhnen muss: Ein gediegenes Frühstück mit Brötchen, Käse und Wurst, gibt es in England kaum. Stattdessen werden Bohnen, Würstchen, Speck, Black Pudding, Kartoffelecken, Tomaten, Rührei und Champignons aufgetischt. Tee-Zeit ist immer 17 Uhr, wobei es auch hier eine komplette Mahlzeit dazu gibt. Quelle: dpa
JapanSuppe darf ausdrücklich geschlürft werden, die Köche werden es wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Denn es wird davon ausgegangen, dass das Aroma der Nudeln erst durch das laute Aufsaugen aus der Suppe zur Geltung kommt. Bei anderen Speisen sollte es hingegen unterlassen werden - es gilt auch dort als unhöflich. Quelle: REUTERS
GriechenlandDas kleine Häppchen, was da auf dem Teller liegt, wird gewiss nicht alles gewesen sein: Die Griechen zelebrieren ihr Essen und dehnen es über mehrere Stunden aus. Deshalb gibt es immer kleine Gänge bzw. viele Gerichte, die sich alle gemeinsam teilen. Kleckern ist übrigens ausdrücklich erlaubt. Quelle: dapd
SchwedenIn schwedischen Cafés ist Selbstbedienung angesagt: Dort wird nicht nur bestellt, sondern auch bezahlt. Nach dem Bezahlen dürfen sich die Restaurantgäste so oft Kaffee nachschenken wie sie möchten. Köttbullar und Stockfisch sind also nicht die einzigen Besonderheiten der schwedischen Küche. Quelle: dpa

Erledigt das eine Kraft mit Mindestlohn von 8 Euro 50, dann kostet das Glas Wasser den Gastronomen 5,4 Cent. Plus die Kosten für das Wasser selber: 5,5 Cent. Und noch das Spülwasser und das Spülmittel anteilig obendrauf: sagen wir 1 Cent.

6,5 Cent. Das sind die Kosten für den Service, dem Gast ein Glas Leitungswasser zu servieren. Und da diskutieren wir noch?

Aber natürlich. Denn die Klage über die hohen Kosten, die der Service verursacht, ist natürlich vorgeschoben. Aufrichtig wäre es zu sagen: Fünf Euro für eine Flasche San Pellegrino zu kassieren, die bei Metro 76 Cent netto kostet, ist angenehmer, als 6,5 Cent zu investieren für nix. Wer Leistungswasser kostenlos trinkt, bestellt kein Markenwasser.

Und weil immer mehr Gäste dank ihrer Auslandserfahrung ihre Skrupel abgelegt haben und Leitungswasser ordern, wagen einige Gastronomen den Gegenschlag und berechnen für Leitungswasser von 1 Euro 50 fürs Glas bis gut und gerne 6 Euro für die Karaffe. Und müssen für die Ware noch nicht einmal mit dem Lieferwagen los. Damit wird das Leitungswasser aus der Perspektive der Restaurants sogar sensationell lukrativ mit einem Gewinn von 9000 Prozent der Investition.

Die zehn Knigge-Basics

Letztendlich ist es eine Frage der Philosophie. Die Inhaberin des gemütlichen kleinen Kreuzberger Cafés Kombrink, in dem ich in dieser Sekunde sitze und schreibe, hat mir gerade gesagt: "Ja, vielleicht bestellen dafür einige Leute weniger Mineralwasser. Aber meine Güte, wenn ich irgendwo Kaffee trinke, erwarte ich selber ein Gläschen Wasser dazu. Die Leute stehen hier ja nicht Schlange, um nur kostenlos Wasser zu trinken."

Viele Gastronomen haben längst begriffen: Kostenloses Wasser setzt sich langsam durch. Selbst zum Cappuccino. Und wenn die modernen Café-Häuser ihren jugendlichen Gästen Wasserkaraffen mit Minzblättern, Zitrone oder eisgekühlt an die Kasse neben den Zimtstreuer stellen, dann erwartet diese Generation diesen Service bald überall. Auch im Restaurant.

Ich bin für folgenden Kompromiss: Wer etwas anderes zu trinken bestellt - sei es Wein oder eine Cola - der soll auch zusätzlich Anspruch auf ein Glas Wasser haben. Wer sich das Geld für Getränke komplett sparen will, muss eben durstig bleiben oder heimlich auf der Toilette am Waschbecken auftanken.

Und sollten die Restaurants befürchten, durch diesen Extraservice an den Kosten zugrunde zu gehen, sollen sie doch einfach die Preise für das Essen anheben. Dann kostet das Schnitzel in Zukunft eben nicht mehr 9 Euro 90, sondern 9 Euro 96 fünf.

Aber komm, runde Summe: mit Trinkgeld 10 Euro.

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